Helga Breuninger im Gespräch „Oft bin ich noch zu impulsiv und ungestüm“

Helga Breuninger, 73, Aktivistin und Wissenschaftlerin, Chefin der Breuninger Stiftungsgruppe und Vorsitzende der Bürgerstiftung Stuttgart, endlos kreative Unternehmensberaterin, Inhaberin diverser Ehrenämter und vor Ideen nur so sprühender One-Woman-Thinktank. Foto: StZ Magazin/Petra Ruehle

Philanthropinnen, die so nah am Herzen der Gegenwart operieren wie sie, sind schwer zu finden: Helga Breuninger bespielt mit ihren Stiftungen ein Feld, auf dem um höchst gefährdete Güter wie Demokratie, Bildung und Gerechtigkeit gekämpft wird.

Stuttgart - Dorf und Schloss Paretz, gelegen im Havelland nordwestlich von Berlin, wurden um 1800 als Sommerresidenz für den damaligen preußischen Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm III. und seine Frau Luise ausgebaut. Seit 2009 hat der historische Ort nun eine weitere prominente Quasi-Schlossherrin: Helga Breuninger, 73, Aktivistin und Wissenschaftlerin, Chefin der Breuninger Stiftungsgruppe und Vorsitzende der Bürgerstiftung Stuttgart, endlos kreative Unternehmensberaterin, Inhaberin diverser Ehrenämter und vor Ideen nur so sprühender One-Woman-Thinktank.

 

Die Zeit, in der Helga Breuninger wegen des Konflikts um die 2004 aufgelöste Breuninger-Unternehmensstiftung gelegentlich in den Schlagzeilen stand, ist vorbei. Seit 2009 lebt und wirkt sie mit ihrem Mann im besagten Paretz – und bespielt dort mit ihrer neuesten Stiftung ab und zu auch die königlichen Hallen.

Ein Gespräch über Heimat und Unterwegssein, Schulprobleme, Frauen in sozialen Unternehmen – und den demokratischen Mehrwert von Bürgerstiftungen.

Helga Breuninger, wenn Sie sich mit Namen vorstellen, werden Sie sicher in neun von zehn Fällen sofort auf das Kaufhaus angesprochen, das Ihr Urgroßvater gegründet hat. Ganz ehrlich: Wie sehr geht Ihnen das auf die Nerven?

Das war ja einer der Gründe, warum ich aus Stuttgart weggezogen bin (lacht). Wenn ich in Berlin „Breuninger“ sage, kann kein Mensch etwas mit dem Namen anfangen.

Sie haben einmal gesagt, der Abschied von Stuttgart sei auch deshalb wichtig gewesen, weil Sie sich so immer wieder neu in die Stadt verlieben könnten – nämlich dann, wenn Sie zurückkommen.

Absolut. Wenn ich die Neue Weinsteige herunterkomme, am Olgaeck vorbei auf den Schlossplatz zu, und den Breuninger sehe, spätestens dann denke ich: Was für eine tolle Stadt. Stuttgart hat etwas Gemütliches, Vertrautes, das man schätzen lernt, wenn man aus größeren, rauheren Orten zurückkommt. Ich liebe die Stadt, fühle mich ihr und den Menschen verbunden, und das wird sich nie ändern.

Als Sie hier aufwuchsen, konnte keiner ahnen, dass es Sie hinaus in die Welt ziehen würde. Welche Zukunftspläne hatten Sie als Mädchen?

Mit fünf Jahren fing ich an, Geige zu spielen. Mein erster Plan war, ein Star wie heute Anne-Sophie Mutter zu werden, aber mit 15, 16 realisierte ich, dass ich nicht fleißig genug geübt hatte, und die Geige nicht das richtige Instrument für mich war. Ich verschenkte sie an den Sohn unseres Schreiners, wechselte zur Querflöte. Heute spiele ich noch ab und zu, am liebsten, wenn mein Mann am Klavier sitzt. Wir improvisieren dann zusammen. Das ist musikalische Kommunikation.

Gingen Sie gern zur Schule?

Am Anfang war es schwierig. Meine Einschulung kam zu dem Zeitpunkt, als die von mir besonders geliebte Erzieherin Irene unsere Familie verließ, um zu heiraten. Ich war so traurig, dass ich in eine Art depressiven Zustand verfiel. In der Schule saß ich nur da, hörte nicht zu, passte nicht auf. Dann rettete mich mein Klassenlehrer. Herr Pfizenmaier, damals Anfang 60, Sonderpädagoge.

Wie lief das ab? Wir reden hier ja über die mittleren 50er-Jahre, die Erziehungskonzepte waren nicht besonders ausgereift.

Als meine Mutter zur Krisensitzung kam, weil ich keine Hausaufgaben machte, fragte Herr Pfizenmaier: „Frau Breuninger, was isst Ihre Helga am liebsten?“ – „Spinat mit Spiegelei.“ – „Das kann ich hier leider nicht für sie zubereiten. Gehen Sie mal mit ihr nach Hause, kochen das für sie, und überlassen alles andere mir.“ Er hat an mich geglaubt, mein Selbstwertgefühl gestärkt und mir zugetraut, dass ich alles lernen kann. Ich wurde nie beschämt, nie vorgeführt. Er hat mir Aufgaben gegeben, an denen ich wachsen konnte, und mich geduldig begleitet. Ich war und bin ihm dafür sehr dankbar.

