Helmut Lachenmann wird 85 „Ich kann keine Oper schreiben“

Helmut Lachenmann mit Musikern des RSO Stuttgart beim Festival „Lachenmann-Perspektiven“ Foto: Martin Sigmund

Er hat uns gelehrt, dass Musik weit mehr ist als nur eine Reihe schöner Töne: Helmut Lachenmann, lange Jahre Kompositionsprofessor an der Stuttgarter Musikhochschule, ist einer der wichtigsten Komponisten der Gegenwart. An diesem Freitag feiert der Mann, der Geräusche salonfähig machte, seinen 85. Geburtstag.

Stuttgart - So skrupulös, wie Helmut Lachenmannkomponiert, sind auch seine Äußerungen – selbst wenn sie auf den ersten Blick locker und amüsant wirken. Damit kein Zwischenton verloren geht und keine Äußerung missverstanden werden kann, wurde dieses Interview per E-Mail geführt. Der Komponist beantwortete die Fragen von seiner zweiten, italienischen Heimat aus, mit Blick auf den Lago Maggiore.

 

Herr Lachenmann, würden Sie, wenn Sie noch einmal jung wären, wieder Komponist werden wollen?

Sie fragen einen glücklichen Komponisten im vorgerückten Alter, dessen Musik gespielt und respektiert wird. Wieso soll ich rückblickend über einen anderen Berufsweg nachdenken? Es wäre ja auch ein bisschen arg spät, so etwas jetzt noch zu bereuen.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag – jenseits von Torte und Kerzen?

Weder Torte noch Kerzen, aber noch genug Zeit und Kraft, um meine Zusagen einzuhalten und – nicht nur auf Schwäbisch – alles zu „schaffen“.

Gibt es ein Ständchen, über das Sie sich freuen würden?

Bitte nicht, da müsste ich gerührt stillhalten – sehr anstrengend.

Wie erleben Sie die Corona-Krise, und wie ordnen Sie sie ein?

Hier in meinem italienischen Corona-freien Arbeitsrefugium denke ich an die Meinen, aber auch an die Belastungen der freiberuflichen Musiker, deren „systemirrelevantes“ Wirken von unseren zuständigen Geistesleuchten als „Freizeitgestaltung“ neben Zoo- und Bordellbesuch höchst verantwortungsvoll und mittelkompetent eingeordnet worden war, bis man zum Glück protestiert hat. Und ich genieße bewusst die frische Luft, klares Wasser und die immer noch nutzbaren Service-Leistungen und warte auf die nächste Katastrophe, die auch diesen Wohltaten ein Ende setzen könnte.

Befürchten Sie Folgen für die Kulturszene?

Natürlich. Bin auf alles gefasst.

Was komponieren Sie gerade – nach „My Melodies“ für acht Hörner und der „Marche fatale“ für Orchester vielleicht: einen Tango?

Sehr komisch. Ich lach mich tot und verrate nichts.

Was möchten Sie, dass man einmal über Sie sagen wird?

Darüber denke ich nicht nach.

Zitat Helmut Lachenmann: „Ich muss das machen, was ich nicht kann.“ – Was können Sie nicht? Und was machen Sie nicht, weil Sie es können?

Ich kann keine Oper schreiben, hab’s halt probiert und bereue es nicht. Und ich beherrsche mich mühsam und komponiere keine Orgelfugen.

Zweites Zitat von Ihnen: „Ein Komponist, der genau weiß, was er will, der will nur das, was er weiß.“ Wie schafft man es, immer wieder über seine eigenen Begrenzungen hinauszukommen?

Da gibt’s kein Rezept. Aber es kann keinem schaden, im Denken seine Begrenztheiten zu erkennen, dann wird’s entweder lähmend, oder es wird spannend, anregend, befreiend.

In Stuttgart haben sich an Neujahr 2018 die Besucher des Opernhauses köstlich über Ihre „Marche fatale“ amüsiert. Finden Sie das Stück auch lustig?

Ich habe ein konzentriert lauschendes Publikum bemerkt, kein köstlich amüsiertes, gar lachendes, auch nicht unter all den Gratulanten. Die fantastisch spielenden Musiker des Staatsorchesters haben das sehr ernst genommen, und das Stuttgarter Publikum ist nicht dumm, es spürt den Unterschied von heiter und lustig: „Marche fatale“ – das kann ja heiter werden. Amüsiert hat mich, dass Sie seinerzeit bei der Uraufführung den extrem lang gehaltenen allertiefsten Ton des Kontrafagotts für eine Tuba gehalten haben, deren Spieler bei solcher Ausführung auf halber Strecke entseelt vom Stuhl gesunken wäre.

Ha! Sie lesen Kritiken?

Kommt drauf an – wenn ich von anderen deshalb angesprochen werde. Bin köstlich amüsiert, wenn ein Kritiker nach meiner „Musik mit Leonardo“ neulich in der Liederhalle von „Michelangelo“ salbadert. Das lass ich mir doch nicht entgehen.

Man könnte die „Marche fatale“ auch als hinterfotzige Kritik an starr gewordenen Traditionen der „Avantgarde“ verstehen. War das Ihre Absicht?

Ach, Unsinn. Kritik pflege ich im Klartext zu äußern. Meine „Marche“ ist heiter, aber so wenig amüsant wie die „Kleine Nachtmusik“ oder der „Radetzky-Marsch“.

Wollen Sie Ihre Zuhörer erziehen?

Glauben Sie im Ernst, dass ich mir so etwas anmaße? Der Herr Lachenmann aus Leonberg? Ich bin doch nicht Billy Graham und bestimmt nicht Johannes der Täufer.

Was wollen Sie mit Ihrer Musik erreichen?

Sich öffnende Ohren und abenteuerbereites, konzentriertes Hören. Nicht so einfach in einer Zeit erbarmungsloser Berieselung im Alltag, sogar durch die Musik unserer großen Klassiker, die sich nicht wehren können.

Was bedeutet Ihnen Stille?

Welche meinen Sie? Es gibt unendlich viele Formen von Stille: beruhigende, lähmende, befreiende, andächtige, konzentrierte, überraschte, gespannte, wohlig entspannte, verkrampfte, peinliche, angstvolle, schockierte, vor Schrecken erstarrte Stille, wenn im Flugzeug in 12 000 Meter Höhe das dröhnende Düsengeräusch plötzlich aussetzt, sicher im Konzert die ergriffene Stille am Ende der Neunten von Mahler, aber auch die brutale Stille des Toten Traktes im Kölner Gefängnis, womit seinerzeit die Terroristin Ulrike Meinhof gefoltert wurde. Und natürlich die Stille, die ich genieße, wenn ich nachts an meinem Arbeitstisch sitze. Sie bedeutet mir magischen Zuwachs von Energie, ist für mich unverzichtbar.

Fehlt unserer Gesellschaft das Zuhören?

Ihr fehlt das Hören. Zuhören kann jeder, aber Hören bedeutet die Ohren öffnen, auch für Ungewohntes, hellhörig werden.

Singen Sie gerne?

Aber sicher: „Life is Life“ im Auto – früher mit meinen Kindern, vielleicht bald wieder mit meinen Enkeln.

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