Helene Hegemann: „Striker“ Panik in der Kampfzone der Wirklichkeit
Genau so fühlt es sich an, das Leben in einer angeschlagenen Gegenwart, wie in dem neuen Roman „Striker“ von Helene Hegemann.
Genau so fühlt es sich an, das Leben in einer angeschlagenen Gegenwart, wie in dem neuen Roman „Striker“ von Helene Hegemann.
Vieles deutet darauf hin, dass die Welt in keinem besonders guten Zustand ist. Vielleicht braucht eine demolierte Gegenwart neue Symbolsysteme, um darzustellen, was gerade passiert. Oder um dagegen zu rebellieren. In den USA scheint der präsidiale Faible für brutale Knochenbrecherspektakel dabei zu sein, Kampfkunst an die Stelle dessen zu setzen, was einmal für das Wahre, Gute und Schöne galt. Im nächsten Jahr soll vor dem Weißen Haus ein Kampftag der „Ultimate Fighting Championship“ stattfinden, vermutlich wird dabei deutlicher als bei Kammermusikabenden oder Dichterlesungen, welche Formen des Menschseins dort künftig als repräsentabel gelten.
Nicht auszuschließen, dass N, die Protagonistin von Helene Hegemanns neuem Roman „Striker“, bei einem Kulturereignis dieses Schlages mit von der Partie wäre. Zu Beginn wird sie von dem Leiter ihrer Berliner Prügelbude darauf vorbereitet, bei einem entsprechenden Wettbewerb in Tiflis den „halb zu Tode gebotoxten Chayas“, mit denen sie es dort zu tun bekommen würde, „mal richtig schön in die Fresse zu hämmern“. So klingt das eben.
Doch der Autorin, Filmemacherin und mittlerweile auch Moderatorin der Literatursendung „Longreads“, bei der einmal die Boxerin Zeina Nassar zu Gast war, kommt es nicht auf O-Töne einer hart gekochten Milieustudie an. Auch wenn die Psychoesoterik der Kampfkunst in allen Facetten der Körperbeherrschung schillert und das Geschehen im Ring sich immer wieder öffnet auf die Perspektive des alltäglichen Krieges an allen Fronten, geht es in „Striker“ weniger um das Zusammenschlagen als um die zugrunde liegende zerborstene Wirklichkeit.
Über allem liegt „ein schwer einzugrenzendes Gefühl, das zu dieser Zeit die Empfindung jedes halbwegs besonnenen Menschen zu überschatten beginnt“.
Diese Zeit – das sind einige kalte Wintertage am Ende eines noch nicht lange vergangenen Jahres, Jetztzeit. Jenes Gefühl spricht aus den Obdachlosen, die vor Ns Wohnblock mit ihren Dämonen debattieren, es gewinnt in allen Formen der Angst Gestalt und vibriert in den rätselhaften Signaturen, die der Street-Art-Künstler, dessen Namen der Roman trägt, an die Fassaden der Stadt schreibt. Ein Aufstand der Zeichen, in dem sich Hass auf die Herrschenden mit „schwammiger Spiritualität“ mischt, und der in den sozialen Medien eine Gefolgschaft findet, die, wie es heißt, von kiffenden Hip-Hoppern, Yogalehrern, verarmten Adligen bis zu Islamkritikern an der Grenze zum Faschismus reicht.
Ähnlich gemischt ist die Kundschaft, welche N in der Kampfschule unterrichtet, die ihren Lebensmittelpunkt bildet, Teenagerinnen in Sport-Hijab, Hooligans mit Kreuzritter-Tattoos.
Wenn sich N nicht zu Trainingszwecken selbst vermöbeln lässt, hat sie Sex mit einer bekannten Politikerin, wobei es passieren kann, dass deren Frustration über gescheiterte Versuche, die Welt zu befrieden in plötzlichen Übersprungshandlungen explodiert. Und dann ist da noch Ivy, die eines Tages vor der Wohnungstür campiert, in einem ungeklärten Verhältnis zu jenem Sprayer steht und mehr und mehr von N Besitz ergreift, anfangs nur von ihrer Dusche, dann immer weiter ins Innere vordringend.
Es sind messerscharfe Splitter einer Wirklichkeit, die sich um eine Leere gruppieren, die als transzendentale Obdachlosigkeit einmal am Beginn des modernen Romans stand. Hier werden Szenen realer Obdachlosigkeit zu Chiffren eines Textes, der auf paradoxe Weise der entleerten Welt ihr Geheimnis zurückerstattet – in einer Bedeutsamkeit, die sich aufdrängt und gleichzeitig entzieht.
Wenn die Protagonistin N mit der U-Bahn die Stadtteile durchquert, die zwischen ihrer Mietskaserne und der Jugendstilvilla der Politikerin liegen, wird das an den Mitfahrenden ablesbare Armutsrisiko von Station zu Station geringer. Doch beim Abendessen mit der Politikerin in einem noblen Restaurant sieht N „in den goldbehangenen, über die Doraden und Rinderfilets gebeugten Körpern der Oberschicht zum ersten Mal nicht nur eine Ähnlichkeit, sondern eine exakte Übereinstimmung mit den gebeugten Junkiekörpern in ihrem Viertel.“
In Spiegelreflexen und Doppelgängerphantasmen rückt Auseinanderliegendes unheimlich zusammen. Hellsichtige soziale Bestandsaufnahmen werden zum Material einer radikalen Poetisierung, die mit Beschönigung nichts gemein hat. Und je eigenständiger sich die Geschichte vorbei an erwartbaren Handlungsfolgen entwickelt, je fantastischer die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen, desto präziser bildet sie ab, was plattem Sozialrealismus entgeht: den Überlebenskampf und das Lebensgefühl in einer Welt, die in keinem besonders guten Zustand ist. Als müsste man den Spiegel erst in tausend Stücke hauen, dass er ein adäquates Bild der Verhältnisse zeigt.
Der Weg Helene Hegemanns kennt Höhenflüge und Tiefschläge. Jetzt wo sich die Schwaden um frühere Hypes und destruktive Kampagnen verzogen haben, kann man nur staunen, mit welch gelassener Souveränität ein Roman wie „Striker“ das große Versprechen einlöst, das die Siebzehnjährige mit ihrem Debüt „Axolotl Roadkill“ einmal gegeben hat.
Helene Hegemann: Striker.
Kiepenheuer & Witsch. 192 Seiten, 23 Euro.
Autorin
Helen Hegemann wurde 1992 geboren, lebt in Berlin. 2008 gewann sie mit ihrem ersten Film „Torpedo“ den Max-Ophüls-Preis. 2010 debütierte sie als Autorin mit dem Roman „Axolotl Roadkill“, der in 20 Sprachen übersetzt wurde. Auf zunächst überschwängliches Lob folgte eine Plagiatskampagne, wegen des darin zur Anwendung gebrachten Sampleverfahrens. Die Verfilmung, bei der sie selbst Regie führte, wurde beim Sundance Festival 2017 mit dem World Cinema Dramatic Special Jury Award for Cinematography ausgezeichnet. 2013 veröffentlichte sie ihren zweiten Roman „Jage zwei Tiger“, 2018 folgte „Bungalow“, womit Hegemann für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Sie inszeniert für Oper, Theater und Film.
Termin
Am 14. Juli ist Helene Hegemann mit „Striker“ im Literaturhaus Stuttgart zu Gast.