Herbert Grönemeyer wird 70 Der gute Deutsche
Von „Männer“ bis „Mensch“ und noch viel weiter: Tusch für den erfolgreichsten Popsänger des Landes: Herbert Grönemeyer aus Bochum wird an diesem Sonntag siebzig Jahre alt.
Von „Männer“ bis „Mensch“ und noch viel weiter: Tusch für den erfolgreichsten Popsänger des Landes: Herbert Grönemeyer aus Bochum wird an diesem Sonntag siebzig Jahre alt.
Sein Vater Wilhelm, der seit der Schlacht von Stalingrad ohne rechten Arm durchs Leben lief, sei ein „Spitzen-Umarmer“ gewesen, erzählt Herbert Grönemeyer in der ARD-Dokumentation „Grönemeyer – Alles bleibt anders“. „Mein Vater war im Grunde der Umarmer in der Familie“, sagt sein Sohn, der jüngste von dreien. „Dass er nur einen Arm hatte, ist mir nie aufgefallen.“ Und von diesem Vater hat der Sohn offenbar die Umarmungsqualitäten geerbt, im übertragenen und im ganz realen Sinne.
Dieser Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer, schon der Name ist natürlich die reinste Poesie, wird jetzt also am 12. April 70 Lebensjahre alt. Diese Tatsache muss man erst einmal sacken lassen. Wer Grönemeyer Anfang des Jahres auf seiner „mittendrin – akustisch“-Tournee erlebt hat, auf der er – räumlich wie emotional – noch näher dran war an den Leuten als sonst, bringt das Alter nur schwer mit diesem Menschen in Einklang. Grönemeyer, zeitlebens für alle, die in schätzen, ein Herbert geblieben, nie zum distanzierten „Herrn Grönemeyer“ geworden, derwischt drei Stunden über die Bühne, plaudert mit dem Publikum, singt und tanzt, dass es die wahre Freude ist.
Doch die 70 ist halt ein Fakt. „Optisch zu altern ist generell nicht das Allereinfachste“, sagte er jüngst im Interview, „aber in meinem Fall altert man auch öffentlich. Das ist für eigene Eitelkeit ein Prozess, an den man sich gewöhnen muss.“ Freilich sieht es so aus, als wenn echte Überzeugungskünstler wie Herbert Grönemeyer oder auch ein Bruce Springsteen, der noch sechs Jahre älter ist, auf der Bühne in eine Art ewigen Zustand der Jugendlichkeit transformiert werden. Diese Energie, die hätte man gerne. Da kann Grönemeyer noch so oft behaupten, eigentlich ein Meister des Müßiggangs zu sein.
In Göttingen kommt er zur Welt, doch als er ein Jahr alt ist, siedeln die Grönemeyers nach Bochum um. Hier macht er 1975 sein Abitur, beginnt ein Studium der Musik und Rechtswissenschaften, das er trotz 23 Semestern nie abschließt. Mit äußerst zarten 20 Jahren wird er bereits musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum unter dem Intendanten Peter Zadek. Auch mit der Choreografin Pina Bausch arbeitet er zusammen.
Bochum wird Grönemeyer zur Herzensheimat. Als Kind habe er dann am besten schlafen können, wenn er durchs offene Zimmerfenster die Stempel im Gussstahlwerk „Bochumer Verein“ auf den Stahl knallen hörte. Diesen „Pulsschlag aus Stahl“ verewigte er später in seiner Hymne „Bochum“. „Ich bin immer ein Kind des Ruhrgebiets gewesen und auch geblieben“, sagt Grönemeyer. Der Menschenschlag an der Ruhr – stolz, verlässlich, ehrlich, unprätentiös – sei ihm nach wie vor sehr nah, auch wenn er seit 2007 in Berlin lebt und vorher zehn Jahre lang in London wohnte. „Ich werde der Stadt Bochum für alle Zeit dankbar sein.“ Gleiches dürfte auch umgekehrt der Fall sein. Ehrenmitglied des Zweitligavereins VfL Bochum ist er natürlich auch, die Mitgliedsnummer lautet „4630“.
