Horst Hüttel, Sportdirektor beim Deutschen Ski-Verband (DSV), wurde sogar pathetisch. Nach dem Abschied von Langzeit-Bundestrainer Hermann Weinbuch und Olympiasieger Eric Frenzel sagte er, die Nordische Kombination würde „zwei Lichtgestalten“ verlieren. Im Doppel-Interview nach dem letzten Weltcup-Wochenende in Finnland sprechen die beiden auch über die Schattenseiten ihrer Sportart.
Herr Frenzel, wie viele Tränen sind am Ende Ihrer Karriere in Lahti geflossen?
Ich bin enorm dankbar für den emotionalen, sehr ergreifenden Abschied, den ich erleben durfte. Beim letzten Sprung, den mein Papa auf der Schanze abgewunken hat, musste ich mich mit meinen wässrigen Augen ziemlich konzentrieren, um zu sehen, wo ich lande.
Wie erging es Ihnen, Herr Weinbuch?
Während des Wettkampfs war es nicht ganz so emotional. Aber als Eric ins Ziel kam, sind auch bei mir Tränen geflossen. Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Trainer- und Techniker-Crew. In dem Moment ist mir klar geworden, dass ich diese kleine Familie nun verlasse. Das war schon bewegend.
Gab es in Lahti auch ein Abschiedsfest?
Eigentlich wollten wir Pizza essen gehen. Doch dann war der Wunsch der Aktiven, nach der Coronapandemie endlich mal wieder zünftig im Wachs-Truck zu feiern. Da kam der Pizzabote öfter vorbei, um eine Grundlage fürs Trinken zu schaffen.
Es lief also wie geschmiert?
Ich war überrascht, wie clever die Jungs das angestellt haben – es gab immer wieder neues Bier. Der Fanclub von Eric hat das Lied ‚Wir sagen Dankeschön’ der Flippers auf mich umgedichtet und immer wieder angestimmt. Das war mir fast peinlich, zugleich hat mich diese Anerkennung aber auch sehr gefreut.
Sie haben die gesamte Karriere von Eric Frenzel begleitet. Warum ist er der König der Kombinierer?
Sein größtes Talent war, voller Überzeugung akribisch und langfristig arbeiten zu können.
Das hat gereicht?
Von anderen hebt ihn ab, dass er – egal wie groß der Druck und wie hoch sein Ziel war – immer wieder zu innerer Ruhe und Lockerheit gefunden hat. Dadurch hatte er über lange Zeit viel Kraft, Energie und Willen.
Was war der schönste gemeinsame Sieg?
Es war kein Sieg von Eric.
Sondern?
Nach seinem Olympia-Gold 2018 in Pyoengchang von der Normalschanze habe ich ihn als Mensch noch mehr schätzen gelernt. Nach dem Springen auf der Großschanze hatten wir als Team die Chance, alle drei Medaillen zu gewinnen – aber nur, wenn die Jungs auf der Strecke ihr Ego zurückstellen und konsequent zusammenarbeiten. Das haben sie getan, auch Eric, obwohl er wusste, dass er im Endspurt nicht der Beste sein wird. Am Ende hat er Bronze geholt, die Mannschaft aber drei Podestplätze. Das war für mich persönlich der schönste Erfolg.
Für Sie auch, Herr Frenzel?
Es war ein besonderes Rennen. In Erinnerung wird mir aber auch die WM 2011 in Oslo bleiben, als ich zum ersten Mal Weltmeister geworden bin. Ich höre heute noch die Rufe von Hermann, ich solle es nur ja durchziehen und mir den Titel holen. Das war die Initialzündung für meine Karriere.
Welchen Einfluss hatte der Bundestrainer Hermann Weinbuch auf Sie?
Einen sehr großen. Es gibt nicht viele Sportler, die 16 Jahre lang – vom ersten bis zum letzten Tag – denselben Coach hatten. Wir haben nach großen Erfolgen oft darüber philosophiert, wie wir neue große Erfolge anpeilen wollen. Und es gab nie Kontroversen.
Was zeichnet ihn als Coach aus?
Seine klaren Vorstellungen. Es ist nie leicht, Sportler aus der Komfortzone zu holen. Er ist in diesem Punkt nie müde geworden. Und er war bei Innovationen und deren Umsetzung immer vorne dabei.
Im Fußball verlieren Trainer ja offenbar schnell die Kabine. Warum gab es in der Nordischen Kombination lange keine Abnutzungserscheinungen?
Es braucht bei ehrgeizigen Sportlern nicht viel, um sie zu motivieren. Er hat es mit seinem Gefühl und seinen Erfahrungen geschafft, uns die richtigen Ziele zu vermitteln.
Ohne Ihnen als Athlet mal auf den Geist zu gehen?
Es gab nie Situationen, über die wir nicht reden konnten. Und wir hatten immer den nötigen Freiraum, uns die Hörner abzustoßen.
Der Wehmut über Ihren Abschied fällt zusammen mit einer schwierigen Situation für die Nordische Kombination. Die Frauen sind 2026 nicht im Olympia-Programm, der Sportart droht das Aus. Drückt das aufs Gemüt, Herr Weinbuch?
Auf jeden Fall. Dieser Sport ist meine Leidenschaft. Da tut es weh, wenn man immer um Anerkennung kämpfen muss – und am Ende doch alles in Frage gestellt wird.
