Herbstliche Lesetipps Bücher für die goldene Jahreszeit

Je herbstlicher es draußen wird, desto gemütlicher wird es zu Hause. Foto: Imago/Shotshop

Herbstzeit ist Lesezeit. Mit welchen Büchern könnt ihr es euch in der kühlen Jahreszeit gemütlich machen? Dafür haben wir uns in der Redaktion und bei Buchhändler:innen aus Stuttgart umgehört.

Nachdem sich der Sommer schon am 1. September meteorologisch verabschiedet hat, zieht jetzt auch das Wetter mit. Die Tage sind kühl und verregnet. Doch je ungemütlicher es draußen wird, desto einladender wird das eigene Sofa. Perfekt für einen herbstlichen Leseabend, oder? Damit ihr den Herbst gebührend einläuten könnt, haben wir Empfehlungen von Buchhändler:innen aus Stuttgart und Stadtkindern gesammelt.

 

Helke Stadelmeier (Vaihinger Buchladen) empfiehlt: „Hotel Paraíso“

Frieda ist Synchronsprecherin . Doch eines Tages bleibt im Studio ihre Stimme weg, die Worte haften nicht mehr. Sie beschließt, über den Jahreswechsel, die sogenannte Dead Week, auf ein Hotel in Portugal aufzupassen. Viel muss sie dort nicht machen. Sie kümmert sich um den Hotelhund Otto und um sich, macht Strandspaziergänge und lüftet Zimmer und ihre Gedanken.

Sie erinnert sich an ihre Kindheit, denkt über Heimweh, Fernweh und Irgendwohinweh nach. Ein stiller, melancholischer Roman voller genialer Wortbilder und Metaphern, die hier unerschöpflich zu finden sind, und dabei kluge Sätze – so einfach eingestreut. Arezu Weitholz ist Texterin für Grönemeyer und Lindenberg, und das merkt man. Minimalistisch der Roman, aber ganz groß der Inhalt!

„Hotel Paraíso“: Arezu Weitholz, Mare-Verlag, 176 Seiten, 23 Euro

„Seltsame Sally Diamond“

Als ihr Adoptivvater stirbt, tut Sally Diamond, 42, genau das, was er (scherzhaft) von ihr verlangt hat: Sie verbrennt ihn mit dem Müll. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt, und schon bald interessiert sich nicht nur ihr Heimatstädtchen, sondern auch die Medienlandschaft für die seltsame Frau, die sich bisher stets taub gestellt hat. Vor allem interessieren sie sich für ihre Kindheit, die Zeit vor ihrer Adoption, sechs Lebensjahre, an die Sally keinerlei Erinnerungen hat. Jetzt jedoch muss sie herausfinden, dass diese Zeit von furchtbaren, unvorstellbaren Traumata geprägt ist, und versucht, diese zu bewältigen. „Seltsame Sally Diamond“ ist ein fesselnder Roman über tiefe Traumata und menschliche Abgründe. Es ist ein Buch, das den Leser gleichermaßen in seinen Bann zieht und verstört und nicht mehr loslässt.

„Seltsame Sally Diamond“: Liz Nugent, Steidl-Verlag, 336 Seiten, 26 Euro

Katrin Schlote-Korthals (Ostendbuchhandlung) empfiehlt: „Kerbholz“

Nach einem Autounfall an der dünn besiedelten Westküste Neuseelands, bei dem die Eltern sterben, sind die drei überlebenden Kinder der englischen Familie Chamberlain auf sich gestellt. Als sie nach ein paar Tagen der völligen Orientierungslosigkeit in der wilden neuseeländischen Natur von einem Einwohner gefunden werden, glauben sie, gerettet zu sein, werden jedoch auf dessen Farm eher wie Sklaven gehalten.

Nur eine Tante aus England sucht nach ihnen – allerdings vergebens. Und auch nach vielen Jahren, als die Leiche eines der Kinder gefunden wird, wird wohl niemand herausfinden, was geschehen ist. Nur der Leser oder die Leserin weiß, wie die drei Kinder jeweils auf ihre eigene Art mit ihrer Situation umgegangen sind, was gleichermaßen beklemmend, wie spannend ist. Die Beschreibung der neuseeländischen Natur hat daran einen großen Anteil.

