Herpes-Virus versetzt Reitsport in Angst Auf der Flucht vor dem Virus

Simone Blum mit ihrer Paradestute Alice bei der EM 2019 in Rotterdam. Foto: imago/Stefan Lafrentz
Simone Blum mit ihrer Paradestute Alice bei der EM 2019 in Rotterdam. Foto: imago/Stefan Lafrentz

Die Springreiter müssen während der Coronapandemie viele Bürden auf sich nehmen – nun greift ein gefährliches Herpes-Virus unter den Pferden um. Weltmeisterin Simone Blum musste in Spanien auch andere Rückschläge einstecken.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Es gibt Schöneres, als ein paar Tage in einem spanischen Krankenhaus zu verbringen. Aber manchmal muss es sein. Simone Blum stürzte am 17. Februar auf dem Abreiteplatz von ihrem Nachwuchspferd Cellvista und musste ein paar Tage unter ärztlicher Aufsicht das Bett hüten. „Wäre das nicht schon genug, musste Hanna auch noch krank werden, und so verbringen wir beide die erste Woche in einem Krankenhaus und hoffen auf baldige Genesung“, teilte die Weltmeisterin der Springreiter auf Instagram mit. Schon in der letzten Februar-Woche war sie wieder genesen, auch ihre einjährige Tochter Hanna ist längst wohlauf. „Ich bin froh, dass wir jetzt wieder nach vorn blicken können“, sagt Simone Blum.

Nach vorn blicken, das fällt Springreitern in der Pandemie nicht leicht, weil auf lange Sicht nichts planbar ist. „Man weiß oft erst im letzten Moment, ob ein Turnier stattfindet“, sagt die 31-Jährige. Die Reiterin aus Freising hat ihren Lebensmittelpunkt für gut zwei Monate nach Spanien verlegt, dort findet die Sunshine Tour statt, bei der sie mit ihren Pferden in verschiedenen Prüfungen antritt. Ihren gesamten Stall mit 23 Pferden und fünf Angestellten hat sie nach Vejer de la Frontera in Andalusien verfrachtet, was logistisch eine ordentliche Herausforderung dargestellt hat. Pferdesportler müssen um den Globus jetten, um ihrem Beruf nachzugehen und die wertvollen Tiere zu bewegen, sie in Wettkämpfen fit zu halten und bestenfalls ein paar Dollar oder Euro Preisgeld zu gewinnen.

Vier deutsche Pferde sind in Valencia gestorben

Andre Thieme ist auf einer US-Tour, wo er bereits zwei Siege feierte. Christian Ahlmann gewann den Großen Preis von Doha, was ihm 135 000 Euro einbrachte. Bei einem Turnier in Wellington/Florida ritt Daniel Deußer, an diesem Donnerstag soll die Global Champions Tour in Doha beginnen, mit den deutschen Stars Christian Ahlmann und Marcus Ehning.

Jedoch ist nun bei einem Turnier in Valencia das für Pferde gefährliche Herpes-Virus ausgebrochen, weshalb der Reit-Weltverband Fei Turniere in zehn Ländern abgesagt hat. Laufende Wettkämpfe wie die Sunshine Tour werden fortgesetzt, alle Teilnehmer dürfen jedoch die lokale Blase nicht mehr verlassen und müssen sich an Gesundheitsvorsorgeprotokolle halten. Es sind zusätzliche Tierärzte vor Ort. Das Turniergelände verlassen dürfen nur Pferde, denen ein Attest Gesundheit bescheinigt. Für Menschen ist das Virus ungefährlich. „Der Virus-Ausbruch macht natürlich auch uns Angst. Ich hoffe, unsere Tiere bleiben verschont“, sagt Simone Blum. Sie will trotzdem bis Ende März in Spaniens Südwesten bleiben. Mit Prince Charming und Cool Hill drehte sie einige gute Runden, sie hat ihr neues Pferd Cecile kennengelernt, Cellvista überzeugte bei einigen Springen. Und Wunderstute Alice, mit der sie 2018 in Tryon den WM-Titel erobert hat? „Sie bekommt noch etwas Zeit und darf sich eingewöhnen“, erklärt Simone Blum, die mit der Fuchsstute zwei Trainingsrunden gedreht hat, „ich muss sie schonend aufbauen. Aber sie macht einen frischen und motivierten Eindruck.“ Alice erlitt im Herbst 2020 einen Hexenschuss, eine Zwangspause folgte – mittlerweile ist sie 14 Jahre alt, sie zählt damit zu den reiferen Pferden im Springzirkus. Deshalb muss Simone Blum ihr Paradepferd behutsam an Höchstleistungen heranführen, Kondition und Kraft langsam aufbauen. Doch demnächst geht es wieder in einen Parcours, weil Alice, wie Blum betont, „die Atmosphäre eines Turniers braucht, um wieder in den Rhythmus zu kommen“.

Alle Pläne sind auf Olympia abgestimmt

Ein wenig Preisgeld einzusammeln, das würde gelegen kommen; der Höhepunkt der Sunshine Tour ist der mit 100 000 Euro dotierte Invitational Grand Prix am Schluss-Wochenende am 28. März. Aufgrund des nun noch stärker ausgedünnten Turnierkalenders sind die Chancen für die Springreiter rarer gesät als sonst, die Kassen ihrer Ställe aufzubessern. Preisgelder sind wichtig, doch vor allem wird mit dem Pferdehandel, mit der Ausbildung und dem Training der Tiere verdient. „Der Handel läuft noch ordentlich“, sagt Blum, „aber auch er hängt daran, wie sich die allgemeine wirtschaftliche Lage in der Pandemie entwickelt.“ Soll heißen: Zwar kämpft das Unternehmen Sportpferde Blum noch nicht um seine Existenz, aber die massiven Einschränkungen seitens der Politik im Kampf gegen Corona fordern von der Weltmeisterin und ihrem Mann allerhand Flexibilität.

Denn neben den wirtschaftlichen Zielen hat die Reiterin die Olympischen Spiele in Tokio im August im Hinterkopf, bis Mitte Juli muss klar sein, ob die Spiele überhaupt stattfinden und wer für Deutschland im Springparcours reiten wird. „Wir haben unsere gesamte Saisonplanung darauf abgestimmt“, sagt die 31-Jährige. Aber was ist schon bis ins Detail planbar im Reitsport, wenn gefährliche Krankheiten für Mensch und Tier grassieren? So gut wie nichts.

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