Sie haben später zum Thema Lernstörungen promoviert, Schulungskonzepte für Lehrer entwickelt, die integrative Lerntherapie begründet. Das hatte nichts mit Trotz gegen die eigene Erfahrung zu tun?

Im Gegenteil, ich habe selbst erfahren, wie wichtig der Lehrer für meine Entwicklung war und wünschte mir für möglichst viele Kinder einen Herrn Pfizenmaier. Die Jahre mit ihm waren so genial, dass ich später alle anderen Lehrer, die da nicht herankamen, einfach weggeatmet habe.

Trotzdem haben Sie erst Volkswirtschaft studiert, bevor Sie dann zur Psychologie wechselten.

Als ich 15 war, verunglückte mein großer Bruder tödlich. Es war also klar, dass irgendwer anders später die Firma meines Vaters übernehmen muss. Ich blickte in die Runde, schaute meine Schwestern an, dachte nur: „Helga, das musst dann wohl du machen.“ Also studierte ich Wirtschaft, in nur acht Semestern, schrieb meine Diplomarbeit im Kaufhaus über die damals neue Strategie der Preiskalkulation via Direct Costing. Und als ich fertig war, sagte mein Vater, er könne sich nicht vorstellen, sein Unternehmen in die Hände einer Frau zu geben.

Waren Sie nicht schockiert?

Nur kurz. Ich war ja auch damals schon der Typ Unternehmerin, die nie lange trauert. Ich suche immer nach dem Positiven, das man aus solchen Zäsuren herausziehen kann. Also fragte ich zurück, wer die Firma denn dann übernehmen solle. Und er meinte: „Ich mache das wie Robert Bosch.“

Er meinte die Konstruktion mit der gemeinnützigen Robert Bosch Stiftung, die 1964 gegründet wurde und 92 Prozent der Bosch GmbH hält.

Ich hatte ja in den 68er-Jahren studiert, war von marxistischen Ökonomen wie Paul Baran und Paul Sweezy geprägt, stand richtig links. „Schau mal einer an“, dachte ich, als mein Vater das sagte, „der Heinz Breuninger sozialisiert seinen Betrieb.“ Dass eine solche Stiftung absolut mein Ding ist, war dann der nächste Gedanke.

Warum ist die Stiftung Ihr Ding?

Weil es mich begeistert, mit Erträgen aus einer unternehmerischen Stiftung die Gemeinschaft und die Demokratie zu stärken. Schon damals interessierte mich der Mensch an sich und weniger der Homo oeconomicus. Wenn am Ende alles nur Preispolitik und Kalkulation ist, wozu braucht es in der Porsche-Werbung den schwarzen Lack auf dem Auto und die verführerische Frau? Weil Emotionen halt doch wichtiger sind. Weil Entscheidungen nicht so rational getroffen werden, wie es der Wirtschaftsprofessor uns weismachen wollte.

Die Pädagogik, Ihr Spezialgebiet, stößt in Deutschland während der Pandemie oft an ihre Grenzen. Wie nehmen Sie das wahr?

Viele Lehrkräfte sind hilflos, von der Situation überfordert und werden von ihren Systemen nicht getragen. Es gab natürlich auch genug positive Beispiele, Lehrerinnen, die mit dem Fahrrad zu den Kindern fahren oder online täglich mit ihren Schülerinnen und Schülern im Kontakt sind. Ich habe unserem Landrat im Havelland angeboten, Schulrektoren zu beraten, wie sie während der Zeit den Kontakt mit Kollegium, Eltern und Schülern gestalten könnten. Aber es kamen keine Anfragen. Im Chaos ist mein Angebot wohl untergegangen.

Hat die Krise zuvor existierende Systemschwächen offengelegt?

So war es ja in vielen Bereichen. Die größten Probleme im deutschen Bildungssystem sind das Festhalten am Gewohnten und die Angst vor Fehlern. Die wenigen Mutigen engagieren sich, wagen Neues, beteiligen andere und lernen aus Fehlern. Die vielen Ängstlichen dagegen trauen sich nicht, eigene Ideen auszuprobieren und in Verantwortung zu gehen. Sie warten lieber auf Anweisungen und Vorschriften.

Besonders aus Stuttgart kommen weiter Stimmen, die an der Coronapolitik einen Mangel an demokratischer Praxis festmachen. Sie sind seit 2006 Vorsitzende der Stuttgarter Bürgerstiftung. Können solche Stiftungen die Demokratie stärken?