„Kerbholz“: Carl Nixon, Unionsverlag, 304 Seiten, 15 Euro

Nina Schweikert (Ostendbuchhandlung) empfiehlt „Scandor“

Für Jugendliche bietet sich der neue Jugendthriller von Ursula Poznanski an. Es geht um eine Challenge, bei der 100 Menschen einen besonderen Lügendetektor testen. Sie dürfen mehrere Tage nur die absolute Wahrheit sagen, wer lügt, fliegt raus und muss sich zur Strafe seiner größten Angst stellen. Sehr packend und spannungsreich.

„Scandor“: Ursula Poznanski, Loewe-Jugendbücher, 448 Seiten, 19,95 Euro

Lina Dobrowitz (Petersen Buchimport) empfiehlt: „Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen“

Dieses Buch ist wie eine Tasse heiße Schokolade - süß und warm, irgendwie heilsam und viel zu schnell weg(gelesen): Die junge Hexe Mika nimmt ein geheimnisvolles Jobangebot auf einem versteckten Cottage an. Sie soll für drei Waisenmädchen eine Art Hauslehrerin werden, Hauptfach: Magie. Dabei darf eigentlich niemand wissen, dass Mika magische Fähigkeiten besitzt … Achtung: Enthält eine Vielfalt liebenswürdiger Charaktere, bei denen man gern einziehen möchte, eine grumpy loveinterest (schottisch) und eine Überdosis Happy End!

„Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen“: Sangu Mandana, Penhaligon, 352 Seiten, 17 Euro

„Die Tage des Wals“

Eisig kalt könnte es nicht nur bei uns im Winter werden, sondern ist es auch im Jahr 1939 auf einer abgeschiedenen walisischen Insel. Kurz nachdem ein Wal an den Strand gespült wurde, trudeln dort zwei Anthropolog*innen ein. Sie wollen bewahren, was auf dem Festland bereits verloren gegangen ist. Die junge Ich-Erzählerin Manod soll ihnen bei den Übersetzungen ins Englische helfen. Schnell merkt sie, dass Mission und Wahrheit der beiden Fremden auseinanderdriften. Was für ein atmosphärisches Meisterwerk auf schmalen 224 Seiten – sprachlich ein absolutes Jahreshighlight!

„Die Tage des Wals“: Elisabeth O’Conner, Blessing, 224 Seiten, 24 Euro

„Ganz wie ein Mensch“

Wir begleiten einen* queeren Puma durch die Hollywood Hills, die er* sein* Zuhause nennt. Dabei sehen wir uns und unsere „zivilisierte“ Welt durch seinen* fragenden Blick. So simpel die Sätze in diesem kleinen Buch sind, so grandios sind sie zugleich. Das macht derart viel Freude (und ehrlicherweise löst es auch Kopfschütteln, Herzklopfen und Schluchzgeräusche aus), dass man den Text nach dem Beenden direkt wieder aufschlagen möchte. Große Leseempfehlung für alle, die neugierig auf andersartig erzählte Literatur und wunderbar schräge Figuren sind.

„Ganz wie ein Mensch“: Henry Hoke, Eisele Verlag, 192 Seiten, 22 Euro

„Glorreiche Taten“

Im Herbst noch nach Griechenland zu reisen, scheint ein neuer Trend zu sein. Wer sich den Flug und das Hotel nicht leisten kann, sollte mit diesem historischen Super-Roman ins Syrakus des 5. Jahrunderts vor Christus reisen! Weil den beiden das echte Leben zu fade erscheint, planen die mittellosen Euripides-Fans Lampo und Gelon ein Theaterstück, das mit den vielen athenischen Gefangenen abgehalten werden soll. Ausgerechnet „Medea“ möchten sie aufführen und besungen soll es werden, bis in alle Ewigkeit. Dass hier fast alles schief gehen kann – geschenkt. Schließlich sprechen wir hier von einer griechischen „Tragödie“ … Lustig, temporeich und klug.

