Hermann-Hesse-Bahn Der Calwer Landrat ist gern in Weil der Stadt

Von Florian Mader 

Neuigkeiten bringt Helmut Riegger zu der Bürger-Veranstaltung aber keine mit.

650 Stühle hat die Stadtverwaltung in der Weil der Städter Stadthalle aufstellen lassen. Bis auf einige, hintere Reihen sind alle belegt. Foto: factum/Granville
650 Stühle hat die Stadtverwaltung in der Weil der Städter Stadthalle aufstellen lassen. Bis auf einige, hintere Reihen sind alle belegt. Foto: factum/Granville

Weil der Stadt - Jetzt wolle er doch mal ganz grundsätzlich nachfragen, sagt der Mann und räuspert sich vor dem Saalmikrofon. „Was heißt das eigentlich, die Vorrangregelung?“, sagt er dann und schaut zum Podium. Es ist die Zeit für die Fragen der Bürger, am Montagabend in der Weil der Städter Stadthalle.

Viel Unmut, Ärger und Unverständnis gibt es in Weil der Stadt und Renningen, wenn das Wort „Hermann-Hesse-Bahn“ fällt. Jetzt reicht’s, hatten sich auch die Bürgermeister Thilo Schreiber (Weil der Stadt) und Wolfgang Faißt (Renningen) gedacht, zum Terminkalender gegriffen, die beiden Landräte Helmut Riegger (Calw) und Roland Bernhard (Böblingen) eingeladen und die Bürger-Veranstaltung organisiert.

100 Prozent Vorrang vor der Hesse-Bahn

Und damit einen Nerv getroffen, wie das Applaus-Barometer des Abends zeigt – schon als Schreiber das Volk begrüßt. „Die Störungen der S-Bahn durch die Hesse-Bahn liegen im Sekundenbereich“, zitiert er den Stresstest – hörbares Schmunzeln im Saal. „Die S 6 wird immer zu 100 Prozent Vorrang vor der Hesse-Bahn haben“, sagt er dann – lauter Applaus. „Ich erwarte aber keinen Applaus von Ihnen“, sagt er dann, um Sachlichkeit bemüht, Angst vor Eskalation schwingt mit. Denn man ist hier, um zu informieren, zum Beispiel, was den Vorrang angeht.

Dazu ist Michael Stierle nach Weil der Stadt gekommen, der zuständige Abteilungsleiter und Projektmanager der Hermann-Hesse-Bahn. „Vorrang heißt, dass die Hesse-Bahn in Weil der Stadt wartet, bis die S-Bahn aus dem Bahnhof gefahren ist und das eingleisige Stück nach Malmsheim verlassen hat“, antwortet er auf die Bürgerfrage. Hintergrund ist eine entsprechende Vereinbarung, die der Kreis Calw unterzeichnet hat.

Neuigkeiten gibt es an dem Abend wenige, die Fronten sind klar und geklärt, auch vorne auf der Referentenbank. Auf der einen Seite sitzen Roland Bernhard, Schreiber und Faißt, auf der anderen Riegger und Stierle. „Es ist für mich kein schwerer Gang, ich bin heute Abend sehr gern hierher gekommen“, behauptet der Calwer Landrat in seinem Eingangsstatement. Man arbeite mit dem Kreis Böblingen auf vielen Gebieten zusammen, beim Abfall, bei den Kliniken. „Und wir wollen viel enger beim Verkehr zusammenarbeiten.“

„Eine ganze Region befrieden“

Damit hat keiner ein Problem, wie alle Redner und Fragesteller betonen. „Hesse-Bahn ja, aber nur bis Weil der Stadt“, wiederholen sie das Mantra. Dass die Hesse-Bahn aber auf den S-Bahn-Gleisen weiter bis Renningen pendelt – und das ganze Stuttgarter Netz aus dem Takt bringen könnte, „das verstehen wir nicht“, sagt einer nach dem anderen. Warum nicht die S-Bahn-Verlängerung? Wenn das doch „eine ganze Region befrieden würde“, wie Wolfgang Faißt am Ende des Abends bilanziert.

Helmut Riegger und Michael Stierle haben sich dafür die Geschichte dieses Projekts zurecht gelegt. Immer wieder verweisen sie auf den Verband Region Stuttgart (VRS), der die S-Bahn betreibt, und noch 2012 die S-Bahn-Verlängerung strikt abgelehnt habe, „einstimmig“, wie Riegger recherchiert hat. „Politisch war das nicht gewollt“, sagt er. „Da haben wir gesagt: Wir müssen die Bahn eben alleine bauen – das ist der Ursprung, warum wir heute hier zusammen sitzen.“ Daran ändern auch die jüngst bekannt gewordenen Elektrifizierungs-Pläne des Verkehrsministers nichts. „Es gibt nur ein Projekt, was geplant, förderrechtlich genehmigt ist – und das ist die Hesse-Bahn“, ergänzt Projektleiter Stierle. Gerd Hickmann versucht derweil den goldenen Mittelweg. Der zuständige Abteilungsleiter aus dem Verkehrsministerium ist nämlich ebenfalls nach Weil der Stadt gereist, er wiederholt die Position seines Hauses, der zufolge die S-Bahn „verkehrlich besser und zuverlässiger“ sei. Ein Gutachten, das die S-Bahn untersucht, ist in Arbeit. „Der Minister hat mich gebeten, dass das Gutachten rasch zum Abschluss gebracht wird“, berichtet Hickmann, dafür setze er sich ein.

So ganz überzeugt sind die Fragesteller davon nicht, auch die Lokalpolitiker, die sich auch an das Saalmikrofon trauen. „Alle Leute werden künftig in Weil der Stadt umsteigen, nicht in Renningen“, wettert der Renninger Gemeinderat Reinhard Händel, begleitet vom tosenden Applaus. „Wir sind alle Steuerzahler, das ist für uns nicht nachvollziehbar“, ergänzt sein Freie-Wähler-Kollege Jürgen Lauffer. „Ich freue mich aber, dass Sie hier sind“, sagt der Weiler CDU-Rat Martin Buhl. „Wir hätten uns gewünscht, dass wir dieses Thema viel eher angehen.“ Auch da zeigt das Applaus-Barometer steil nach oben.