Nur dass Grönemeyer nicht in der zweiten Liga, sondern seit über vierzig Jahren ohne Unterbrechung in der Champions League unterwegs ist. Seinen künstlerischen Durchbruch schafft er zwar als Schauspieler. 1981 verkörpert er in Wolfgang Petersens Antikriegs-Film „Das Boot“ den unbedarften und milchbubihaften Kriegsberichterstatter Leutnant Werner. Doch die Musik ist ihm noch wichtiger. Zwischen 1979 und 1983 veröffentlicht er vier Alben, die gemeinsam haben, dass sich nur wenige Menschen für sie interessierten. Seine Plattenfirma wirft ihn wegen Erfolglosigkeit raus, Grönemeyer schlüpfte bei der EMI in Köln unter – und bringt 1984 „4630 Bochum“ raus – jenes Album, das ihn zur jungen Ikone macht.
„Männer“ ist der selbstironische, aber warmherzige Hit, heute noch gern gehört, „außen hart, und innen ganz weich“ sind sie bei ihm. Auch „Alkohol“, die Ballade „Flugzeuge im Bauch“ und eben „Bochum“ werden zu zeitlosen Klassikern. Grönemeyer ist nun Ende zwanzig und ein deutscher Superstar. Die Karriere läuft bestens, allenfalls müssen sich die Deutschrockfans entscheiden, ob sie lieber zu dem hemdsärmeligen Herbert oder dem zunehmend schnieken Marius Müller-Westernhagen halten.
„Stillstand ist der Tod/ Geh voran/ Bleibt alles anders“, singt er 1998 in „Bleibt alles anders“, und dieser Drang nach Veränderung, nach Entwicklung, diese Neugierde, diese Lust am Ausprobieren, sie bleiben sein künstlerisches Leitmotiv. Mal baut er verstärkt elektronische Elemente in seine Songs ein, mal singt er ein Album lang auf Englisch, 1994 ist er der erste deutsche Künstler, der für MTV ein „Unplugged“-Special aufnimmt.
Es hätte vielleicht ewig so weitergehen können, aber so ist das Leben nicht. Seins schon gar nicht. Acht Jahre lang leidet seine Frau Anna, vor der Öffentlichkeit verborgen, an Brustkrebs. Im November 1998 stirbt sie, vier Tage nach seinem Bruder Wilhelm, der ebenfalls einer Krebserkrankung erliegt. Herbert Grönemeyer zieht sich zurück, trauert, ist für seine Kinder Felix und Marie da, versucht, von irgendwo her wieder Mut zu schöpfen. Als „persönliche Apokalypse“ bezeichnet er diese Zeit.
Grönemeyer verarbeitet sein Trauma musikalisch. Das Album „Mensch“ kommt 2002 und wird zum Meilenstein: Kein Album eines deutschsprachigen Künstlers hat sich jemals häufiger verkauft (etwa 3,5 Millionen Mal). Das todtraurige, schmerzerfüllte und doch Hoffnung spendende Lied „Der Weg“, das er seiner Anna widmete, wird zu einem Testament der Trauer und der Resilienz. Spätestens seit dem „Mensch“-Album ist Herbert Grönemeyer das, was man in Großbritannien als „National Treasure“ bezeichnet – ein Nationalheiligtum. Ein deutscher Schatz.
Wie keinem Zweiten gelingt es ihm, die Stimmung des Landes aufzugreifen und in Lieder zu verwandeln. So wie 2006, als Deutschland von einer seltenen Leichtigkeit befallen war, und Grönemeyer mit „Zeit, dass sich was dreht“ die hochfröhliche, Aufbruchstimmung verbreitende, offizielle WM-Hymne zu jenem Turnier in Deutschland beisteuerte.
An Herbert Grönemeyer und seinen Liedern liegt es jedenfalls nicht, dass Deutschland seit Jahren so durchhängt. Er ist der Mutbürger der Nation, ein Zuversichtlichkeitsverbreiter, ein ewig junger Hoffnungsträger, ein unverbesserlicher Nichtschwarzmaler. „Angstfrei“ heißt ein Stück von seinem jüngsten Studioalbum „Das ist los“ 2023, in einem anderen, „Der Schlüssel“, singt er gegen den anschwellenden Fremdenhass an.
Herbert Grönemeyer ist nicht nur ein Seismograf hiesiger Befindlichkeiten. Der Mann steht stabil. Er ist sozusagen die Eine-Mann-Brandmauer: gegen den Hass, für Demokratie, für Menschlichkeit, für Empathie. Keinen Millimeter weiter nach rechts dürfe sich die Gesellschaft bewegen, fordert er. Aktuell arbeitet Herbert Grönemeyer an seinem nächsten Album, das Ende 2026 erscheinen soll. Und er schreibe an einer Oper. „Ich habe einen sehr schönen, sehr traurigen Stoff“, sagt er.