Auf seinen Konzertreisen am anderen Ende der Welt wird Helmuth Rilling gefeiert. In Chile hat er eine neue Bach-Akademie gegründet.

Frutillar/Chile - Die Augen von Maxiel Marchant sind dunkel und schön. Sie strahlen eine Wärme und Herzlichkeit aus, die größer kaum sein könnte – und doch erlebt man sein leuchtendes Wunder, wenn man die junge Frau fragt, weshalb sie einen Meisterkurs bei Helmuth Rilling besucht: „Eben: wegen Helmuth Rilling“, schießt es aus der Dirigentin hervor. Mehr sagt sie nicht, mehr muss sie auch nicht sagen, denn den ganzen Rest erledigen ja die Augen. Ein Glanz legt sich auf die kastanienbraunen Pupillen, eine seelenvolle Glut, die in Sekundenschnelle tatsächlich mehr als tausend Worte sagt. Maxiel Marchant, 27 Jahre alt, Musiklehrerin aus Santiago de Chile, liebt und verehrt den Maestro aus Deutschland. Ja, sie vergöttert ihn: Blickt man jetzt vollends in ihr soghaftes Augenpaar, könnte man meinen, Rilling sei in eins die Reinkarnation von Toscanini, Bernstein und Karajan – hier in Frutillar, im Süden Chiles, fast am Ende der Welt.

Maxiel Marchant ist freilich nicht der einzige Mensch, der dem Stuttgarter Dirigenten zu Füßen liegt, nicht in Chile und auch nicht in Lateinamerika überhaupt. Drei Wochen lang ist Helmuth Rilling mit Chor und Orchester, insgesamt mehr als fünfzig Sängern und Musikern, kreuz und quer durch den Subkontintent gereist, um die h-Moll-Messe von Bach aufzuführen. Und überall schlug ihm ein Maß an Verehrung entgegen, das jenes in der Heimat bei Weitem zu übersteigen scheint. Ob in Lima oder Bogotá, in Caracas oder São Paulo, in Santiago oder Buenos Aires: in allen Metropolen wurde der Dirigent mitsamt der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium hymnisch gefeiert, meist mit Ovationen im Stehen, manchmal sogar schon vor Beginn des Konzerts.

So wie in Buenos Aires, im Teatro Colon mit seinen 3800 ausverkauften Plätzen: kaum hatte der Meister die Bühne des weltberühmten Hauses betreten, gab es – wie uns berichtet wird – für die Zuhörer kein Halten mehr. Von den Sitzen aufspringend, brachen die Hauptstädter in grenzenlosen Jubel aus, noch bevor auch nur ein Ton gespielt oder gesungen worden wäre. „Dieses Temperament! Fantastisch!“, sagt der wie ein Popstar gefeierte Dirigent zwei Tage später in Frutillar. „Das Publikum war außer Rand und Band. Und das bei einer geistlichen Messe!“

Bachs h-Moll-Messe in Patagonien

Frutillar ist die unmittelbare Tourneestation nach Buenos Aires und völlig anders als all die Stationen zuvor. Frutillar ist keine Millionenstadt, sondern eine Kleinstadt mit 17 000 Einwohnern. Und dort, an der Pforte zu Patagonien, wird nicht nur die Bach-Messe gespielt, sondern auch – als Höhepunkt der Tournee, die Rillings letzte als Führungsfigur der Bachakademie ist – ein weiterer Ableger seines Stuttgarter Hauses gegründet.

In Rillings Reich geht die Sonne nun in der Tat nicht mehr unter. Nach Russland, China, Nordamerika et cetera also zum zweiten Mal, nach dem älteren Caracas, eine Zweigstelle im turbulenten Südamerika, wobei man sich eine Bach-Akademie im Ausland nicht als feste und ganzjährige Institution vorstellen darf. Außerhalb Deutschlands verstehen die Stuttgarter Musikmanager darunter lediglich eine mehrtägige Reihe von Meisterkursen und Gesprächskonzerten unter Rillings Leitung. Dass Nachwuchsmusiker aber trotzdem ein enormes Interesse an diesem einmaligen Lehrangebot haben, sieht man in Chile. Rund dreißig Meisterschüler aus dem ganzen Land sind ins hochmoderne Teatro del Lago gekommen, um vom verehrten Taktstockmeister das Dirigieren zu lernen – und die Geheimnisse von Bachs h-Moll-Messe obendrein.

Als Maxiel Marchant zum ersten Mal das Podium betritt, ist ihre Unsicherheit mit Händen zu greifen. Sie hebt den Stock – und verpfuscht den Einsatz. Chor und Orchester verheddern sich in einer wüsten Kakofonie, weshalb Rilling die Frau nochmals auf die Partitur hinweist. Dann der zweite Versuch, die Einsätze gelingen, das Kyrie glückt – und Marchant, die mit ihrer ins Schwarzhaar geflochtenen Perlenkette so gar nicht wie eine Klassikliebhaberin ausschaut, eher wie ein Hippiemädchen, ist nach diesem Erfolg auch voll des Lobs für den Meister. „Helmuth ist so verständnisvoll, so weich und sanft“, sagt sie. Und der Bach-Experte gibt das Kompliment postwendend zurück: „Maxiel ist sehr begabt. Sie hatte die Messe-Teile, die sie vorbereitet hatte, gut im Griff.“

Man duzt sich in den Meisterkursen

Und ja: man duzt sich in den Meisterkursen, geht achtsam miteinander um und bildet eine große Familie, deren gütiger Vorstand eben der perfekt Spanisch sprechende Rilling ist. Alle Musiker, auch die aus Stuttgart angereisten, sind erheblich jünger als er. Mit großer Geduld, nie ins Autoritäre kippend, unterrichtet der Großvater seine Enkelkinder.

Dass aber der weißhaarige Maestro noch ungemein jung und agil sein kann, beweist er, wenn er selbst am Pult steht. Zum krönenden und – muss man es eigens erwähnen? – abermals umjubelten Abschluss der nunmehr ersten chilenischen Bach-Akademie leitet Rilling nämlich persönlich die im glänzenden Barock erstrahlende, grauen Pietismus mit Wucht vertreibende h-Moll-Messe. Der Meister zeigt es seinen Schülern – und dann sieht es fast so aus, als käme es zu einer grandiosen Umkehrung. Nicht Rilling dirigiert die Partitur, die Partitur dirigiert Rilling: Jede Achtel, jede Sechzehntel, jede Fermate von Bach schlägt sich penibel in Mimik und Gestik nieder, Gesicht und Körper sind hellwach und tänzeln auf dem Podium umher, als gehörten sie einem achtjährigen Ballerino. Tatsächlich wird Rilling im nächsten Jahr aber achtzig.

„Wohin blicken Sie dann? Mehr nach vorne? Oder mehr zurück?“, fragen wir. „Immer nach vorne“, sagt Rilling, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Und selbst wenn er in der Stuttgarter Bachakademie dann nichts mehr zu sagen hat, wird er im nächsten Jahr zu Ostern wieder nach Chile zurückkehren: mit der Matthäuspassion von – wem sonst? – Bach.