Heizen in Mehrfamilienhäusern Welche Alternativen gibt es zu Gas oder Fernwärme?

Vor allem in der Stuttgarter Innenstadt – wie hier im Westen – dominieren Mehrfamilienhäuser. Foto: Imago/Westend61/Werner Dieterich

Ein Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt, wie schwierig es in Mehrfamilienhäusern ist, zu einer Heizung mit erneuerbaren Energien zu wechseln. Was geht dennoch? Tipps vom Stuttgarter Energieberatungszentrum und dem Heizungshersteller Buderus.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Eigentlich würde er sich gerne an der Energiewende beteiligen. Doch Hans-Dieter Wohlfarth lebt – wie so viele Menschen – in einem Mehrfamilienhaus. Und wie bei vielen Eigentümergemeinschaften und Häusern mit mehreren Parteien gestaltet sich dort ein Wandel zur klimafreundlichen Heizung besonders schwierig. Schlussendlich wurde in dem Haus, in dem Hans-Dieter Wohlfarth wohnt, kürzlich dann nicht etwa eine Wärmepumpe, sondern es wurden neue Gasthermen eingebaut.

 

Doch geht es auch anders? Gibt es gangbare Alternativen zu fossilen Energien in Mehrfamilienhäusern – auch wenn man an kein Wärmenetz angeschlossen wird?

Warum ist es in Mehrfamilienhäusern kompliziert?

Sobald mehrere Parteien im Spiel sind, müssen sich die Eigentümer erst einmal einigen, was sie wollen und wie viel Geld sie ausgeben können. Und es gibt noch zwei weitere Probleme: Platz und Lautstärke. Mehrfamilienhäuser findet man oft in dichter bebauten Gegenden, wo man nicht so einfach draußen das Außenmodul einer Wärmepumpe aufstellen kann; also den Verdampfer. Die Nachbarn sind nah – und der Verdampfer, der seiner Umgebung Luft entzieht, ist lauter als etwa ein Vogelzwitschern.

Komplexere Lösungen werden automatisch auch teurer. „In der Theorie können wir jedes Haus mit nicht-fossilen Energien versorgen, aber die Frage ist: Zu welchem Preis?“, sagt Ulrich König, der Leiter des Energieberatungszentrums (EBZ) in Stuttgart.

Wozu führen diese Schwierigkeiten?

Manche setzen deshalb eben lieber doch noch länger auf fossile Energien – wie bei Hans-Dieter Wohlfarth. Ihm gehört eine von 16 Wohnungen in einem Gebäude in Öhringen (Hohenlohekreis). Das Gebäude dort hat zwei Abgassysteme, an die je acht Wohnungen angeschlossen sind. Jede Wohnung hat eine Gastherme. In einer dieser Wohnungen war nun die Heizung ausgefallen. Der Heizungsbauer sowie der Schornsteinfeger erklärten, es müsse zusätzlich zur neuen Heizanlage ein neues Abgassystem für den Kaminschacht eingebaut werden. In der Konsequenz wurden alle acht Gasthermen ersetzt. „Wir Wohnungseigentümer hatten uns darauf verlassen, dass wir nach dem neuen Gebäude-Energie-Gesetz (GEG) in aller Ruhe die für uns jeweils sinnvolle Entscheidung für die künftige Versorgung mit Wärme treffen können“, sagt Wohlfarth. In der Praxis konnten sie dann wenig mitreden.

Sind Wärmepumpen in Mehrfamilienhäusern möglich?

