Hermann Finsterlins Wohnhaus Visionär am Frauenkopf

Von Dietrich Heißenbüttel 

Das Wohnhaus des Stuttgarter Künstlers Hermann Finsterlin steht vor dem Abbruch. Damit verliert die Stadt wieder ein Stück ihrer Avantgardegeschichte.

Das Finsterlin-Haus am Frauenkopf soll „exklusiven Eigentumswohnungen“ weichen. Foto: privat
Das Finsterlin-Haus am Frauenkopf soll „exklusiven Eigentumswohnungen“ weichen. Foto: privat

Stuttgart - Bis vor Kurzem war im Straßenrund der Rosengartenstraße im Stuttgarter Nobelviertel Frauenkopf nur eine wuchernde Wildnis zu sehen. Nun ist das Grundstück gerodet, eine riesige Tanne gefällt und ein weißes Holzhaus zum Vorschein gekommen: zweigeschossig mit Fensterläden, Balkon an der Südwestecke und tief herabgezogenem Dach. Es ist das Haus, in dem Hermann Finsterlin von 1929 bis zu seinem Tod 1973 gelebt und gearbeitet hat: der Stuttgarter Künstler-Architekt, der durch seine fantastischen Architekturzeichnungen im Kontext der Briefgemeinschaft „Die gläserne Kette“ unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in die Kunstgeschichte eingegangen ist.

Das Haus soll nicht mehr lange stehen, denn die Immobiliengesellschaft W2 Development, die das Objekt von Finsterlins Enkelin erworben hat, plant hier „exklusive Eigentumswohnungen“. Das Landesdenkmalamt hat damals auf „nicht denkmalwürdig“ entschieden, unter anderem weil „der dokumentarische Wert des Künstlerhauses mit Atelier durch bauliche Veränderungen reduziert“ sei. Ein krasses Fehlurteil, war doch das Atelier des Künstlers vierzig Jahre nach dessen Ableben fast unverändert erhalten.

Der gebürtige Münchner Finsterlin zog nach Stuttgart, weil seine Frau Helene Kratz die beiden Kinder auf die Waldorfschule geben wollte. Der Architekt des Hauses war Anthroposoph: Felix Kayser hatte erst 1927 ein eigenes Büro gegründet und an der Uhlandshöhe für den Waldorfpädagogen Ernst Lehrs das erste anthroposophische Haus in Stuttgart errichtet. Das zweite baute er 1928 für Finsterlin. Kayser war Ende 1933 auch Herausgeber des er­sten, vielgelesenen Buchs über Bauten in der Nachfolge von Rudolf Steiners Goetheanum in Dornach.

Das Naturverbundene sollte betont werden

Das Finsterlin-Haus hat das „Stuttgarter Neue Tagblatt“ 1929 ausführlich gewürdigt. Es war allerdings kein durchschnittlicher anthroposophischer Bau: „Es entsprach dem Wunsch des Bauherrn, dass das Naturverbundene in dem Charakter des Hauses stark betont wurde“, schreibt Kayser in seiner Publikation. Der Künstler hat selbst mit geplant. Nach Reinhard Döhls Katalog hatte er bereits 1917 einen Entwurf zu einem eigenen Haus gezeichnet: ein annähernd quadratisches Holzhaus.

Finsterlin hat es in Stuttgart nicht leicht gehabt – und er hat es der Nachwelt nicht leicht gemacht. Wer sich mit seinem Werk beschäftigt, sieht sich schon bei der Datierung mit schwierigen Problemen konfrontiert. Die Forschung hat sich daher fast ausschließlich auf die Jahre 1919 bis 1924 beschränkt, die als Finsterlins produktive Periode gelten, so als hätte er in den fast fünfzig Jahren danach nichts mehr zuwege gebracht. Dieses Verdikt beruht allerdings auf der Unkenntnis des späteren Werks. Am intensivsten hat sich der Germanist Reinhard Döhl anlässlich einer Ausstellung der Staatsgalerie 1988 mit Finsterlin beschäftigt. Seitdem scheint Stuttgart den Künstler aber vergessen zu haben. Ein Appell des Architekten Roland Ostertag beim Verkauf des Hauses blieb ohne Resonanz. Dabei gibt es etwa in der Architektenkammer oder unter Kulturbürgern, die am Frauenkopf wohnen, durchaus Viele, die nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Abneigung gegen die Öffentlichkeit

Hans-Dieter Huber etwa, Professor der Kunstakademie, sieht den Fall in einer langen Reihe schwerwiegender Versäumnisse. So wanderte bereits in den Siebzigern der bedeutende Nachlass von Lily Hildebrandt ans Getty Institute im kalifornischen Malibu. Mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Hans Hildebrandt, stand die Künstlerin im Mittelpunkt der Avantgarde der zwanziger Jahre. Ihre erstrangige Kunstsammlung ging Stuttgart verloren. Huber beschäftigt sich auch mit dem Nachlass Adolf Hölzels, der in dessen früherem Wohnhaus in Degerloch zutage kam: ein „Jahrhundertfund“, wie Huber feststellt, der nun aufgearbeitet werden muss.

Finsterlin, der seine „Abneigung gegen die Öffentlichkeit“ später als „Kardinal­fehler meines Lebens“ bezeichnete, wird gern als Sonderling beschrieben. Aber er hat Architekturgeschichte geschrieben. Ohne seine Fantasien sind das organische Bauen eines Hans Scharoun oder die dynamische Architektur eines Erich Mendelsohn nicht denkbar. Sein Haus am Frauenkopf war ein Treffpunkt der Avantgarde. Max Bense ging hier ein und aus. Der Architekt Bodo Rasch hat Finsterlin als junger Mann in Frei Ottos Büro einmal besucht, um herauszufinden, ob sich dessen fantastischen Entwürfe nicht doch bauen ließen.

Nicht nur in der kurzen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gingen von Finsterlin wesentliche Anregungen aus. Auch heute könnte sein Werk Impulse geben. Huber erinnert an die „Non-standard architecture“ von Architekten wie Frank O. Gehry, deren unorthodoxe Formen sich erst heute umsetzen lassen. An Finsterlins Erbe ließe sich anknüpfen. Sein Atelier und der Nachlass hätten dazu eine einzigartige Chance eröffnet. Diese Chance hat die Stadt verstreichen lassen.