Aber zwei Argumente, die immer wieder zu hören sind, gelten schlichtweg nicht. Erstens: Deutschland soll mal aufhören, immer als Klassenprimus die Welt retten zu wollen. Dabei zeigt ein Blick in die EU vor allem eines: Deutschland ist gefährdet, als Klassenletzter sitzen zu bleiben. Kaum irgendwo in Europa ist der Anteil an Öl- und Gasheizungen noch so hoch wie hierzulande: Laut der AG Energiebilanzen wurde 2022 in Deutschland zu 49,3 Prozent mit Gas und zu 24,7 Prozent mit Öl geheizt. Ein Überblick von Eurostat zeigt indes: Grüne Energien beim Heizen haben in Deutschland einen Anteil von 15 Prozent, im EU-Schnitt sind es 22,9 Prozent, führend ist Schweden mit 68,6 Prozent.
Das Problem ist der Bestand
Und zweitens: Nur Deutschland, behaupten viele, setze auf eine rigorose Verbotspolitik. Auch das stimmt nicht. Österreich hat ähnliche Pläne, Frankreich hat Mitte 2022 Ölheizungen auch in bestehenden Gebäuden verboten, Norwegen hat Gas und Öl in Neu- und Bestandsbauten untersagt. Vielmehr ist Deutschland nach Großbritannien Zweitletzter, was den Einbau von Wärmepumpen anbetrifft. Bei uns wurden im vorigen Jahr pro 1000 Haushalte 5,75 Wärmepumpen installiert, in Österreich, Frankreich oder Italien waren es zwischen zwölf und 20, an der Spitze liegt Finnland mit fast 70 Wärmepumpen pro 1000 Haushalten, so die Zahlen der European Heat Pump Association. Der Wärmeexperte Matthias Sandrock vom Hamburg Institut resümiert: „Deutschland hat die letzten 20 Jahre verschlafen. Jetzt sind die Veränderungen leider schmerzhafter, als wenn man sie über längere Zeit hätte strecken können.“
Dänemark hat schon in den 1970er Jahren mit dem Umbau begonnen
Aber um auch das Positive zu betonen: In den ersten drei Quartalen 2022 wurde bei uns bereits in jedem zweiten Neubau eine Wärmepumpe verbaut, Gas ist mit 18 Prozent auf dem Rückzug, Öl spielt überhaupt keine Rolle mehr. Das Problem ist der Bestand.
Doch wie sieht es nun konkret in anderen europäischen Ländern aus? Unser nördliches Nachbarland Dänemark hat sich schon nach der Ölkrise in den 1970er Jahren auf den Weg gemacht. Dort setzt man auf Nah- und Fernwärme, und heute sind 63 Prozent der Haushalte an ein Wärmenetz angeschlossen – in Deutschland sind es 14 Prozent. Fernwärme ist dann umweltfreundlich, wenn sie mit Biomasse, Geothermie oder Abwärme aus Industrieanlagen erzeugt wird, und das ist in Dänemark bei 60 Prozent der Wärme der Fall. Viele weitere Haushalte besitzen eine Wärmepumpe, Heizungen mit fossilen Brennstoffe dürfen schon seit 2016 nicht mehr eingebaut werden. Wegen hoher CO2-Abgaben sind solche Anlagen auch nicht mehr lukrativ. Ein weiterer Schlüssel der Wärmewende in Dänemark war, dass Kommunen schon Ende der 1970er Jahre verpflichtet wurden, einen Wärmeplan zu erstellen. In Baden-Württemberg müssen dies Große Kreisstädte in diesem Jahr erstmals tun, für kleinere Kommunen gibt es noch keine Pflicht.
Die Niederlande haben auch lange auf Gas gesetzt
Norwegen hat es mit einer hohen Besteuerung von Öl und Gas und einem Verbot neuer Ölkessel vor drei Jahren erreicht, dass heute rund 60 Prozent der Haushalte mit einer Wärmepumpe beheizt werden. Ein mutiger Schritt, wenn man bedenkt, dass Norwegen gerade mit seinem Öl reich geworden ist. Schweden und Finnland gehen ähnliche Wege. Ein Problem sind derzeit aber die hohen Strompreise, was Kosten für den Betrieb von Wärmepumpen enorm erhöht.
Italien: Wärmepumpe fast gratis
In Frankreich heizt traditionell ein Drittel der Haushalte mit Strom; Gas und Öl machen zusammen rund die Hälfte aus. Seit letztem Jahr aber dürfen keine Öl- und Gaskessel mehr eingebaut werden. Nun boomen die Wärmepumpen, auch wegen hoher Fördergelder.
Probleme haben auch die Niederlande, weil sie wegen eigener Vorkommen lange auf Gas gesetzt haben. Noch immer heizen zwei Drittel der Haushalte damit. Das Verbot von Öl- und Gasheizungen wurde aber letztes Jahr beschlossen, tritt jedoch erst 2026 in Kraft. Der Staat gönnt seiner Bevölkerung also eine längere Übergangsfrist.
Einen etwas anderen Weg sind die Italiener gegangen: Bis Ende letzten Jahres bekam man über Steuergutschriften eine Wärmepumpe vom Staat quasi geschenkt. Mittlerweile wurde die Förderung auf 65 Prozent beschränkt, weil die Kosten davongaloppierten.
Wie man sieht, greifen alle Länder zu ähnlichen Instrumenten, um die Wärmewende voranzubringen: Kommunen werden zu Wärmeplänen verpflichtet, fossile Brennstoffe werden besteuert, Öl- und Gasheizungen wird mehr oder weniger schnell der Hahn abgedreht, und es gibt Förderprogramme. Die Unterschiede können aber groß sein. Deutschland etwa verlangt so niedrige Energie- und CO2-Steuern, dass sie laut Matthias Sandrock keinen Lenkungseffekt haben. Dänemark dagegen kassiert 367 Euro und Frankreich knapp 600 Euro an Steuern pro 1000 Litern Heizöl.
Übrigens bastelt auch die EU an Wärmeplänen: Der Entwurf der Ökodesign-Verordnung, die 2025 in Kraft treten soll, sieht vor, dass eine Öl- und Gasheizung bei einem Schaden nicht mehr repariert werden darf, sondern durch ein umweltfreundliches Heizsystem ersetzt werden muss. Das geplante deutsche Gesetz wäre beinahe harmlos dagegen.