Helmut Lachenmann Der Komponist, der das Hören befreite

Von Markus Dippold 

Ende November feiert Helmut Lachenmann seinen achtzigsten Geburtstag. Zum Auftakt der Feierlichkeiten mit einem einmonatigem Festival führen vereinte Stuttgarter Orchesterkräfte auch Stockhausens „Gruppen“ auf. Ein Wunsch des Jubilars.

Vereint in einem Saal der Messe Stuttgart: das Radio-Sinfonieorchester des SWR und das  Staatsorchester führen Karlheinz Stockhausens „Gruppen“ auf. Foto: Horst Rudel
Vereint in einem Saal der Messe Stuttgart: das Radio-Sinfonieorchester des SWR und das Staatsorchester führen Karlheinz Stockhausens „Gruppen“ auf. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Die Perspektive ist ungewöhnlich. Die Musiker sitzen mit dem Rücken zum Publikum und haben sich auf drei Bühnen verteilt. Mal kommen die Klänge von links, wandern dann nach rechts, interagieren mit dem Ensemble in der Mitte und kulminieren gelegentlich in der geballten Kraft von knapp 110 Instrumenten. Karlheinz Stockhausens „Gruppen“ ist zweifellos eines der bedeutendsten Werke der klassischen Moderne, 1958 in Köln uraufgeführt, jetzt zum Zentralwerk der „Lachenmann Perspektiven“ in der Stuttgarter Messe erhoben.

In diesem November feiert der Stuttgarter Komponist Helmut Lachenmann seinen achtzigsten Geburtstag. Um den angemessen zu würdigen, braucht es die (freiwillige) Fusion schwergewichtiger Musikinstitutionen, wenn man vier Wochen lang ein Konzert-Großaufgebot in der Stadt und dazu Veranstaltungen in 29 Ländern stemmen will.

Im zweiten Eröffnungskonzert am Samstagabend tummeln sich Musiker des Radio-Sinfonieorchesters und des Staatsorchesters in drei Ensembles, um Stockhausens außergewöhnliches Werk, das Helmut Lachenmann sich ausdrücklich gewünscht hat und von dem er maßgeblich beeinflusst wurde, wie er nach der Konzertpause erläutert, zu realisieren. Links steuert Clement Power mit akkurater Zeichengebung Instrumentalisten des RSO, wirft den Blick immer wieder auf die andere Saalseite, wo sein Dirigentenkollege Baldur Brönnimann sehr filigran Musiker des Staatsorchesters lenkt. Spiritus rector aber ist mit wuchtiger Gestik Rupert Huber in der Mitte, vor sich eine gemischte Orchesterbesetzung.

Als seien die Gesetze von Raum und Zeit ausgehebelt

Faszinierend ist dieses Werk bis heute, vor allem, wenn man es gleich zweimal hören kann – wie an diesem Abend in der akustisch und atmosphärisch unvorteilhaften Messehalle geschehen. Unterschiedliche Tempoverläufe der drei Ensembles, ständig wechselnde Metrik, passgenaue Interaktionen und subtilste Klang- und Strukturkombinationen ergeben ein Gefüge, bei dem man bisweilen den Eindruck hat, es könne die Gesetze von Raum und Zeit aushebeln.

Vorangestellt war dieser Großtat am Nachmittag ein Konzert mit einem Projekt­orchester aus Studenten der Musikhochschulen Stuttgart und Mannheim. Unter der kantig auf Sicherheit und Struktur setzenden Leitung des Lachenmann-Zöglings Matthias Hermann wurde die 1973 entstandene Komposition „Fassade“ des Jubilars aufgeführt. Der gesamte Lachenmann-Kosmos ist in diesem Werk enthalten: eine Heerschar Schlagzeuger bedient alle möglichen Percussion-Instrumente oder reibt Styroporblöcke aneinander, die Blechbläser hauchen immer wieder in die Instrumente, die Streicher klopfen, kratzen und reiben. Dazu werden vom Band Rauschen und Alltagsgeräusche, etwa spielende Kinder gemischt.

Dialoge von Bild und Ton

Hier zeigt sich der typisch Lachenmann’sche Ansatz, die Klänge aus den assoziativen und vorgeprägten Hörgewohnheiten des Publikums zu befreien, die uralte Unterscheidung in schön und hässlich aufzuheben, und jede Form des Klangs als gleichberechtigt zu sehen. Erfreulicherweise überwinden die jungen Musiker beim zweiten Durchlauf am Ende des Programms die anfängliche konzentrierte Starre und entwickeln einen spannungsreichen Musizierfluss.

Lachenmanns Ansatz entsprechend richten die „Perspektiven“-Konzerte den Blick nicht nur auf die Werke des Komponisten und derer, die ihn beeinflussten, sondern schauen auch auf diejenigen, die als Schüler oder Enkel-Schüler Lachenmanns Ideen weitertragen. So steuert Musik der Jahrhunderte – neben Oper, SWR und Musikhochschule der vierte Kooperationspartner – am Sonntagvormittag ein ausgeklügeltes audio-visuelles Programm mit dem Ensemble Ascolta bei. Den Rahmen dieser Dialoge von Bild und Ton liefert Clemens Gadenstätter mit „les cris des lumières“, darin eingebettet Video-Sequenzen (Lillevan, Astrid S. Klein, Daniel Kötter, Ruth Anderwald/Leo Grond) in psychedelischer, naturalistischer, spielerischer Perspektive, konfrontiert mit dem üblichen Neue-Musik-Tonvorrat zwischen menschlichem Grunzen, verzerrten Gitarren-Klängen, explosiven Percussion-Momenten und virtuosen Trompeten-Einsprengseln (Malte Giesen, Neele Hülcker, Benjamin Schweitzer). Schade nur, dass das nervige Licht-an- Licht-aus und Stroboskop-Blitze für Anspannung und Ablenkung sorgen.