Für die Stabstelle Klimaschutz ist am Montag ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: Die Mitarbeiter durften den Kollegen vom Weingut der Stadt Stuttgart bei der Lese helfen. Im Cannstatter Zuckerle holten sie rund 2000 Kilogramm Riesling-Trauben aus dem Weinberg. Das ist schwere Arbeit, denn in den steilen Terrassen wird noch mit Butten und der Seilbahn geschafft. Es hat sich gelohnt, bilanziert der Betriebsleiter Timo Saier, denn die Menge stimmt. Auch Maximilian Dinter, der Weinberge in Uhlbach, Obertürkheim und Esslingen hat, ist mit der Lese bislang zufrieden. Rainer Bubeck vom Collegium Wirtemberg hat in den Weinbergen dagegen Schreckmomente erlebt. „Ich gehe nicht zum Traubenlesen raus, sondern zum Traubensuchen“, bestätigt Hans-Peter Wöhrwag. Die Folgen des Frostes von Ende April bekommt der Untertürkheimer Winzer nun zu spüren. Er hat das Fachwort dafür parat: „Man nennt es Neidherbst, wenn beim einen alles erfriert und beim Nachbarn alles gut ist.“
Verwöhnt von den trockenen Sommern
Wenn Timo Saier diesen Herbst etwas fehlt, dann sind es ein paar Öchsle hier und da. Für ihn ist die Lese insofern anspruchsvoll, weil die Reifegrade der Trauben variieren, was am Kälteeinbruch im September und dem vielen Regen liegt. Vom Frühjahrsfrost blieben die städtischen Lagen verschont. Wieder mehr von Hand sortiert werden muss, um die faulen Trauben zu entfernen. „Das ist für unser Anbaugebiet eigentlich normal“, sagt Timo Saier, „wir sind schon verwöhnt von den trockenen Jahren.“ Immerhin bewahrheitete sich seine Befürchtung nicht, dass der städtische Betrieb während des Weindorfs mit der Lese beginnen musste. Es ging erst in der Woche darauf los, und zwar entspannt, damit bestimmte Sorten noch möglichst viele Sonnenstrahlen abbekommen. Spätburgunder wurde wegen der Kirschessigfliege, die dieses Jahr allerdings weniger massiv auftritt, zuerst geholt. Weißburgunder, Merlot und Syrah hängen unter anderem noch. Bis spätestens Mitte Oktober will der Weingutsleiter mit der Lese durch sein.
Freude über durchschnittlich bis guten Ertrag
Bei Maximilian Dinter von Maxwein ging es bereits am 1. September los – mit einem Dämpfer. Seine frühe, pilzwiderstandsfähige Sorte Muscaris hatte 93 Öchsle erreicht, war jedoch vom Frost dezimiert, und „die letzten Träuble haben sich noch die Rehe geschnappt“. Beim Riesling machte er sicherheitshalber eine Vorlese, damit die reifen Beeren nicht durch den Regen aufplatzen und die unreifen länger am Stock bleiben können. „Man muss immer alles im Auge behalten“, sagt er, „denn irgendwas ist immer.“ Dass die Kirschessigfliege, die die roten Trauben attackiert, sich in der Kälte nicht vermehren kann, erleichtert ihm die Arbeit. Als durchschnittlich bis gut taxiert er ansonsten seinen bisherigen Ertrag. Die ersten Weine sind in seinem Keller schon durchgegoren, vor Weihnachten füllt Maximilian Dinter möglicherweise die ersten 2024er ab.
Rainer Bubeck sehnt sich ein Hochdruck-Gebiet herbei. Nach „einem schwierigen Jahr“ mit hohem Pilzdruck und starkem Wachstum der Pflanzen aufgrund des vielen Regens hätte der Aufsichtsratsvorsitzende der Genossenschaft Collegium Wirtemberg gerne mehr Sonnenschein im Herbst. „Qualitativ wird es sehr gut werden“, bilanziert er zur Halbzeit der Lese. Die Stöcke hätten dieses Jahr beispielsweise keinen Trockenstress erlebt, was der Aromatik dient. Am Samstag ist Rainer Bubeck allerdings „richtig erschrocken“, wie wenig Weißburgunder und Chardonnay die Weinberge hergeben. Er hatte gehofft, dass er mit teilweise „sehr guten Mengen“ die Frostlagen ausgleichen kann. Nach anfänglichem Optimismus rechnet der Genossenschaftschef nun mit einem unterdurchschnittlichen Herbst.
Kein Neid von Hans-Peter Wöhrwag im Neidherbst
„Es ist der kleinste Herbst, den ich in meiner Laufzeit hatte“, sagt Hans-Peter Wöhrwag, der am 3. September ebenfalls mit dem Pinot Noir loslegte. Etwa 90 Prozent seiner Weinberge sind vom Frost betroffen, die Lage Herzogenberg hat es voll erwischt. Statt viele Tausend Liter holt er teilweise nur 300 aus einem Hektar, bei manchen Weinbergen nur ein Zehntel der üblichen Menge. Seine Versicherung decke einen kleinen Teil dieser Verluste ab. Dem Frost kann der Untertürkheimer Winzer trotzdem etwas abgewinnen: Zwei Generationen von Trauben haben sich dadurch gebildet, die ersten, die die kalten Temperaturen überlebt haben, und die zweiten von den Nachtrieben. Durch die Mischung sehr reifer und weniger reifer Beeren könnte sich möglicherweise „eine tolle Aromenvielfalt“ ergeben. Grauburgunder und Weißburgunder gären bei ihm schon in den Stahltanks. Im Keller ist er wieder besser gelaunt, als er es zuvor im Weinberg war, weil Qualität und Menge bei den Weißen stimmen. „Extreme Jahre führen zu spannenden Weinen, man muss es nehmen, wie es kommt“, sagt er und dass am Ende meistens doch alles gut werde. Bis 10. Oktober wird ihn die Lese vermutlich beschäftigen, falls es nicht zu nass wird. Und auch wenn es ein Neidherbst ist, auf die Kollegen sei er nicht neidisch, stellt Hans-Peter Wöhrwag klar.