Heiz-System mit Potenzial Premiere in Marbach: Wärmepumpen nutzen Abluft aus Wohnungen zum Heizen

Bei klassischen Wärmepumpen stellt sich vor allem in dicht besiedelten Gebieten immer die Frage nach einem verträglichen Standort. Foto: dpa)

In einem neuen Mehrfamilienhaus in Marbach (Kreis Ludwigsburg) wurde eine Heiztechnik verbaut, die man bald immer öfter sehen dürfte. Gleich mehrere Probleme werden damit gelöst.

Die Wahrscheinlichkeit dürfte gar nicht so gering sein, dass eine in einem neuen Mehrfamilienhaus in Marbach verbaute Heiztechnik schon bald auch in anderen Gebäuden landauf, landab installiert wird. Denn die Abluftwärmepumpen, mit denen die Stadt jede Wohneinheit in dem als Geflüchteten-Unterkunft konzipierten Haus in der Wildermuthstraße bestückt hat, bieten gleich mehrere Vorteile.

 

Allen voran scheint sich mit dem System das Problem in Luft aufzulösen, in dicht besiedelten Gebieten einen Standort für eine klassische Wärmepumpe zu finden, an dem das Brummen den Nachbarn nicht auf die Nerven geht.

„Das war für uns auch der Ausgangspunkt der Überlegungen“, sagt Markus Kaiser, der stellvertretende Bauamtsleiter von Marbach. „Es ist bei einer dichten Bebauung manchmal fast unmöglich, einen Platz für eine größere Pumpe zu finden, der völlig konfliktfrei ist“, erklärt er. So kam er auf die Idee, bei dem Neubau in der Wildermuthstraße auf Abluftwärmepumpen als Alternative zu setzen. In Schweden sei diese Technik im Gegensatz zu Deutschland schon weit verbreitet, sagt Kaiser.

Das Prinzip sei einfach und doch wirkungsvoll. „Man muss sich das wie eine Lüftungsanlage vorstellen, die die Abluft aus der Wohnung absaugt und daraus Wärme generiert“, erklärt Kaiser. Genutzt würden somit indirekt sämtliche Wärmequellen in einer Wohnung – vom Fernseher über den Backofen bis hin zum Föhn und sogar den Bewohnern selbst. Aufgestellt seien die Geräte in den Bädern.

Für Frischluft ist auch gesorgt: diese ströme über schall- und wärmegedämmte „Zuluftöffnungen in der Außenwand nach“, erklärt Kaiser. Ein Schuh werde draus, wenn man den für den Betrieb benötigten Strom wie in dem Haus in der Wildermuthstraße teilweise über eine PV-Anlage selbst produziere. „Die Module auf dem Dach sind jeweils bestimmten Wohneinheiten zugeordnet“, sagt Kaiser.

Ein Pluspunkt sei zudem, dass jede Wohnung ihre eigene Pumpe habe, somit die mitunter leidige Abrechnungsproblematik bei der Heizung entfalle. „Es gibt lediglich wohnungsweise Stromrechnungen“, erklärt der stellvertretende Bauamtsleiter. Ein weiterer Vorteil sei, dass sich durch die Abluftanlage in den Wohnungen kein Schimmel ausbreiten könne, fügt er hinzu.

Ihren Strom beziehen die Abluftwärmepumpen des Geflüchtetenheims in Marbach unter anderem von der PV-Anlage auf dem Dach. Foto: Werner Kuhnle

Mindestens in Marbach scheint die Stadt damit eine Vorreiterrolle einzunehmen. „Mir ist hier kein anderes Gebäude bekannt, in dem die Technik sonst zum Einsatz kommt“, erklärt Kaiser. Er macht jedoch keinen Hehl daraus, dass die Technologie nur unter einer bestimmten Voraussetzung empfehlenswert sei: „Die Gebäude sollten ziemlich gut gedämmt sein.“

Sei das der Fall, könne er diesen Heizungstyp auch Privathaushalten ans Herz legen. „Das System ist hocheffizient. Ich halte das für eine gute Lösung. Man kann damit insbesondere auch die innerstädtischen Gas-Etagen-Heizungen ersetzen“, resümiert der Vize-Chef des Bauamts. Wenn man ohnehin neu baue oder ein Haus generalsaniere, würde es sich anbieten, über die Verwendung einer Abluftwärmepumpe nachzudenken, findet der Architekt.

Bundesverband glaubt, dass der Markt wachsen wird

Beim Bundesverband Wärmepumpe ist man überzeugt, dass genau das zunehmend geschehen wird. „Gerade im Neubau wird der Markt wachsen, als Alternative zu Gasheizungen, weil diese im Neubau keine Rolle mehr spielt“, prognostiziert Pressesprecherin Katja Weinhold. Bislang sei die Technologie der Abluftwärmepumpen in Deutschland „schlicht nicht sehr bekannt, das ist der Hauptgrund für das eher spärliche Vorkommen“.

Generell sei der Anteil von Wärmepumpen jeglicher Machart hierzulande viel geringer als in Skandinavien. Das liege vor allem daran, dass Strom dort günstiger sei, weshalb die „Entscheidung zwischen fossil betriebenen Heizungen und Wärmepumpen dort generell zugunsten von Wärmepumpen“ ausfalle.

In Schweden sogar in Einfamilienhäusern Standard

Was speziell die mit Abluft arbeitenden Geräte anbelange, so seien diese in Schweden sogar Standard in Einfamilienhäusern, ergänzt Verbands-Vorstand Klaus Ackermann.

Das Prinzip könnte folglich unter anderem besonders in Vierteln interessant werden, in denen sich Reihenhaus an Reihenhaus schmiegt und wo Platz für klassische Wärmepumpen eher knapp ist – wie im Marbacher Stadtteil Hörnle. Allerdings sind dort klassische Wärmepumpen im Außenbereich ebenfalls nicht per se tabu.

Wichtig sei jedoch, dabei die Grenzwerte für die Lautstärke nicht zu überschreiten, betont der Marbacher Bauamtsleiter Dieter Wanner. Bezugspunkt seien dabei sogenannte schutzbedürftige Räume, also Schlaf- oder Kinderzimmer der Nachbarn. Tagsüber dürfe dort in einem allgemeinen Wohngebiet beispielsweise maximal ein Schallpegel von 55 Dezibel vorkommen, nachts von 40 Dezibel.

„Es wird empfohlen, vor Inbetriebnahme der Luft-Wasser-Wärmepumpe eine einfache Schallpegelmessung durch den Fachbetrieb, der die Luft-Wasser-Wärmepumpe einbaut, oder eine andere geeignete Fachfirma durchführen zu lassen“, erklärt Wanner.

Die Kosten für eine Abluftwärmepumpe

Pro Einheit
Für die Installation einer Abluftwärmepumpe muss man pro Wohneinheit mit Kosten von grob 20 000 bis 30 000 Euro rechnen. Das hängt immer vom Einzelobjekt und den jeweiligen Begebenheiten ab.

Das Prinzip
Die Pumpe zieht die Brauchluft aus einer Wohnung ein und nutzt deren Wärme zum Heizen. Das unterscheidet dieses System von klassischen Wärmepumpen, die vor einem Haus aufgestellt sind und aus der Außenluft die benötigte Wärme generieren.

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