Der 73-jährige Helmut Holzapfel aus Kassel gilt als Pionier der Verkehrswende. Seine Ideen sind mittlerweile zwar in aller Munde. Wie er sich erklärt, dass sich bisher trotzdem so wenig bewegt.

Helmut Holzapfel wird nicht müde: Seit 40 Jahren wirbt der ehemalige Professor am Institut für Verkehrswesen an der Uni Kassel dafür, Mobilität nicht zuerst vom Auto her zu denken. Warum er nicht an Aufhören denkt.

Herr Holzapfel, wann waren Sie zuletzt mit dem Auto in der Stadt unterwegs?

Ich musste vor paar Tagen ein größeres Objekt abholen, da habe ich mir das Auto von meiner Frau genommen.

Welche Rolle spielt das Auto in der Stadt der Zukunft?

Es kommt auf die Politik an. Ich würde jedenfalls gern eine Stadt sehen, in der Zu-Fuß-Gehende und Menschen, die mit dem Fahrrad fahren, Vorrang haben. Da könnten wir enorm Energie einsparen und gleichzeitig unsere Lebensbedingungen in den Städten verbessern. Wenn wir nach vorn auf 2040, 2050 schauen, würden wir, denke ich, mit der Hälfte Autoverkehr in den Städten gut auskommen – wenn wir auch den öffentlichen Verkehr ausbauen.

Wird die Liebe der Deutschen zum Auto je enden?

Die endet schon, das ist mittlerweile eine klare Altersfrage. Der Durchschnittsnutzer der großen SUVs ist zwischen 65 und 70 Jahre alt. Und beim Fahrrad und Zu-Fuß-Gehen sehen Sie immer mehr jüngere Leute. Wir haben etwa aus Paris Untersuchungen, die zeigen, dass die 30- und 40-Jährigen die Automobilnutzung stark einschränken. Aber das ist natürlich bisher ein Phänomen der größeren Städte.

Seit 40 Jahren werben Sie dafür, Mobilität nicht zuerst vom Auto her zu denken. Frustriert es Sie, dass sich hier bisher so wenig bewegt?

Nein, ich mache immer weiter. Ich gehöre zu denen, die Tempo 30 einst mit erfunden haben. Vor mir liegt ein Buch aus dem Jahr 1985, wo klar gemacht wird, warum das eine sinnvolle Sache ist.

Nämlich?

Wissenschaftlich haben wir schon in den 80er Jahren festgestellt, dass Tempo 30 in hohem Maße Leben rettet. Wir haben das danach definiert, wie das menschliche Gehirn bei einem Anprall belastet ist, das gilt vor allen Dingen für Kinder. Wer mit höheren Geschwindigkeiten eine Kopfverletzung erleidet, hat meistens lebenslange Schäden oder stirbt. Mit Tempo 30 wollen wir nicht Autofahrer schikanieren, sondern wir wollen etwas gewinnen.

Sie waren mit diesem Anliegen lang allein. Heute fordern rund 400 Kommunen in Deutschland mehr Freiheiten bei der Verkehrsplanung. Obwohl der Koalitionsvertrag der Ampel das hergibt, tut sich nichts. Wie erklären Sie das?

Man denkt im Verkehrsministerium immer noch, das sei eine Maßnahme gegen das Automobil statt eine Maßnahme für mehr Urbanität in den Städten. Es gibt da eine hartgesottene, alte Mentalität, die jede Einschränkung fürs Automobil ablehnt. Kurz und knapp: Die Politik, die das Ministerium heute macht, ist nicht zukunftsfähig. Im Ausland, von Kopenhagen, Amsterdam bis Barcelona ist man viel weiter und mit einer ökologischen Mobilität auch ökonomisch erfolgreich.

Sie sind im wissenschaftlichen Beirat bei Daimler. Wie passt das zu Ihrem Engagement?

Das passt durchaus zusammen. Ich habe manchmal das Gefühl, bei Daimler wird mir mehr zugehört als beim Ministerium. Ich habe meine Vorstellungen bei Daimler und vor der IG Metall auf großen Kongressen darlegen können, das Echo war positiv, ich bin nicht rausgeworfen worden. Nur ein Austausch der Positionen, auch mit der Industrie, kann uns nach vorne bringen.

Pionier der Verkehrswende

Persönliches
Helmut Holzapfel ist 73 Jahre alt. Er gilt als Pionier der Verkehrswende und hat beispielsweise 1985 das Buch „Autoverkehr 2000. Wege zu einem ökologischen und sozial verträglichen Straßenverkehr“ mit verfasst. Er publiziert und wirbt in Vorträgen intensiv für eine Mobilitätswende.

Berufliches
Die Schwerpunkte von Holzapfel sind und waren integrierte Verkehrsplanung sowie Mobilitätsentwicklung. Er war Professor am Institut für Verkehrswesen, Leiter des Fachgebietes Integrierte Verkehrsplanung/Mobilitätsentwicklung und Mitglied des Instituts für urbane Entwicklungen sowie des Kompetenzzentrums für Klimaschutz und Klimaanpassung an der Uni Kassel. International war er unter anderem Gastdozent in London und Wien, aktuell leitet er das Zentrum für Mobilitätskultur in Kassel.