Er gilt als er bedeutendste lebende deutsche Komponist: Helmut Lachenmann Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Am 27. November wird der in Stuttgart geborene Komponist Helmut Lachenmann 90. Seine Musik verweigert das Gewohnte und definiert Schönheit völlig neu.
Susanne Benda
25.11.2025 - 15:22 Uhr
Es quietscht, knarzt, schabt, reibt, zupft, zerrt. Soll das etwa Musik sein? Das Publikum, wiewohl in Donaueschingen, also an ungewöhnliche Klänge gewöhnt, traut seinen Ohren nicht. Hat seinen Wilhelm Busch verinnerlicht („Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden“) und pfeift und buht schon bei den ersten Takten. 1980 wird Helmut Lachenmanns „Tanzsuite mit Deutschlandlied“ bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt, und es gehört zu den Legenden der Neuen Musik, dass damals der Komponist selbst aufstand und die Aufführung abbrach. „Stopp!“, sagte Lachenmann. „Bitte hören Sie erst das Stück zu Ende und protestieren danach.“
Das Publikum tat, was er erbat (Lachenmann kann sehr streng wirken). Und das Sinfonieorchester des Südwestfunks, damals geleitet von Sylvain Cambreling, ließ Klangfetzen eines Walzers und einer Polka durch den Saal huschen, ebenso wie Fragmente der Lieder „Schlaf, Kindlein, schlaf“, „Hänschen klein“ und „O, du lieber Augustin“. Mitten im Defilee der versehrten rhythmisch-melodischen Gestalten das deutscheste aller Lieder, die Hymne. Aber, viel schlimmer noch als in Beethovens Neunter mit ihren vorab auffahrenden „Freude!“-Einwürfen, ist das Zitierte hier zerhäckselt, ins Schemen-, ja Fratzenhafte getrieben.
Helmut Lachenmanns Credo: Den Klang von den Gewohnheiten befreien
Die Uraufführung der „Tanzsuite mit Deutschlandlied“ sagt viel über die Prägungen, den Charakter und die Ideen des Mannes, der an diesem Donnerstag seinen 90. Geburtstag feiert. Und über die Reaktionen, die seine besondere Kunst begleiten. Bis heute. Kaum zu glauben, aber wahr: Noch vor drei Jahren hat das Publikum im Stuttgarter Mozartsaal das Quatuor Diotima nach der Aufführung von Lachenmanns drittem Streichquartett ausgebuht. Jetzt hat das französische Ensemble eine Neuaufnahme sämtlicher drei Quartette auf CD herausgebracht, und wir erleben ein Fest der Schönheit. Die klingt und wirkt halt nur anders als gewohnt; man muss sich einlassen, um sie schätzen, ja manchmal gar genießen zu können.
„Musique concrète instrumentale“ nennt der gebürtige Stuttgarter das Ergebnis seines Tuns. Lachenmanns Werke bestehen nie nur aus Tönen, sondern immer auch aus dem, was um deren Produktion herum passiert. Also aus den akustischen Ereignissen, die man gemeinhin als Geräusch bezeichnet. Der Klang, so die Idee, soll von traditionellen Erwartungen und Gewohnheiten befreit werden, sowohl bei den Musizierenden als auch bei den Zuhörenden. Ton und Geräusch sind gleichberechtigt, „schön“ und „hässlich“ sind keine verbindlichen Kategorien mehr.
Szene aus „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in Stuttgart, 2001 Foto: Schaefer_A.T.
Das ist auch eine politische Botschaft. Eine zentrale Haltung des 1968er-Aufstands ist die Verweigerung, und von dieser Haltung ist bei diesem Komponisten alles durchtränkt, auch bei seinem einzigen Beitrag zur (neben dem Streichquartett) traditionslastigsten aller musikalischen Gattungen, der Oper. In „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, uraufgeführt 1997 in Hamburg, nachgespielt 2001 an der Staatsoper Stuttgart, schlägt Lachenmann einen Bogen von Andersens Märchen zur RAF, vom komponierenden schwäbischen Pfarrerssohn zur schwäbischen Pfarrerstochter-Terroristin, und man bemerkt die bildhaften Qualitäten seiner Musik. Vor allem die Kälte und das Frieren finden auf unterschiedlichste Weise klanglichen Widerhall: in den zerfetzen Silben der im Raum verteilten Stimmen, in Geräuschtechniken rund um die instrumentale Tonproduktion. Allein das gigantische Abbild eines angerissenen Streichholzes, akustisch vergrößert durch Klavier und hinter dem Steg zupfende Streicher, fräst sich – „Ritsch!“ – tief hinein in die Erinnerung.
Schönheit, hat Lachenmann mal gesagt, sei „verweigerte Gewohnheit“. Wobei er die Verweigerung In seinen späten Stücken gelegentlich verweigert. So gibt es etwa in der „Marche fatale“, die das Staatsorchester Stuttgart 2018 uraufgeführt hat, wieder längere melodische Gedanken. Daneben gibt es aber auch eine Art Selbstzerstörungsmechanismus, der das böse grimassierende Stück dazu bringt, sich selbst platt zu trampeln. Lachenmann – das lehrt dieses Stück ebenso wie sein jüngstes, „My Melodies“ für acht Hörner und Orchester“ – ist viel zu schlau, als dass er sich von seiner eigenen Revolution auffressen ließe.
Helmut Lachenmanns Leitspruch
Das wäre auch deshalb schwierig, weil diese oft sehr leise tönt. Stille ist, wie bei John Cage, ein wichtiger Teil des Erklingenden. Und selbst die Stücke, die Lachenmann für großes Orchester schreibt, sind im Kern immer Kammermusik. Zuhören, sagt er, könne jeder, „aber Hören bedeutet, die Ohren zu öffnen, auch für Ungewohntes, hellhörig werden“. Auch für die Feinheiten der Sprache hat er ein Faible. Den Vertreterinnen und Vertretern seiner eigenen Zunft, die er, unter anderem als langjähriger Professor an der Stuttgarter Musikhochschule, mit ausbildete, hat er einen Satz mitgegeben, der noch heute ein viel zitierter Leitspruch ist: „Ein Komponist, der genau weiß, was er will, der will nur das, was er weiß.“ Entgrenzender kann man nicht denken.
Konzert Als Hommage zum runden Geburtstag des Komponisten versteht das SWR-Symphonieorchester unter seinem Chef François-Xavier Roth seine Auftritte in der Stuttgarter Liederhalle an diesem Donnerstag und Freitag (27./28. 11., jeweils um 20 Uhr). Auf dem Programm stehen Lachenmanns „Ausklang“ für Klavier (Jean-Frédéric Neuburger) und Orchester und Beethovens 7. Sinfonie. In „Ausklang“ beleuchtet der Komponist unterschiedliche Möglichkeiten des Verklingens. Karten unter 0711 / 929 21321 oder swrticketservice@swr.de
CD Frisch erschienen ist die empfehlenswerte Aufnahme von Lachenmanns drei Streichquartetten durch das Quatuor Diotima (Pentatone/Naxos PTC 5187 223).