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InterviewHeisskalt im Interview „Wir gehen ja nicht auf Null zurück“

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Heisskalt haben vergangene Woche ein neues Album herausgebracht, ohne Ankündigung und ohne Label. Der Sänger Mathias Bloech erklärt, warum – und was uns das über die Band sagt, die am Freitag in Reutlingen und am Samstag bei Rock am Ring spielt.

Heisskalt sind nur noch zu dritt. Von links: Philipp Koch, Marius Bornmann, Mathias Bloech. Foto: Ilkay Karakurt
Heisskalt sind nur noch zu dritt. Von links: Philipp Koch, Marius Bornmann, Mathias Bloech. Foto: Ilkay Karakurt

Stuttgart - Und plötzlich ist da ein neues Heisskalt-Album in der Timeline: „Idylle“ bringt die Band komplett in Eigenregie raus. Was irgendwie seltsam anmutet, nachdem sie davor beim (von Chimperator herausgelösten) Label Department Musik sveröffentlicht haben. Nach dem Ausstieg des Bassisten Lucas Mayer ist die Band zudem zum Trio geschrumpft, auch live. Das ist für uns Grund genug, beim Sänger Mathias Bloech nachzufragen.

Mathias, als Heisskalt und meine Band im Juni 2011 vor einem sehr ausgesuchten Publikum auf einer Ludwigsburger Bühne gespielt haben, hattet ihr eine selbst aufgenommene Drei-Song-EP mit dabei. Habt ihr euch jetzt selbst wieder auf diesen Status zurückgesetzt?
Mathias Bloech: „Ich hatte schon die Drei-Track-EP im Pappschuber im Kopf und dass sich das total gut angefühlt hat, die Songs selbst aufzunehmen, die CD im Presswerk abzuholen und sie dann gegen freiwillige Spende zu verkaufen. Uns ging es jetzt, nachdem wir in den vergangenen Jahren so viele Schwierigkeiten hatten, darum, dass es sich wieder gut anfühlt. Dass wir eine gute Beziehung zu dem haben, was wir machen. Es fühlt sich zum Beispiel nicht so gut an, wenn wir eine Platte machen mit systemkritischen Inhalten drauf, und dann steht die im Media Markt im Regal. Aber wir gehen ja nicht auf Null zurück, sondern die Unwucht und diese Stimme, die wir als Band inzwischen haben, nutzen.“
Hier in Stuttgart gibt es eine Diskussion über die wirtschaftlichen Grundlagen von Popmusik. Hattet ihr die auch?
„Wir haben auch keine Partner gefunden, mit denen wir das hätten machen können, was wir wollen – zum Beispiel nicht bei Amazon sein. Wir als Heisskalt wollten wieder in erster Linie eine Band sein und nicht Teil einer Industrie, die auf Effizienz getrimmt ist. Wir haben dann gesagt: machen wir es eben selbst. Ich habe mir über die Wirtschaftlichkeit nicht so viele Gedanken gemacht. Mir geht es eher darum: bewerben wir unsere Facebook-Posts, damit die Leute die überhaupt sehen? Weil dann schüttest du ja diesem Konzern Geld in den Rachen ... und ich will auch nicht, dass unsere Musik so beworben wird wie ein 3er-BMW. Darum sollte es gehen: welche Strukturen brauchen wir für unser Schaffen?“
Was hat euch nicht mehr gepasst?
„Die Labelstruktur wirkt irgendwie veraltet. Da fließen unfassbare Summen. Das, was ursprünglich Labelarbeit war, nämlich das Verkaufen von Musik, trägt nicht mehr. Deshalb kommt mittlerweile häufig ein schlechterer Schnitt für Musiker rauskommt – weil die Bands abhängiger vom Label sind als andersherum. Das ist nicht gut für eine Band wie Heisskalt, die wirtschaftlich von live und Merch lebt.“
Musikalisch habt ihr euch seit der besagten Drei-Track-EP radikalisiert. Jetzt auch inhaltlich? Und woher kommt’s?
„Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Ich wollte mehr als bisher aus mir herausgehen – ohne den Leuten zu sagen, was sie zu tun haben, erst recht nicht aus einer Machtposition heraus, von der Bühne herab. Ich habe versucht, mit Erwartungen zu brechen und das größere Bild zu zeichnen. Ich wollte Kategorien auslösen“
Hat das auch mit dem Umzug nach Leipzig zu tun?
„Total. Ich führe hier ein politischeres Leben. Da hat es mich hingezogen. Ich hatte keine Lust mehr, in so einer Ohnmacht zu leben: dass mich das schon nervt, was alles passiert, aber dass ich gefühlt nichts dagegen tun kann. Seit ich in Leipzig lebe, habe ich das Gefühl, dass es völlig okay ist, mit Dingen unzufrieden zu sein. Weil ich auch die Möglichkeit fühle, Dinge anders zu machen.“
Am Freitag spielt ihr im Franz K in Reutlingen, am Wochenende dann erstmals bei Rock am Ring / Rock im Park.
„Das ist unser erstes Mal und ich bin derzeit von dem Gefühl noch etwas überfordert. Phil und ich wechseln uns am Bass ab. Toll fand ich auch, dass das Southside-Festival uns angefragt hat. Musikalisch fühlt sich das neue Album nicht mehr so schwer an. Wenn ich den Vorgänger ‚Vom Wissen und Wollen’ anhöre, denke ich mir nach sechs Songs: ‚Hör bitte auf, mich so anzubrüllen’.“
Ist Heisskalt die Wende gelungen? Und wie blickt ihr in die nähere Zukunft?“
„In letzter Zeit ging es stimmungsmäßig stark auf und ab. So ein Online-Shop baut sich ja auch nicht von alleine und wir hatten ja auch keine Unterstützung durch ein Label. Derzeit pegelt es sich ein bisschen ein. Wir machen derzeit sehr viele tolle Erfahrungen, die uns auch menschlich weiterbringen. Das wird auch zu einer Stabilität führen. Ich würde sagen: Ja, wir schaffen gerade den Turnaround. Aber ich traue mich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu sagen, ob das funktioniert, was wir machen.“

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