Der CSU-Mann Strauß höchstpersönlich hat – von einem örtlichen Polizeimeister über den Frevel in Kenntnis gesetzt – Anzeige erstattet. Doch Experte Dix tut das, wofür Engelsing ihn bestellt hat: Er schüttelt unwillig den Kopf. „Dicke Männer gibt’s viele“, stellt der 75-jährige Künstler trocken fest. „Wenn das der Strauß sein soll, ist es sehr schwach und sehr zahm.“ Nach diesem vernichtenden Urteil hat das Lindauer Amtsgericht nur eine Wahl: Freispruch für den 21-jährigen Metzgersmaler. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet genüsslich.
Das letzte Erinnerungsfoto
Ja, Herbert Engelsing liebte großes Kino. Und er kannte all die Großen – Schauspieler wie Gustav Gründgens, Schriftsteller wie Erich Kästner, Staatsrechtler wie Theodor Eschenburg. Das weiß niemand besser als sein Sohn. Ein dickes Buch hat er über seinen Vater geschrieben. Dabei kann sich Tobias Engelsing, der Chef der Museen in Konstanz, an den Mann, der sein Vater war, gar nicht erinnern. „Als er starb, war ich noch keine anderthalb Jahre alt.“ Eines der letzten Bilder zeigt Vater und Sohn im Badezimmer der frühen 1960er Jahre, daneben die junge Mutter. Auf dem Foto wirkt Herbert Engelsing wie ein Opa, verbraucht von einem wendungsreichen Leben, die Kippe im Mundwinkel.
Präsent sei der Vater eigentlich immer gewesen, in den Räumen der Altbauwohnung im Konstanzer Stadtteil Paradies direkt am Grenzzaun zur Schweiz. Und natürlich auf dem Speicher, wo zwei schwere Holzkisten mit allerlei Devotionalien aus einem anderen Leben lagerten. Und schließlich auch bei den Fernsehabenden im Wohnzimmer, wenn die Großmutter anrief: „Heute kommt dein Vater“, hieß es. Dann erschien er nicht live und in Farbe, aber als kurzer Namenszug im Abspann. Die Oma kannte sich aus. Sie hatte die Fernsehzeitschrift „Gong“ abonniert. Daraus filterte sie die Filme heraus, an denen ihr Schwiegersohn in den Jahren 1935 bis 1945 als sogenannter Herstellungsgruppenleiter beim Filmkonzern Tobis Tonbild-Syndikat mitgewirkt hatte.
Tropenhelm von Theo Lingen
Die alten Schmonzetten aus der Nazizeit wurden im Fernsehen der Bundesrepublik immer noch gerne ausgestrahlt. So sah der heranwachsende Tobias den Liebesschwank „Der Mustergatte“ mit Heinz Rühmann – „der größte Publikums- und Lacherfolg der Jahre 1937/38“, wie es im Filmlexikon heißt – oder die Kriminalkomödie „Herr Sanders lebt gefährlich“ mit Paul Verhoeven und Gretl Schörg. Und auch der reich ausgestattete und unter großen Gefahren an Originalschauplätzen in Indien gedrehte Abenteuerfilm „Der Tiger von Eschnapur“ flimmerte über den Bildschirm. Wegen Überschreitung des Budgets hatte sich Herbert Engelsing, der so etwas wie ein angestellter Produzent war, seinerzeit gegenüber seinen Vorgesetzten verantworten müssen. Jetzt fand der Bub den Tropenhelm, den Theo Lingen während der Dreharbeiten getragen haben soll, beim Spielen in einer der Kisten.
Doch daneben begegneten dem Knaben auch ganz andere Zeugnisse aus dem Leben seines Vaters. Es waren Menschen, die meist längst nicht mehr in Deutschland lebten, aber zu Besuch zurückgekommen waren und ihre Geschichten erzählten. Viele waren Juden. Dankbar sprachen sie von Herbert Engelsing, ihr „Schutzengelsing“, wie sie sagten. Pässe habe er besorgt und Fluchtmöglichkeiten eröffnet. Immer wieder fiel das Wort „Widerstand“. Doch wie passte das zu seiner Rolle beim Nazifilm? Stand da ein Schauspieler hinter der Kamera?
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Lange habe er geglaubt, sein Vater habe nur harmlose Unterhaltungsfilme gedreht, sagt Tobias Engelsing. Aber das ist nicht wahr. In seiner Produktionsabteilung, die unter seiner Ägide insgesamt 40 Filme drehte, entstanden auch zwei Auftragswerke für die Hitlerjugend und direkt nach Kriegsbeginn zwei antienglische Propagandastreifen. Dann erst war wieder seichte Kost gefragt. Die Funktion war klar. Das Propagandaministerium verlangte nach Filmen, bei denen die Menschen den Krieg und das Leid kurzzeitig vergessen konnten. „Mein Vater war Teil einer ideologisierten Traumfabrik.“ Doch wie kam er damit zurecht?
