Heißgelaufene Freibad-Debatte Wie ein kollektiver Trotzanfall im Kinderplanschbecken
In der heißgelaufenen Freibad-Debatte braucht es dringend Abkühlung und einen differenzierten Blick, findet unser Redakteur.
In der heißgelaufenen Freibad-Debatte braucht es dringend Abkühlung und einen differenzierten Blick, findet unser Redakteur.
Einen ganzen halben Tag – so lang musste das Freibad in Böblingen am Mittwoch schließen, weil kurzfristig wegen Krankheitsfällen nicht genug Schwimmmeister zur Verfügung standen. Dummerweise passierte dieses hochdramatische Ereignis ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres – weswegen nach kürzester Zeit auch die Gemüter der Badegäste mächtig erhitzt waren.
Während die einen in umliegende Freibäder auswichen und diese damit teils an ihre Kapazitätsgrenzen brachten, suchten andere sich virtuelle Abkühlung, indem sie ihre Wut auf Facebook an den Stadtwerken Böblingen ausließen. Dort hatte das Social-Media-Team über die Schließung informiert und um Verständnis gebeten.
Verständnis, Empathie, gegenseitige Wertschätzung und andere für ein funktionierendes Gesellschaftsgefüge nützliche Eigenschaften sind in den Sozialen Medien allerdings ein knappes Gut, wie sich an den Kommentaren unter dem Stadtwerke-Post ablesen lässt. Dort finden sich zwar durchaus viele Worte des Dankes, der Akzeptanz oder Genesungswünsche fürs erkrankte Personal, es gibt allerdings auch sehr viel Gemotze, Häme und zum Teil auch offene Hetze. Umgangston und Debattenkultur liegen dabei in etwa auf dem Niveau eines kollektiven Trotzanfalls um die letzte freie Schwimmnudel im Kinderplanschbecken.
Genau wie im echten Leben sind es dann diejenigen, die am lautesten krakeelen, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen – sehr zum Leidwesen des bemitleidenswerten Social-Media-Menschen, der so eine heißgelaufene Debatte bis spät in die Nacht moderieren darf. Bei den Stadtwerken Böblingen tut man dies mit einer bemerkens- und bewundernswerten Geduld und Gelassenheit.
Wenn hier zum Beispiel einer der üblichen Verächtlichen weitab vom eigentlichen Thema von „Merkels Gästen“ schwadroniert, die in einem geschlossenen Freibad ja zumindest keine Frauen vergewaltigen könnten, dann bleibt so ein Kommentar nicht unwidersprochen stehen. Auch ein sarkastisch hingerotztes „armes Deutschland“ erntet als Gegenreaktion einen Hinweis darauf, dass es in Böblingen seit mehr als 70 Jahren ein verlässlich funktionierendes Freibad gibt.
Aber Miesmachen und Untergangsstimmung verbreiten, gehört nun einmal zum Einmaleins des Populismus. Das spiegelt sich auch in der Debatte um einen Bericht dieser Zeitung wieder, in dem Sindelfingens Bäderchef Roland Eckardt von zunehmender Aggressivität unter den Badegästen berichtet. Auch hier kommt reflexartig der Anpfiff vom rechten Beckenrand. Schuld sind, man ahnt es, natürlich die kriminellen Ausländer.
Wer den Bericht genau liest, bekommt jedoch ein differenzierteres Bild darüber, wo die wahren Ursachen liegen könnten. Roland Eckert sieht nämlich „eine allgemeine Unzufriedenheit mit der politischen und gesamtgesellschaftlichen Lage in Deutschland“, die dafür sorge, dass die Zündschnur bei den Menschen im Freibad immer kürzer werde.
Insofern sind die Konflikte zwischen Rutschbahn und Badetuch nichts anderes als eine Fortsetzung dessen, was sich tagtäglich in den Sozialen Medien, im Straßenverkehr, auf dem Schulhof oder an der Seitenlinie auf dem Fußballplatz abspielt: Der Umgangston wird immer rauer und die Unzufriedenheit immer größer, teilweise sicher zurecht.
Keine Frage: Dieses Land hat eine Menge Probleme. Es gibt aber auch ein schier unbegrenztes Potenzial an fähigen und motivierten Menschen unterschiedlichster Herkunft. Wir sind diese Menschen. Wir halten dieses Land am Laufen – ob im Beruf oder im Ehrenamt. Und wir sollten uns von niemandem einreden lassen, dass unser Land den Bach runtergeht, nur weil einmal für einen halben Tag ein Freibad schließen muss.