Helfer vor Ort in Renningen Erste Hilfe in ihrer reinsten Form

Von Kathrin Klette 

Achim Bentel, ein Helfer vor Ort, ist für Menschen in Not da, bis der Rettungsdienst kommt.

Für Gepäck ist da nicht mehr viel Platz: Achim Bentels Kofferraum ist voll mit Erste-Hilfe-Ausrüstung. Foto: factum/Bach
Für Gepäck ist da nicht mehr viel Platz: Achim Bentels Kofferraum ist voll mit Erste-Hilfe-Ausrüstung. Foto: factum/Bach

Renningen - Es ist 13 Uhr am Sonntag, der Grill ist angeheizt, und die ersten Köstlichkeiten brutzeln verlockend auf dem Rost. Dann schellt der Alarm – und vorbei ist es mit der Nachmittagsruhe für Achim Bentel.

Der 42-Jährige ist in Renningen ein Helfer vor Ort. Und das heißt: Sobald bei der Rettungsleitstelle ein Notruf eingeht, wird nicht nur der Rettungsdienst informiert, sondern ebenso die Helfer vor Ort. Das sind ehrenamtliche Sanitäter, die in dem betreffenden Ort leben und arbeiten und daher fast immer schneller an der Einsatzstelle sein können als die  Rettungsleute. So ­lassen sich wertvolle Minuten gewinnen, die gerade im Fall von     Herzinfarkten, Schlaganfällen oder schweren Verletzungen entscheidend sein können.

HVO-Gruppen sind eine Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), im Altkreis Leonberg gibt es sie an verschiedenen Standorten, zum Beispiel in Weil der Stadt und Rutesheim, aber auch in Friolzheim und Wimsheim. Seit Ende 2017 existiert auch in Renningen eine Gruppe von Freiwilligen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, neben ihrem Beruf und ihrer Freizeit Leben zu retten.

Im Privatauto zur Einsatzstelle

„Im Prinzip überbrücken wir die Zeit, bis der Rettungswagen kommt“, erklärt Achim Bentel. Hauptberuflich ist er Kommunikationselektroniker. Seit 35 Jahren ist er außerdem Mitglied im DRK und dort Bereitschaftsleiter und seit November ­Leiter der HVO-Gruppe. „Wir werden zeitgleich mit dem Rettungsdienst alarmiert und fahren dann mit dem Privatauto zur Einsatzstelle.“ Im Auto hat er grundsätzlich alles Wichtige dabei, was er vor Ort vielleicht benötigen könnte, vom Verbandszeug bis hin zum Defibrillator. Denn wer weiß schon, was einen im Laufe des ­Tages noch erwartet?

Oft, hat Achim Bentel die Erfahrung ­gemacht, weiß man das nicht einmal direkt nach der Alarmierung. „Wenn jemand ­gestürzt ist, kann man vorher ja gar nicht sagen, was passiert ist und wie schlimm es ist.“ Vor Ort macht sich Achim Bentel deshalb erst einmal ein genaues Bild: Im Fall einer Verletzung wird diese natürlich versorgt. Ist jemand ohnmächtig, überprüft er die Vitalfunktionen, den Blutdruck, die Sauerstoffsättigung. So manche kuriose ­Situation hat Bentel bei seinen Einsätzen schon erlebt. Gerade bei älteren Menschen ist das mit den Tabletten und der regel­mäßigen Einnahme bekanntlich so eine  Sache. „Man kommt hin und fragt: Haben Sie Ihre Tabletten schon genommen?“ Dann beginnt das große Rätselraten. „Das sind so viele, ich lasse jeden Tag mal eine weg“, kommt da schon mal als Antwort.

Auch darin besteht ein wichtiger Teil von Achim Bentels Aufgaben: Solche und ähnliche Fragen schon im Vorfeld abzuklären, damit der Rettungsdienst sich damit möglichst wenig aufhalten muss und bald weiterfahren kann ins Krankenhaus.

Im ersten Vierteljahr 100 Alarme

„Sobald der Rettungsdienst eintrifft, übernimmt der, aber wir unterstützen natürlich weiterhin, das geht alles zusammen im Team.“ So hilft Bentel zum Beispiel noch dabei mit, den Patienten zu stabilisieren und für den Transport fertig zu machen. „Unsere Unterstützung endet, sobald der Patient im Rettungswagen liegt. Dann fahren wir nach Hause – oder eben ins Geschäft.“

Im Prinzip werden die Helfer vor Ort jedes Mal alarmiert, wenn eine Situation in irgendeiner Form bedrohlich für den Patienten ist oder sein könnte. Es gibt zwar Ausnahmen, mögliche Suizide zum Beispiel oder gynäkologische Notfälle wie eine Geburt, die Fülle der Einsätze bleibt dennoch beachtlich. Im ersten Vierteljahr seit dem Beginn im November waren es in Renningen 100 Alarme.

„Ich war natürlich nicht bei jedem dabei“, erklärt Bentel. Letztlich bleiben die Helfer vor Ort Ehrenamtler – und mit drei Mitgliedern ist die Renninger Gruppe zudem sehr klein. „Wir werden immer alle Drei parallel alarmiert, jeder muss dann aus seiner Situation heraus entscheiden, ob er gehen kann oder nicht.“ Jeder müsse auch für sich entscheiden, ob er wirklich 24  Stunden am Tag für eine Alarmierung bereitsteht, „oder ob man, wenn man um 2   Uhr schon einmal bei einem Notfall war, um 4  Uhr noch mal rausgehen kann.“

Wichtig ist der Rückhalt in der Familie

Trotz der persönlichen Entscheidungsfreiheit bleibt das Engagement als Helfer vor Ort ein großer Einschnitt in das eigene Privatleben. Nicht nur wegen des zeitlichen Aufwands. „Man muss schon eine persönliche Stärke mitbringen“, sagt Bentel. Schließlich ist man der Erste am Einsatzort und muss die Situation erst einmal alleine meistern. Psychologische Betreuung steht für die Helfer vor Ort im Nachgang natürlich bereit, falls Bedarf besteht. „Und man braucht schon etwas Rückgrat. Bei mir ist der Alarm mal auf einer Beerdigung losgegangen“, erinnert sich Bentel. „Da wird man schon mal schief angeschaut. Aber das ist dann eben so.“ Wichtig sei vor allem viel Verständnis von der Familie und im persönlichen Umfeld.

Für Achim Bentel stand die Entscheidung trotzdem immer außer Frage: „Für mich ist das die reinste Form der Ersten Hilfe“, findet er. Auch die Angehörigen der Betroffenen „sind immer sehr dankbar, dass so schnell jemand kommt. Für die ­dauert dann jede Minute ewig, und sie sind mit der Situation komplett überfordert. Da sind sie natürlich froh, wenn jemand da ist, der weiß, was zu tun ist“.