Heizkraftwerk in Stuttgart-Ost Keine Kohle mehr für Gaisburg

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Am Samstag ist beim Kraftwerk die letzte Steinkohle-Lieferung angekommen. Die neue, mit Gas betriebene Anlage, wird 60 000 Tonnen Kohlendioxid weniger pro Jahr ausstoßen.

Helmut Weber von der EnBW empfängt den allerletzten Kohlezug. Foto: Jürgen Brand 9 Bilder
Helmut Weber von der EnBW empfängt den allerletzten Kohlezug. Foto: Jürgen Brand

Stuttgart - Das Zeitalter der Kohle geht in Gaisburg endgültig zu Ende. Am Samstag um 9.30 Uhr ist beim Heizkraftwerk der letzte Güterzug mit Steinkohle eingetroffen. Bis kurz nach Ostern werden auch diese 1580 Tonnen Kohle verbrannt und so in Fernwärme verwandelt sein. Dann ist die riesige Kohlehalde weitgehend leer – und die Geschichte des Kohleheizkraftwerks beinahe zu Ende. Für die EnBW und die Stadt ist das ein wichtiger Schritt im Prozess der Energiewende und ein Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Für die ohnehin wenigen verbliebenen Mitarbeiter im Kraftwerk bedeutet es einmal mehr ein bisschen Abschied zu nehmen. Am Samstag war es im wahrsten Sinn des Wortes ein frostiger kleiner Abschied.

Die Energiewende ändert alles

Helmut Weber ist der Teamleiter Ver- und Entsorgung der Kraftwerke Münster und Gaisburg. Er hat den letzten Kohlezug für Gaisburg am Samstag persönlich in Empfang genommen und die Entladung überwacht. „Ach, wie die Zeit sich ändert mit der Energiewende“, sagt der gebürtige Siebenbürge mit deutlicher Wehmut in der Stimme. Weber arbeitet seit März 1982 in den Kraftwerken, früher in Gaisburg, jetzt in Münster, von wo aus er auch die Gaisburger Anlage betreut. „Wenn ich durch das Kraftwerk gehe, denke ich oft, wie viele Leute früher da waren. Und jetzt trifft man niemanden mehr.“

Früher wurden die 20 bis 50 Kohle-Züge pro Jahr noch mit Hilfe der Greifer der beiden Portalkräne entladen, später wurde dann die riesige Anlage mit Förderbändern installiert. Noch vor ein paar Jahren mussten drei Kraftwerksmitarbeiter beim dann schon viel einfacheren Entladen der Züge dabei sein. Am Samstag machte das der Lokführer des Güterzugs per Fernbedienung praktisch alleine.

Kurz vor dem allerletzten Entladen klingelt Webers Telefon. Die Rangierer, die dafür sorgen, dass die Züge auch das richtige Gleis zum Kraftwerk Gaisburg finden, melden sich. Man hat sich im Laufe der Jahre kennengelernt und gut zusammengearbeitet. Am Samstag ist es Zeit, sich zu verabschieden. Es wird nie mehr ein Kohle-Zug nach Gaisburg rollen.

Von Russland über die Niederlande nach Gaisburg

Diese letzten 1580 Tonnen Steinkohle kommen aus Russland und fast scheint es, als ob sie die eisige Abschiedsluft, die über das Areal fegt, gleich mitgebracht hätten. Die Kohle war per Schiff nach Amsterdam oder Rotterdam geliefert und dort auf Binnenschiffe umgeladen worden. Per Schiff ging es dann nach Orsoy bei Duisburg am Niederrhein, wo die Kohle auf die 25 Eisenbahnwaggons verteilt wurde.

Die nächste Station auf der insgesamt rund siebenstündigen Zugfahrt nach Gaisburg war dann Bruchsal. Dort hatte der Lokführer Lars Bilka am Samstag um 7.51 Uhr den Zug übernommen und auf den Weg nach Stuttgart gebracht. Für ihn ist es ein ganz normaler Job ohne sentimentale Gefühle. Das Entladen dauert gut drei Stunden, dann fährt er den leeren Zug wieder nach Bruchsal, das war es.

Helmut Weber dagegen beobachtet nachdenklich, wie die Kohle aus den Waggons in der sogenannten Auftauhalle durch die großen Gitter unter den Gleisen auf das Förderband rauscht. Und er fragt sich – wie viele andere auch – was dann eigentlich mit der ganzen Förderanlage auf dem Kraftwerksareal oder auch mit den Portalkränen passieren wird. „Die sind doch alle noch gut und funktionieren“. Das werden aber andere entscheiden und bis dahin werden wohl auch noch etliche Monate vergehen. In den vergangenen Jahren wurden im Kraftwerk Gaisburg je nach Winterwetter 40 000 bis 65 000 Tonnen Kohle verbrannt, damit es in den an das Fernwärmenetz angeschlossenen Haushalten und Betrieben auch bei Dauerfrost schön warm ist.

Ende des Jahres wird das neue Gasheizkraftwerk, das gerade in rasantem Bautempo neben dem bisherigen Kraftwerksgebäude entsteht, das Heizen übernehmen. Es wird pro Jahr nach EnBW-Angaben rund 60 000 Tonnen Kohlendioxid weniger ausstoßen als die alte Anlage.

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