Die EnBW und die Stadtwerke wollen mehr Kunden für Fern- und Nahwärme begeistern. Klare Anschlusspläne fehlen aber oft – und jetzt droht die Stadt auch noch, den Geldhahn zuzudrehen.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Ist man auf Kurs bei der Wärmewende, damit wie geplant ab 2035 in Stuttgart nur noch mit erneuerbaren Energien geheizt wird? Eine klare Antwort auf diese zentrale Frage blieben Klimabürgermeister Peter Pätzold (Grüne) und Andreas Neft, der Leiter des Umweltamtes, nun schuldig.

 

Einen ganzen Vormittag lang hatten sich die Stadträte im Ausschuss für Klima und Umwelt über den Stand der Dinge unterrichten lassen. Doch hüben bei der Verwaltung wie drüben bei den Stadträten verloren sich viele eher in Kleinklein.

Zahl der Wärmepumpen in Stuttgart steigt zu langsam

Aber so viel lässt sich sagen: In vielen wichtigen Bereichen sieht es nicht gut aus. Im Jahr 2024 wurden laut Harald Hauser, dem Geschäftsführer der Stuttgart-Netze, gerade einmal 324 Wärmepumpen angeschlossen, in diesem Jahr sind es bis Ende September 240 – eingeplant sind im kommunalen Wärmeplan allerdings 3500 pro Jahr. Oder eine andere Kenngröße: jährlich sollten in der Stadt 27 Kilometer an Fern- und Nahwärmeleitungen verlegt werden; auch davon ist man weit entfernt, wenngleich die konkret realisierten Längen nicht genannt wurden.

Stadtwerke Stuttgart überraschen mit einer Ankündigung

Trotzdem ist in Stuttgart in den letzten zwei Jahren, seit die Stadt erstmals einen kommunalen Wärmeplan vorgelegt hat, einiges in Bewegung gekommen. Peter Drausnigg, der Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart, überraschte mit der Ankündigung, dass man bis zum Jahr 2035 mehr als die geplanten 40 000 Wohneinheiten an Nahwärmenetze anschließen könne und jährlich statt bisher erhofft 125 künftig 235 Gigawattstunden Wärme pro Jahr liefern könne. Etwa habe eine neue Studie zur Flusswärme aus dem Neckar ergeben, dass bis zu zehn Großwärmepumpen zwischen Mühlhausen und Untertürkheim möglich seien.

Konkret planen die Stadtwerke nun eine erste Flusswärmepumpe in Untertürkheim, die allein 90 Gigawattstunden Wärme pro Jahr liefern könnte – damit könnte man rechnerisch 11 000 Haushalte heizen. Allerdings ist eine Realisierung erst bis zum Jahr 2035 anvisiert. Und die Finanzierung ist offen. Da die Stadt fiskal in schwerer See unterwegs ist, droht der Millionenzuschuss an die Stadtwerke in den Jahren 2026 und 2027 halbiert zu werden.

Peter Drausnigg leitet die Stadtwerke Stuttgart seit 2021. Foto: Archiv Lichtgut

Auch die EnBW will ihr Fernwärmenetz erweitern, derzeit macht sie Hausbesitzern in Bad Cannstatt Angebote. In der Vergangenheit habe die EnBW jährlich im Schnitt 1,5 Kilometer Leitungen verlegt und etwa 20 größere Kunden gewonnen – im Moment spreche man rund 700 auf einmal an, sagte Marc Jüdes, der Leiter der EnBW-Fernwärme. In die Kraftwerke investiere man rund eine Milliarde Euro und spare durch den Wechsel von Kohle auf Gas 500.000 Tonnen CO2.

Bürgermeister Peter Pätzold trug jedoch vor, dass die Wärmewende in Stuttgart oft einer Quadratur des Kreises gleiche: Es gebe weder genügend Geld noch genügend Personal noch genügend Flächen etwa für die Energiezentralen eines Wärmenetzes. Bei einer Flusswärmepumpe zum Beispiel sei die Heizzentrale 42 Meter lang, 22 Meter breit und 17 Meter hoch. Auch sei es sehr aufwendig, Straßen zu sperren, um Leitungen verlegen zu können.

Erstmals nannten die Stadtwerke übrigens konkrete Preise für Nahwärmenetze. Bei einer Anschlussquote von 75 Prozent könnte der Bezugspreis in den geplanten Gebieten Dachswald zwischen 23 und 35 Cent pro Kilowattstunde und in der Winterhalde zwischen 20 und 30 Cent liegen. Eine Wärmepumpe kostet dagegen zwischen 19 und 33 Cent, die Fernwärme der EnBW 17 Cent pro Kilowattstunde. Auch diese nicht immer ins Auge springende ökonomische Attraktivität hemmt den Ausbau von Nahwärmenetzen. Die Bürger wissen zudem oft nicht, wann genau ihre Häuser angeschlossen werden könnten.

Die Stadt will aber auch ihre Förderprogramme überdenken. So könnte künftig bei der Umstellung auf Nah- oder Fernwärme auch der Einbau von Leitungen im Haus gefördert werden. Wenn zuvor Gas-Etagenheizungen genutzt worden sind, ist das notwendig – und teuer.

So viele Haushalte in Stuttgart legen Gas still

Harald Hauser lenkte die Aufmerksamkeit noch auf einen anderen Aspekt. In Stuttgart gibt es rund 135 000 Gasanschlüsse – aber lediglich 622 Industriekunden nehmen 46 Prozent der Gasmenge ab, also fast die Hälfte. „Wenn Sie auf Wirksamkeit Wert legen, müssen Sie bei dieser Gruppe ansetzen“, so Hauser.

Die Zahl der Gas-Stilllegungen ist trotz der Zunahme von Wärmepumpen und Fernwärmeanschlüssen noch recht gering. Im ersten Halbjahr 2025 hätten sich gerade einmal 906 Haushalte abgemeldet, sagte der Geschäftsführer der Stuttgart Netze.

Die Reaktion der Stadträte war, wie zu erwarten, sehr unterschiedlich. Am einen Rand leugnete der AfD-Stadtrat Siegfried Fachet den Klimawandel, in römischer Zeit sei es vier Grad wärmer gewesen. Am anderen Rand des Spektrums im Gemeinderat tadelte Hannes Rockenbauch (SÖS) wie immer wortgewaltig die anwesenden Akteure der Wärmewende: „Warum so zaghaft und zaudernd, wenn gerade die Welt untergeht?“ Er hätte erwartet, dass alle viel mehr Forderungen stellten, damit man irgendwie die Klimaziele doch noch erreichen könne.

2030 bis 2035 würden in Stuttgart Jahre der Umsetzung

Jürgen Görres, der die kommunale Wärmeplanung federführend verantwortet, betonte in seinem Bericht: Der Weg sei schwer, aber man schiebe derzeit sehr vieles an. In den Jahren 2030 bis 2035 werde man deshalb viele Projekte auf einmal in Betrieb gehen sehen, glaubt er.

Und Martin Körner, der Chef des Grundsatzreferats Klimaschutz, versprach zuletzt, dass man bis zum nächsten Jahr ein Monitoring aufsetzen werde. Dann könne man die zentrale Frage, ob die Stadt Stuttgart bei der Wärmewende auf Kurs sei, ganz im Detail beantworten.