Einer der großen Hersteller von Wärmepumpen in Deutschland, die Firma Buderus aus dem hessischen Wetzlar, versucht diesbezüglich schon viel. So wurde ein Neubau im bayerischen Burghausen mit 42 Mietwohnungen mit drei Luft-Wasser-Wärmepumpen versorgt. Die drei Wärmepumpen wurden in Kaskade geschaltet, also miteinander gekoppelt. Der Strom kommt von Photovoltaik-Modulen auf dem Dach. Allerdings betont der Sprecher von Buderus, Joerg Bonkowski, dass es bei Neubauten viel leichter sei als bei bestehenden Gebäuden: „Im Neubau sind Wärmepumpen mit entsprechender Leistung sinnvoll und werden zunehmend nachgefragt.“

Was ist bei älteren Gebäuden möglich?

Während bei Neubauten die Außenmodule von Wärmepumpen auch schon auf Flachdächer gestellt werden, um das Platz- und Lautstärkenproblem zu umgehen, ist dies bei älteren Gebäuden mit spitzen Dächern schwierig. Es gibt aber die Option, in Mehrfamilienhäusern jede Wohnung einzeln mit „Kleinst-Wärmepumpen zu versorgen“, sagt Ulrich König vom EBZ. Der Verdampfer könne dann etwa auf dem Balkon stehen. „Allerdings kommt man da nicht umhin, vorher eine Innendämmung vorzunehmen, damit die Heizlast so gering wie möglich ist“, sagt er. Und dann steigen die Kosten.

„Im Bestand spielen auch Hybrid-Systeme eine zunehmend wichtige Rolle“, sagt der Sprecher von Buderus. Man kombiniert also etwa eine Wärmepumpe mit fossilen Energien. Die Gas- oder Ölheizung wird dann genutzt, wenn sehr viel Wärme benötigt wird. Bestehende Heizungsanlagen könnten dafür entsprechend umgebaut werden.

Gibt es gute Alternativen zur Wärmepumpe?

Auch etwa Stromdirektheizungen fallen unter das neue Heizungsgesetz. Doch Ulrich König vom EBZ sagt dazu: „Hände weg!“ Nur bei einer extrem gut isolierten Wohnung könne eine Infrarotheizung eine Option sein. Weil eine Kilowattstunde Wärme einer Kilowattstunde Strom entspricht, wird das Heizen damit schnell teuer.

Ist es auch eine psychologische Frage?

In Beratungsgesprächen fällt Ulrich König eines besonders auf: „Nach dem Desaster mit dem GEG trauen sich viele gar nicht mehr an das Thema Heizung“, sagt er. „Es besteht eine große Sorge, Fehler zu machen.“ Eigentlich bräuchte es inzwischen in allen Eigentümerversammlungen einen Coach, der die Menschen unterstütze, sagt er.

Zudem hätten die Deutschen gewisse Vorstellungen: „Hier herrscht der Anspruch, dass man eine Heizung nicht hört.“ In Ländern, die mehr Klimaanlagen nutzten wie etwa Kroatien oder Italien, sei dies anders – denn diese Geräte machten auch Geräusche. Ulrich König kann sich jedoch vorstellen, dass durch den CO2-Preis der Leidensdruck auch hier wachse und die Wärmewende dann doch schneller in Gang komme.

Wie ist die rechtliche Lage?

Das neue GEG tritt am 1. Januar 2024 in Kraft. Die Pflicht, Heizungen mit einem Anteil von 65 Prozent erneuerbaren Energien einzubauen, gilt jedoch zunächst nur für Neubauten. Ab 1. Juli 2026 gilt diese Pflicht bei der Installation einer neuen Heizungsanlage in Städten ab 100 000 Einwohnern. Ab 1. Juli 2028 dann überall – sofern die Kommune nicht vorher eine Entscheidung über die Ausweisung als Gebiet zum Neu- oder Ausbau eines Wärmenetzes oder als Wasserstoffnetzausbaugebiet getroffen hat.

Wo bekommt man Hilfe?

In und rund um Stuttgart gibt es die Energieberatungszentren. Zudem kann man online über eine Expertenliste des Bundes suchen: www.energie-effizienz-experten.de. Auch die Verbraucherzentralen bieten eine geförderte Einstiegsberatung an.

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