„Glorreiche Taten“: Ferdia Lennon, Rowohlt, 336 Seiten, 25 Euro

Yannic Ruf (Buchhandlung Brucker) empfiehlt: „Die Legende vom Tränenvogel“

Mit unfassbar viel Charme und Witz entführt uns dieses Buch in eine Fantasiewelt, die mal so ganz anders ist. Statt auf Zwerge, Dämonen und Vampire treffen wir hier auf die volle Bandbreite der asiatischen Mythologie. Eine bunte Gruppe bestehend aus einem rachsüchtigen Menschen, einem meterhohen Hahnenkrieger und einem rätselliebendem Feuergeist begibt sich auf eine Rettungsmission in das Reich des Feindes. Wir hatten sehr viel Spaß mit dem Buch und erwarten schon sehnlichst die folgenden drei Bände.

„Das Blut der Herzlosen – Die Legende des Tränenvogels 1“: Young Do-Lee, Heyne Verlag, 560 Seiten, 22 Euro

„Pi mal Daumen“

Ein junger, hochintelligenter Mann aus der Oberschicht und eine Mittfünfzigerin aus der unteren Mittelschicht begegnen sich als Nebensitzer im Mathematikstudium.

Schnell wird der junge, sozial eher inkompetente Mann von der aufgedrehten Dame unter die Fittiche genommen. Es entwickelt sich eine lustige, freundschaftliche Dynamik zwischen den beiden. Die Autorin beeindruckt mit den wohlrecherchierten mathematischen Einschüben, die uns auf mehr als einer Ebene den Horizont erweitern.

„Pi mal Daumen“: Alina Bronsky, Kiepenheuer und Witsch, 272 Seiten, 24 Euro

Stadtkind empfiehlt: “Die schönste Version“

„Die schönste Version“ überrascht mit einer frischen, lyrischen Sprache, die den Kontrast zu der düsteren Thematik verstärkt. Im Mittelpunkt steht die toxische Dynamik zwischen Yannick und Jella, ein ständiges Hin und Her aus intensiver Anziehung und zerstörerischem Verhalten. Beide sind sowohl Täter als auch Opfer, doch besonders Yannicks Machtspielchen stechen hervor. Diese ambivalenten Grauzonen machen das Buch so spannend und verstörend zugleich. Jellas Provokationen scheinen am Ende fast wie ein stummer Schrei nach Hilfe. Ein packender und aufwühlender Blick auf die dunklen Seiten menschlicher Beziehungen.

„Die schönste Version“: Ruth-Maria Thomas. Rowohlt-Buchverlag, 272 Seiten, 24 Euro.

„Wir sind Pioniere“

Zwischen Mannheim und Stuttgart (!) skizziert Kaleb Erdmann die polyamoröse Beziehung zwischen Bruckner und Vero – die gerade erst einen positiven Schwangerschaftstest gemacht hat. Trotz oder vielleicht gerade wegen des Verzichts auf Satzzeichen und Groß- und Kleinschreibung liest sich „Wir sind Pioniere“ sehr flüssig und schnell und bringt einen immer wieder zum Schmunzeln. Ein Pluspunkt gibt es außerdem für die vielen Stuttgart-Erwähnungen.

„Wir sind Pioniere“: Kaleb Erdmann. Park x Ullstein, 176 Seiten, 20 Euro.

Stadtkind empfiehlt „Twelve of Nights”

Die gebürtige Stuttgarterin Nena Tramountani hat bereits 24 Romane veröffentlicht. Erst Ende August erschien der erste Teil ihrer „Twelve of Nights“-Reihe: Während der Raunächte in einem griechischen Dorf, einer Zeit voller Mythen und Rituale, begegnet Daphne der rätselhaften Ioanna. Zwischen den beiden entsteht eine Anziehung, doch Ioanna trägt ein Geheimnis in sich, das ihre Beziehung bedroht. Am 21. September ist Nena Tramountani zur Signierstunde in Stuttgart, alle Details gibt es hier >>>

„Twelve of Nights“: Nena Tramountani. Piper-Verlag, 432 Seiten, 20 Euro.

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