Wo ist das Problem?
Uns hat es immer Spaß gemacht, Leistung zu produzieren. Und dann bekamen wir zu hören: Eure Erfolge sind toll, aber es gibt zu wenig starke Nationen, und wirtschaftlich bringt uns die Kombination auch zu wenig. Das ist so ähnlich wie bei den Zehnkämpfern. Sie sind die Könige der Leichtathletik – und trotzdem Außenseiter.
Gibt es einen Ausweg?
Der Ski-Weltverband Fis unterstützt uns nicht mit voller Überzeugung. Da gibt es Funktionäre, die andere Interessen und für die Kombination nichts übrig haben. Wir bräuchten von der Fis das klare Bekenntnis, diese wunderbare Sportart wieder stark machen zu wollen.
Wie?
Ich habe in Lahti mit meinen Trainer-Kollegen für die Fis eine Liste mit zwölf Punkten erstellt, was alles verbessert werden könnte.
Was steht ganz oben?
Wir müssen kompakter werden. Deshalb brauchen wir ein Format, bei dem es direkt nach dem Springen in die Loipe geht. Da dürfen keine Stunden dazwischen liegen, sondern nur 20 oder 25 Minuten, um so mehr Atmosphäre zu schaffen. Sonst schaut beim Skispringen weiterhin niemand zu.
Was noch?
Es ist langweilig, wenn der überragende Jarl Magnus Riiber immer uneinholbar vorneweg läuft. Es könnte zum Beispiel einen Wettbewerb geben, in dem sich die Zeitrückstände allein an der Platzierung auf der Schanze bemessen. Dann könnte man das komplette Feld innerhalb einer Minute mit kurzen Abständen starten lassen – eine Art Kompakt-Power-Rennen. Und wir Kombinierer müssten endlich auch skifliegen. Es gibt schon Ansatzpunkte.
Allerdings würde so ein Kompakt-Rennen das Skispringen ziemlich abwerten.
Deshalb müsste es unterschiedliche Formate geben. Einmal wären eher die guten Springer im Vorteil, einmal die Läufer. Dann würde es auch wieder körperlich stärkere Athleten geben, die sich figurmäßig von reinen Springern abheben. Aktuell bringt die Gewichtsabnahme von drei Kilo mehr als zwei Jahre hartes Training. Das darf nicht sein.
Wäre das ein Ausweg, Herr Frenzel?
Ich würde mir das wünschen. Wir brauchen Formate, die im Fernsehen besser rüberkommen. Mehr gemeinsame Veranstaltungen mit Skispringern und Langläufern könnten dabei auch helfen. Ski-Feste wie zuletzt in Lahti will jeder sehen. Sie verbessern auch das Standing der Kombination.
Herr Weinbuch, wäre Eric Frenzel ein geeigneter Bundestrainer?
Ich bin sicher, dass er diesen Job gut machen würde.
Warum?
Weil er über viel Erfahrung, Wissen und soziale Kompetenz verfügt. Weil er selbst schon viel ausprobiert hat. Weil er Ruhe und Überzeugung ausstrahlt. Und weil er in 16 Jahren bei mir einiges gelernt hat (lacht).
Reizt Sie der Job, Herr Frenzel?
Ja. Es wäre eine interessante Aufgabe. Ich will meiner Sportart auf jeden Fall treu bleiben, Energie in sie investieren. Ich kann mir gut vorstellen, als Trainer zu arbeiten. Aber natürlich müsste meine Familie den Weg mitgehen. Sie musste schon in der Vergangenheit auf vieles verzichten. Wir werden in den Osterferien über die Zukunft sprechen.
Und wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Weinbuch? Es sieht fast so aus, als würden Sie ein bisschen in der Luft hängen?
Gespräche über die Zukunft gab es, Ideen gibt es. Final ist noch nichts.
Was würden Sie am liebsten tun?
Zwei Dinge interessieren mich und würden der Kombination am meisten bringen.
Erzählen Sie.
Ich will mein Wissen an andere, vor allem jüngere Trainer weitergeben. Wir haben im technischen Bereich, im Sprung wie im Lauf, große Reserven – die Jungs müssten oben besser ausgebildet ankommen. Und gleichzeitig bräuchte die A-Mannschaft zur Unterstützung eine Art Manager, der dem Bundestrainer Aufgaben abnehmen könnte.
Gibt es dafür schon eine Stelle?
(lächelt) Bisher nicht.
Es müsste also eine Hermann-Weinbuch-Stelle geschaffen werden.
Wenn man meint, dass ich das verdient habe, dann schon.
Egal, wie es weitergeht, Sie beide werden nun ein bisschen mehr Freizeit haben – was werden Sie damit anfangen?
Eric und ich sind Golfer.
Wer gewinnt auf einer gemeinsamen Runde, Herr Frenzel?
Das ist keine gute Frage, Hermann ist weit weg von mir.
Stimmt das, Herr Weinbuch?
Ja, aber das liegt auch an mir.
Wieso?
Weil ich Eric eigentlich verboten habe, zu spielen. Ich bin fanatischer Golfer, deshalb weiß ich, wie viel Zeit das in Anspruch nimmt und wie viel Energie dieser Sport zieht. Den Fehler habe ich gemacht, den muss er nicht noch mal machen.