Helmut Dietl wird siebzig Wer reinkommt, bestimme ich

Das geht auch in Deutschland: Helmut Dietl, der am Sonntag siebzig wird, ist der Pionier der intelligenten Fernsehserie. In „Kir Royal“ hat er Macht, Moral und Medien akkurat untersucht – lange vorm Jubel über kluge Formate aus dem Ausland.

Ein Millionär (Mario Adorf, l.) sucht das Wohlwollen von  Herbie (Dieter Hildebrandt) und  Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz, r.). Foto: 3Sat
Ein Millionär (Mario Adorf, l.) sucht das Wohlwollen von Herbie (Dieter Hildebrandt) und Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz, r.). Foto: 3Sat

Stuttgart - Orgien, Lotterleben und Dekadenz lassen sich manchmal ganz ohne Vokabular der Empörung in Zahlen ausdrücken. Das versachlicht den eigenen Neid auf den Spaß der anderen und gibt ihm die nüchterne Basis einer volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzenabwägung. Solch eine schöne Umrechnung steht am Beginn von Helmut Dietls TV-Serie „Kir Royal“ aus dem Jahr 1986, die vielen Zuschauern der Erstausstrahlung als einer der Höhepunkte deutschen Fernsehmühens in Erinnerung geblieben ist.

Senta Berger spielt Mona, die Freundin des Klatschreporters Baby Schimmerlos, die gerade die anstrengenden Nächte ihres Liebsten aufarbeitet. Während der wenigstens auf der Oberlippe Königlich-Hofjäger-Bärtige (Franz Xaver Kroetz) im Bett mit einem Tablett über den Knien ein Sektfrühstück zu sich nimmt und die bekopftuchte türkische Putzfrau durchs Maisonette-Apartment krabbelt und den Dreck wegputzt, addiert die Hübsche die Spesenbelege des Liebsten auf. Hier Champagner und Lachs, da Cocktails und Kaviar, immer zehn Prozent Trinkgeld, das macht etwas über 7000 DM. Das hielt man damals für schwindelerregend viel Geld – und für eine Summe, die in Edelkneipen nur der verjubeln konnte, der über Geld sowieso nicht sprechen musste.

Der Ritterschlag, der aus der Klatschspalte kommt

Dass hier über diese Spesen gesprochen werden muss – „Das reichst Du jetzt aber endlich mal ein!“, ermahnt Mona ihren Baby –, dieser Umstand zeigt schon, dass hier etwas nicht ganz stimmt, dass da einer nicht ganz in seinem Element ist, obwohl ja die ganze Münchner Societywelt nur durch ihn so richtig zu existieren scheint. Dass es da einem an Macht fehlt, obwohl er der Mächtigste von allen zu sein scheint, derjenige, dessen Schweigen in der täglichen Zeitungskolumne ganze Scharen von Neureichen zu kleinen, durchsichtigen Gespenstern machen kann. „Wer reinkommt, bestimme ich“, lautet der Glaubenssatz dieses Schimmerlos – und das ist zugleich die Definition des Werts eines Menschen in der Welt und für die Stadt.

Was für ein blitzgescheiter, instinktsicherer Erzähler dieser Helmut Dietl ist, der am Sonntag siebzig wird, zeigen die vielen Informationen dieses Einstiegs in den leuchtenden Sektsumpf von „Kir-Royal“. Denn der zynischen Verschwendungssucht in den Partynächten der Wohlsituierten steht die Idee des Restaurantbelegs schroff gegenüber. Zahlt dieser Schimmerlos etwa? Wird der nicht überall eingeladen? Ist das nicht ein Freitisch-Spezi par excellence?

„Kir Royal“ ist einfach: perfekt!

Nicht einmal die Verlegerin (Ruth-Maria Kubitschek) von Babys Kolumnen mag das glauben, als er ihr später die Spesenrechnungen vorlegt. Aber Baby lässt sich tatsächlich nicht einladen, wie wir später sehen werden, nicht einmal von einem drängelig jovialen rheinischen Klebstoffkönig (Mario Adorf) auf Stippvisite, der dem berühmten Schickeria-Chronisten quer durchs Lokal einen Kir Royal ausgeben will. Schimmerlos lehnt es ab, so wie er es ablehnt, das neueste Betthaserl seines Fotografen Herbie (Dieter Hildebrandt) oder den publicitygeilen Zahnarzt seiner Sekretärin Edda (Billie Zöckler) auf einem Gruppenfoto ins Blatt zu lassen, so lange die nicht wirklich jemand sind.