Ein geschliffener Jurist
Herbert Engelsing war ein aufstrebender Jurist. 1935 hatte er den preußischen Staatsdienst verlassen und war zum Film gewechselt, um nicht Nazirecht sprechen zu müssen. Doch er war aus dem Regen in die Traufe geraten. Bei Tobis, ursprünglich ein niederländischer Konzern, der mit dem heutigen Tobis-Filmverleih nur den Namen gemein hat, hatte der NS-Staat längst heimlich die Mehrheit übernommen. Joseph Goebbels war der oberste Chef, und dass Engelsing dort so schnell an eine verantwortungsvolle Stelle gelangte, hatte er nicht nur seinem Geschick zu verdanken, sondern auch dem Umstand, dass der Konzern sich von jüdischen und politisch unzuverlässigen Kräften „säuberte“. Junge, „unbelastete“ Mitarbeiter rückten nach.
Wobei: Ganz geheuer war den neuen Machthabern der geschliffene Jurist nicht. Während der Weimarer Zeit hatte er dem Republikanischen Richterbund angehört. Zweifel an seiner Zuverlässigkeit ziehen sich durch seine Personalakte. Mehrfach gerät er in den Fokus der Sicherheitsdienste, bis sich im Dezember 1944 ein Vorgesetzter gar wundert, dass er überhaupt noch in Freiheit sei. Da scheint auch aufzufliegen, was Engelsing zwischenzeitlich in große Gefahr gebracht hatte: seine Kontakte zu Harro Schulze-Boysen. 1942 war der Luftwaffenleutnant wegen Hochverrats hingerichtet worden. Zahlreiche Mitglieder der Gruppe endeten unter dem Fallbeil. „Rote Kapelle“ hatten Abwehr und Gestapo den Kreis der Verschwörer getauft, um sie in die Nähe von Sowjetrussland zu rücken.
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Herbert Engelsing und seine erste Frau Inge bewirteten diese Oppositionellen. Mit Schulze-Boysen und dessen ebenfalls später hingerichteten Frau Libertas verband sie eine enge Freundschaft. Gemeinsam traf man sich auf dem Engelsing’schen Wochenendgrundstück am Zemminsee bei Berlin, fuhr Kanu, tauschte sich über politische Fragen aus. Engelsing versorgte Schulze-Boysen mit Informationen aus dem Innenleben der nationalsozialistischen Filmindustrie. Nur an Flugblattaktionen beteiligte sich Engelsing nicht. „Mit Flugblättern stürzt man keine Diktatur“, erklärte er dem Freund.
In Sicherheit auf der Mainau
Engelsing hatte einen guten Grund, weshalb er sich zurückhalten musste. Seine junge Frau war Halbjüdin, wie es im damaligen Duktus hieß. Gerade erwartete das Paar das zweite Kind. Nur durch eine von Hans Globke persönlich vermittelte Sondergenehmigung, den Engelsing aus seiner Gymnasialzeit kannte, durften die beiden 1938 heiraten.
Das Kriegsende erlebte Engelsing, der als kriegswichtig nicht eingezogen wurde, in Konstanz. Bei einem Filmdreh auf der Mainau hatte er die abgeschiedene Kleinstadt ausgewählt, um seine kleine Familie durch die letzten Kriegstage zu bringen. Seit 1944 wurde dort nicht mehr verdunkelt, um für Schweizer Staatsgebiet gehalten zu werden. In Konstanz avancierte Engelsing zu einem Anwalt für die besonderen Fälle. Er verteidigte Sinti und verhalf jüdischen Mandanten zu ihrem Recht. Sein Auto, ein roter Sportwagen, trug die Nummer KN-A 175. Auch dies ein politisches Statement: für die Abschaffung des Schwulenparagrafen.
Und plötzlich geriet er unwissentlich in eine neue Rolle. Ehemalige Gestapomänner, die bei der Organisation Gehlen angeheuert hatten, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendiensts, denunzierten ihn als Kopf einer neuen „Roten Kapelle“. Frau und Kinder hatte er gerade in die USA geschickt, doch seine eigene Übersiedlung scheiterte. An einen Kommunisten hatte man im Amerika der McCarthy-Zeit kein Interesse. An der fortdauernden Trennung zerbrach auch die Ehe.
Mitläufer oder Mann des Widerstands?
Spät entdeckt Herbert Engelsing noch einmal die große Liebe. Er heiratet eine junge Sekretärin aus seiner Kanzlei. Den Sohn, der alsbald geboren wird, sieht er nicht mehr aufwachsen. Wenige Tage nach der siegreichen Gerichtsverhandlung in Lindau erleidet Herbert Engelsing einen ersten Schlaganfall. Sieben Wochen später ist er tot.
Es gibt keine angestauten Aggressionen im Verhältnis zwischen dem Sohn und dem zu früh verstorbenen Vater. „Ich muss mich nicht an ihm abarbeiten“, sagt Tobias Engelsing. Es gibt nur viele Fragen, von denen er sich einige nun selbst beantwortet hat. Andere bleiben offen. Dafür ist das Leben von Herbert Engelsing wohl auch zu widersprüchlich gewesen. „Mitläufer oder Mann des Widerstands? Mein Vater war beides.“ So wie viele in jener Zeit, wenn wohl auch nicht so extrem wie Herbert Engelsing.
Buch Tobias Engelsing: Kein Mensch, der sich für normale Zeiten eignet – Mein Vater zwischen NS-Film und Widerstand. Propyläen-Verlag, 447 Seiten, 25 Euro.