Henri-Nannen-Jury Wenn ein Preis in den Keller fällt

Von Michael Ohnewald 

Zum ersten Mal wurde einem Preisträger seine Auszeichnung aberkannt. Die Karriere des Reporters bekommt dadurch einen bösen Knick.  

Wie gewonnen, so zerronnen: René Pfister (links) muss den aus der Hand des Geo-Chefredakteurs Peter-Matthias Gaede erhaltenen Reportagepreis wieder zurückgeben.  Foto: dpa
Wie gewonnen, so zerronnen: René Pfister (links) muss den aus der Hand des "Geo"-Chefredakteurs Peter-Matthias Gaede erhaltenen Reportagepreis wieder zurückgeben. Foto: dpa

Hamburg - Eigentlich sind Preise wie dieser dazu gedacht, herausragenden Journalismus zu würdigen, welcher sich vom Pfützenjournalismus dadurch unterscheidet, dass er sich bei großer Fläche auch durch eine gewisse Tiefe hervortut. Der nach dem "Stern"-Gründer und journalistischen Urgestein Henri Nannen benannte Preis schmückt so manche Edelfeder und den meisten, die damit gestreichelt wurden, gereichte dies zur Ehre und nicht selten auch zum Karrieresprung.

Diesmal jedoch ist alles anders. Die Hauptjury hat der Karriere des "Spiegel"-Reporters René Pfister, vorsichtig gesprochen, einen bösen Knick versetzt. Am Freitag war der Journalist in Hamburg vor allen, die in diesem Metier Rang und Namen haben, für ein Stück über Horst Seehofer mit dem renommierten Reportagepreis bedacht worden. Kaum war das Klirren der Sektgläser verhallt, wurde Pfister die hohe Auszeichnung am Montag prompt wieder aberkannt. Ein Eklat, einmalig in der deutschen Presselandschaft.

Das Henri-Nannen-Preisgericht besteht aus zwei Gremien. Die Vorjury wählte in diesem Jahr aus 791 Arbeiten von 196 Print- und Onlinepublikationen die besten Stücke in verschiedenen Kategorien aus. Paarweise kämpften sich die in diese Runde berufenen Journalisten durch Berge von Papier und bewerteten jede einzelne Reportage. Bei Meinungsunterschieden im Team diskutierte die Vorjury in einer ganztägigen Sitzung in Hamburg jeden einzelnen Fall. Am Ende wurden drei Dutzend Reportagen und Dokumentationen ausgewählt, welche der namhaft besetzten Hauptjury, in der Chefredakteure wie Giovanni di Lorenzo ("Die Zeit") und Andreas Petzold ("Stern") sitzen, zur Entscheidung vorgelegt wurden.

Sie kürte Pfister zum Sieger, dessen Seehofer-Stück sich in den ersten Absätzen mit der Eisenbahn im Ferienhaus des CSU-Vorsitzenden befasst. "Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll", heißt es in der Reportage, und so wurde der Autor bei der Preisverleihung denn auch auf der Bühne gefragt, wie es so aussehe in jenem Eisenbahnkeller. Pfister antwortete frank und frei, dass er nie dort gewesen sei, woraufhin ihm die Jury jetzt den Preis aberkannt hat. Entgegen dem Eindruck der Leser und aller Juroren beruhe die detaillierte Schilderung von Seehofers Umgang mit seiner Modelleisenbahn nicht auf der eigenen Wahrnehmung des Autors. "Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss", so das Juryurteil.

Wie fiktional darf eine Reportage sein?

Es kam keineswegs einmütig zustande, wie man ahnt, denn in der hochmögenden Riege wirkt auch der "Spiegel"-Chefredakteur mit, welcher den Fall anders beurteilt. "Die Informationen für den Einstieg beruhten auf Gesprächen mit Seehofer, dessen Mitarbeitern sowie "Spiegel"-Kollegen, die den Hobbykeller selbst in Augenschein genommen haben. An keiner Stelle hat der Autor behauptet, selbst in dem Keller gewesen zu sein. Die Fakten der Eingangspassage sind zudem unbestritten", heißt es in einer Erklärung des Magazins.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass in den nächsten Wochen heftig über den Fall des Preisträgers gestritten werden wird. Eine Debatte kündigt sich an über Journalistenpreise im Allgemeinen und Qualitätsjournalismus im Besonderen. Es wird um eine fragwürdige Art des Geschichtenerzählens gehen, bei der sich Autoren aus der Ferne in die Köpfe ihrer Protagonisten denken, es wird darum gehen, wie fiktional eine Reportage sein darf.

Diese Selbstbespiegelung ist gut und sogar überfällig, wenngleich das Hamburger Nachrichtenmagazin darüber weniger begeistert sein dürfte. Kritiker beklagen seit langem eine eigenwillige Haltung beim deutschen "Sturmgeschütz der Demokratie", wenn es darum geht, Quellen ordentlich zu benennen. Hätte Pfister einen winzigen Satz wie diesen in seinen Prolog gefügt, wäre alles ganz anders gekommen: "So was erzählt Seehofer gerne bei Hintergrundgesprächen in seinem Dienstzimmer."