Unbestreitbar, „Kir Royal“ ist spitz und schwungvoll geschrieben (neben Dietl selbst haben Patrick Süskind und Kurt Raab an den Drehbüchern gearbeitet), ein Musterbeispiel für präzises Timing (gerade als Mona mit ihrer Aufzählung der Lebenshaltungskosten beim kleinen Beitrag für die Journalistengewerkschaft angelangt ist, wird weggeschnitten, nachdem wir zuvor in Ruhe gigantische Autoversicherungskosten hören durften). Die Ausstattung sitzt, die Musik von Konstantin Wecker nicht minder – und die Leute reden, wie Leute im Leben eben reden, was sonst im deutschen Fernsehen kaum je der Fall ist. Zudem geben die Schauspieler ihr Bestes und sind bis in die Nebenrollen hinein – der junge Edgar Selge als Kellnerschnösel etwa – begnadet ausgesucht.

Die Moral des Baby Schimmerlos

Doch zum Geniestreich, den man immer wieder mal schauen mag, wird „Kir Royal“ endgültig dadurch, dass Helmut Dietl nicht das Leichte und Erwartbare tut, er also nicht nur mit intelligentem Ekel den Boulevardjournalismus in seiner nichtigsten Form als Pestbeule von Dummheit und Korruption vorführt. Nein, der Autor und Regisseur zeichnet seinen Baby Schimmerlos, dem der reale Michael Graeter von der Münchner „Abendzeitung“ als Vorbild gedient haben soll, als Mann mit Werten in einem wertlosen Geschäft. Schimmerlos ekelt sich vor vielen, deren Treiben er bunt herausstellt, aber er nimmt seinen Job doch ernst – was uns hier keinesfalls bloß über den Boulevard nachdenken lässt, sondern auch über Qualitätsjournalismus.

Wie halten es die anderen eigentlich? Diese Frage drängt sich jedes Mal auf, wenn Schimmerlos Rückgrat zeigt, Bestechungen abwehrt und Schmeicheleien an sich ablaufen lässt. Nur dass Dietl ihm dieses Privileg, mit sauberer Weste im buntstiftfarbenen Morast zu waten, nicht lange lässt. Schimmerlos wird nämlich das Opfer von Erpressungen, Einflussnahmen und Zwangsumarmungen – und Dietl zeigt nun ganz akkurat, wie so etwas geht, wie Zuckerbrot und Peitsche angekündigt, angewandt und wieder weggehext werden, bevor es fragende fremde Blicke geben kann.

Vom Krebs gezeichnet

Helmut Dietl bündelte in den sechs einstündigen Folgen von „Kir Royal“ alles, was er zuvor bei den Serien „Der ganz normale Wahnsinn“ (1979) und „Monaco Franze“ (1983) gelernt hatte. Danach drehte er Kinofilme, griff die Medienkritik in „Schtonk!“ (1992), seiner Komödie um die Hitlertagebücher, wieder auf und lieferte mit „Rossini“ (1997) eine weitere Milieustudie aus den besseren Münchner Kreisen. Aber nie mehr hat er so viel auf einen Schlag geboten wie in „Kir Royal“.

Deutlich von seiner Krebserkrankung gezeichnet, hat Helmut Dietl vor wenigen Wochen bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises einen anrührenden Auftritt gehabt. Da stand nicht nur ein Mann auf der Bühne, der ein paar gute Filme zuwege gebracht hat. Da stand, mitten im Wehklagen, dass im Ausland das goldene Zeitalter der intelligenten TV-Serie angebrochen sei und bei uns die alte Ödnis herrsche, ein kein bisschen von der Zeit überholter Pionier, der lange vor den neuen TV-Ansprüchen gezeigt hat, wie großartig man in diesem Medium seriell erzählen kann. Fragt sich nur, warum er so viel gerühmt wird, ihm aber so wenige nacheifern.

Kir Royal – Sony Music, 3 DVDs plus Audio-CD. 406 Minuten. Ca. 18 Euro.