Der langjährige SPD-Abgeordnete Hermann Scheer ist nach Angaben von Parteikreisen im Alter von 66 Jahren gestorben.

Berlin/Stuttgart - Der langjährige SPD- Bundestagsabgeordnete und Träger des Alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, ist tot. Er starb am Donnerstag in einem Berliner Krankenhaus nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 66 Jahren, wie sein Abgeordnetenbüro am Freitag in Berlin bestätigte. Der profilierte Umweltpolitiker hat eine Tochter und ein Enkelkind.

Politiker von SPD, Grünen und der Linken reagierten mit Trauer und Bestürzung. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, die Nachricht vom Tod Scheers habe ihn "tief erschüttert und sprachlos gemacht." Scheer war seit 1980 Bundestagsmitglied für die SPD Baden-Württemberg. Der SPD- Landesvorsitzende Nils Schmid sagte: "Mit Hermann Scheer verlieren wir eine herausragende Persönlichkeit, einen großen Intellektuellen der Sozialdemokratie, einen streitbaren Parlamentarier." Auch die Initiatoren der Alternativen Nobelpreise in Stockholm äußerten sich betroffen. Der Direktor der Stiftung "Right Livelihood Award", Ole von Uexküll, sagte: "Der Tod Hermann Scheers hinterlässt eine riesige Lücke, persönlich und politisch. Er erkannte die fossile und atomare Energieerzeugung als größte Gefahr unserer Zeit. Er hat gezeigt, wie diese Gefahr abgewendet werden kann."

Die Deutsche Umwelthilfe erklärte, Scheers Tod sei "unersetzlicher Verlust für die Umweltbewegung und die Politik." Scheer galt als herausragender Umweltpolitiker seiner Partei, der auch zahlreiche Bücher geschrieben und herausgegeben hatte. Als Alternativen zu Kernkraftwerken noch allgemein belächelt wurden, setzte er sich vor allem für Sonnenenergie ein. In den 80er Jahren machte der SPD-Linke sich für eine aktive Friedenspolitik und Abrüstung stark. Im SPD-Vorstand brachte Scheer Ende der 90er Jahre mit Äußerungen, das NATO-Vorgehen im Kosovo sei ein "Kriegsverbrechen", den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gegen sich auf.

Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Renate Künast und Jürgen Trittin, äußerten ihre tiefe Trauer. Sie sagten, das unermüdliche Engagement Scheers vor allem für die Sonnenenergie sei für viele ein Vorbild gewesen. "Dadurch wurde er für uns zu einem der wichtigsten Mitstreiter für die Energiewende." Auch die Grünen- Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir würdigten Scheers politischen Einsatz für die erneuerbaren Energien.

Der im hessischen Wehrheim geborene Scheer war 1965 den Sozialdemokraten beigetreten. Von 1993 bis 2009 war er Mitglied des SPD-Bundesvorstandes. 1998 erhielt Scheer für sein Umwelt-Engagement den Weltsolarpreis, 1999 den Alternativen Nobelpreis. Er wurde vom amerikanischen "Time Magazine" als "Hero for the Green Century" (Held des grünen Jahrhunderts) ausgezeichnet.

In Hessen war Scheer 2008 im Schattenkabinett der damaligen SPD- Landeschefin Andrea Ypsilanti als Wirtschaftsminister vorgesehen. Deren Anlauf zur Regierungsbildung mit Hilfe der Linken scheiterte allerdings an vier Abweichlern aus der SPD-Fraktion.

Der Generalsekretär der hessischen SPD, Michael Roth, sagte: "Wir haben ihm sehr viel zu verdanken." Scheer habe sich wie nur wenige andere im Wahlkampf gegen die CDU-geführte Regierung in Hessen eingesetzt und dort maßgeblich zum SPD-Wahlergebnis beigetragen.

Im derzeitigen Konflikt um Stuttgart 21 war der SPD-Abgeordnete Anfang August noch bei einer Demonstration gegen das Milliarden- Bahnprojekt aufgetreten und hatte für einen Volksentscheid plädiert.

Nach Scheers Tod wird die aus dem südbadischen Wahlkreis Waldshut- Tiengen stammende Betriebswirtin Rita Schwarzelühr-Sutter in den Bundestag nachrücken. Die 48-jährige Mutter zweier Kinder werde das Mandat von Scheer übernehmen, sagte der Generalsekretär der Südwest- SPD, Peter Friedrich, der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. Schwarzelühr-Sutter war schon von 2005 bis 2009 im Bundestag.