Aber natürlich, vorausgesetzt, sie spielen ihre Stärken als Beteiligungsplattformen aus. Das ist personal- und kostenintensiv, weil Beteiligungsprozesse kompetente Teams erfordern. Das Prinzip: 280 Bürgerinnen und Bürger wollen Stuttgart und seinen Menschen etwas zurückgeben und haben deswegen gestiftet. Sie gestalten die Stiftung, engagieren sich mit Geld, Zeit und Ideen – damit und mit vielen anderen Spendern und Ehrenamtlichen kann man in einer Stadt schon etwas zu Guten verändern. Unsere runden Tische und die gerade laufenden Beteiligungsverfahren mit Jugendlichen sind zum Beispiel gute Maßnahmen. Ich bin glücklich, dass ich die Bürgerstiftung Stuttgart als Partizipationsprototyp mit Geld der Breuninger Stiftung weiterentwickeln konnte und kann.

Um was für Probleme geht es da?

Ein Beispiel: Im Moment ist die Essensversorgung von wohnsitzlosen Menschen schwierig. Das Team der Bürgerstiftung hat alle, die in diesem Bereich arbeiten, und später auch die Betroffenen selbst an einen runden Tisch gerufen. Wir haben uns gemeinsam gefragt: Wo sind Lücken? Wo gibt es neue Bedürfnisse? Wo wird Geld benötigt, wo neue Angebote, wo mehr Ehrenamtliche? Die großen Träger haben ihr Angebot ausgebaut, und wir geben mit unserem Projekt SuppOptimal an sechs Tagen die Woche über die ganze Stadt verteilt Essen in Gläsern aus. 12 000 Gläser seit November 2020. Über 80 bürgerschaftlich Engagierte machen mit.

Wie schwer macht Ihnen die deutsche Bürokratie die Arbeit?

Ich bin als Unternehmerkind sozialisiert, arbeite lösungsorientiert und fühle mich durch Bürokratie oft entmutigt und blockiert. Wir erleben zwar viel Unterstützung aus der Stadtverwaltung, merken aber auch, dass es zu wenig Strukturen gibt, um untereinander auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Erfolgreich sind wir, wenn wir Verwaltung, Zivilgesellschaft und Unternehmen für Lösungen zusammenbringen. Jeder Sektor bringt seine Handlungsspielräume ein, und wir moderieren den Prozess so, dass das Ergebnis zielführend ist und Synergie stiftet.

Ihr Hauptwohnsitz und die Wirkstätte der von Ihnen gegründeten Helga Breuninger Stiftung befinden sich heute in Ketzin und Paretz, ebenso wie die von Ihrem Mann Volker Donath gegründete Stiftung Paretz. Wie kamen Sie nach Brandenburg?

Durch eine Fügung. Mein Mann und ich hatten 2008 nachgedacht, Stuttgart zu verlassen – was auch mit Stuttgart 21 zu tun hat. Markus Hipp von der BMW-Stiftung schwärmte von Paretz, wo er seit zwölf Jahren wohnt, und meinte, das Nachbarhaus stünde zum Verkauf. Das historische Dorfensemble mit Schloss bot uns einen durch und durch idyllischen Empfang. Hier war noch nicht alles fertig wie in Stuttgart, es gab viel zu tun. Mit ausschlaggebend war auch das Wasser, die Havel, der Göttinsee. Das fehlt uns in Stuttgart: Mir hän koi Wasser! Nur den dreckigen Neckar.

Begeistert empfangen wurden Sie nicht.

Nein, viele dachten: „Da kommt die reiche Wessi-Frau und kauft unser Dorf auf.“ Ich setzte mich dann immer wieder abends auf die Bank in unserer Straße, sprach mit den Menschen, hörte ihnen zu. Wichtig war auch unser erstes Stiftungsprojekt „Schneidern für die Königin“ im Sommer 2010. Solche gemeinsamen Aktionen haben Kontakte gestiftet und Vertrauen aufgebaut.

Sind heute noch Wünsche offen? Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Gesellschaft und Unternehmen auf viel mehr Ebenen funktioniert, -damit wir so die zwei großen Transformationsherausforderungen Digitalisierung und Nachhaltigkeit überzeugend lösen können. Ohne eine radikale Neuausrichtung von Schule als Lebens- und Lernort wird uns das nicht gelingen. Wir müssen es schaffen, Kinder und Jugendliche zu aktivieren und zu beteiligen, anstatt sie zu disziplinieren und zu belehren. Dafür brauchen wir Mut und Konfliktbereitschaft. Wenn wir Angst vor Widerstand haben, vermeiden wir das Neue, drehen uns auf der Stelle. Konfliktenergie ist der Treibstoff für die Innovation.

Und ganz persönlich?

Ich will auch mit nun fast 74 weiter dazulernen und an mir arbeiten. Oft bin ich noch zu impulsiv und ungestüm. Etwas mehr Geduld, Gelassenheit und Altersweisheit stünden mir gut. Wahrscheinlich würde das auch meinen Blutdruck senken.

Altersmilde? Wird das noch etwas bei Ihnen?

Ich wünsche mir, mindestens 100 Jahre alt zu werden, dabei gesund und aktiv zu bleiben. Es gibt noch so viel zu tun. Und ich bin so neugierig darauf, wie wir die Zukunft gestalten werden.

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