Herdentrieb Im Zweifel mit der Masse

Von Walter Schmidt 

Es fällt uns schwer, stehen zu bleiben, wenn alle anderen loslaufen. Der uns angeborene Herdentrieb wird auch an Fußgängerampeln wirksam.

So viele Menschen können nicht irren: Foto: dpa
So viele Menschen können nicht irren: Foto: dpa

Stuttgart - Fremde Bewegung steckt fast immer an. Wenn zum Beispiel ein paar Wanderer wie auf ein Kommando hin ihre Rast beenden, dann folgen den Vorläufern in aller Regel die Mitläufer. Dieses Phänomen lässt sich in den unterschiedlichsten Umgebungen beobachten.

Angenommen, Sie schlendern über eine Verbrauchermesse. Plötzlich sehen Sie zwei Verkaufsstände für Messer. Vor dem einen stehen zwei Menschen und lassen sich vom Verkäufer etwas zeigen. Vor dem anderen – unmittelbar daneben – aber drückt sich eine vielköpfige Traube von Messebesuchern, und jeder in den hinteren Reihen versucht auf Zehenspitzen, einen Blick auf das zu erhaschen, was ganz vorne am Stand vor sich geht. Und nun die Frage an Sie: Wohin würden Sie sich wenden? Schön, Sie wollen also nicht im Gedränge stehen und entscheiden sich deshalb für den fast menschenleeren Stand. Dann seien Sie wenigstens jetzt ehrlich: Wo vermuten Sie die besseren Messer? Eben!

Im Laufe der Evolution hat der Mensch nicht nur Körpermerkmale, sondern auch Verhaltensweisen herausgebildet, die sich bis heute als nützlich erweisen. Oft genug haben diese Handlungs- und Reaktionsweisen sogar unser Überleben als biologische Art gefördert oder schlicht ermöglicht. Eines dieser Überlebensprogramme bringt der Göttinger Evolutionspsychologe Benjamin Lange so auf den Punkt: „Was die Masse macht, kann so falsch nicht sein, und wenn die Masse irrt, dann sitzen wir wenigstens alle im selben Boot und können das Problem gemeinsam lösen.“

Hier hat der Herdentrieb seine evolutionsbiologische Wurzel: So dumm es für ein Gnu wäre, beim Angriff eines Löwenrudels alleine nach Westen zu rennen, wenn die Herde nach Osten losstürmt, so riskant sind einsame Entscheidungen auch für Menschen. Börsenanalysten richten ihre Urteile über Unternehmen zum Beispiel häufig an denen ihrer Kollegen aus. Niemand liegt gerne als einziger falsch mit seiner Prognose und steht dann vermeintlich „wie ein Depp“ da. Es gehört Mut dazu, eine Außenseiter-Meinung zu vertreten, denn das Risiko, sich zu irren, ist hoch.

Nun ist es aber ein gewaltiger Unterschied, ob man sich tagelang intensiv mit einem Investment befassen kann oder bei einem Brand innerhalb von Sekunden entscheiden muss, ob es ratsam wäre, einem Pulk fliehender Menschen zu folgen. Wer selber nicht weiß, wo der beste Fluchtweg liegen könnte, der tut gut daran, dorthin zu laufen, wohin alle rennen. Denn vielleicht weiß ja der Leithammel wirklich etwas, das einem selber entgangen ist.

Bei Gefahr hat man in der Regel weder Zeit, vernünftig nachzudenken, noch ist man emotional dazu imstande, und eine zweite Chance zum Handeln ergibt sich in brenzligen Notlagen eher selten. „Hinzu kommt, dass uns emotionale Erregung und Unsicherheit empfänglich machen für Suggestion durch andere“, sagt der Grazer Wirtschaftspsychologe Thomas Brudermann, Autor eines Buches über Massenpsychologie. „Wenn wir uns in einer Situation wiederfinden, für die wir keine Erfahrungswerte haben, dann orientieren wir uns an dem, was andere tun.“ Aus evolutionärer Sicht ergebe das „absolut Sinn“, und dies aus zweierlei Gründen.

Zunächst einmal spart es Energie, wenn wir nicht lange nachdenken, sondern wir uns schnell entscheiden. Kein anderes Organ in einem ruhenden Körper konsumiert so viel Energie wie unser Gehirn. Auf das Oberstübchen entfällt knapp ein Viertel unseres gesamten Energieverbrauchs, etwa so viel wie auf die Muskulatur. Noch eindrücklicher fällt die Energiebilanz aus, wenn man den Zucker- und Stärke-Anteil des Energieverbrauchs berücksichtigt: Obwohl das Gehirn gerade einmal rund zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, verbraucht es gut die Hälfte der Glukose, die wir täglich futtern – bei großem Stress sogar fast 90 Prozent. Wenn wir dem Affen in uns Zucker geben, dann also vor allem für den Großrechner im Schädel.