Herrenberg kämpft gegen Obdachlosigkeit Zuerst ein Dach über dem Kopf

Endlich wieder eine eigene Wohnung? Bennet Melcher hilft. Foto: Eibner-Pressefoto/Lisa Edel

„Housing first“ kommt aus den USA, überzeugt aber immer mehr Länder. Herrenberg hat als eine von fünf Städten in Baden-Württemberg den Zuschlag vom Land bekommen, das Projekt für drei Jahre zu testen. Bennet Melcher hilft jetzt Herrenberger Obdachlosen.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Die Stadt Herrenberg versucht seit Anfang des Jahres Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten sind und ihre Wohnung verloren haben, wieder auf die Beine zu helfen. So einfach, wie einleuchtend: Sie sollen zuerst wieder eine eigene Wohnung finden – das bedeutet der „Housing First“-Ansatz. Und das ohne jede Vorbedingung. Auf dem Weg zur neuen Bleibe werden die Langzeitwohnungslosen von Projektleiter Bennet Melcher begleitet.

 

73 Menschen sind aktuell in Herrenberg in den städtischen Notunterkünften untergebracht. Mit fünf weiteren Städten hat Herrenberg den Zuschlag vom Land erhalten, in den nächsten drei Jahren genau diesen Menschen gezielt zu helfen. Die Projekte an den verschiedenen Standorten ähneln sich, doch die Zielgruppen unterscheiden sich: In Herrenberg setzt der Projektleiter Bennet Melcher bei den Langzeitwohnungslosen an – diejenigen, die seit mehr als zwölf Monaten in einer kommunalen Notunterkunft leben. Und das sei bei der Mehrheit der dort untergebrachten Menschen der Fall, informiert Laura Stephan, die Leiterin Jugend und Soziales. Laut der Leiterin wohnen viele Menschen über Jahre in den Notunterkünften. Überhaupt: Seit rund drei Jahren steige die Zahl der Obdachlosen in Herrenberg wieder. Ganz konkret eben in den Notunterkünften. Aber tatsächlich seien auch immer mehr Menschen von akuter Obdachlosigkeit bedroht, weil sie etwa aus einer Wohnung rausmüssen, so die Leiterin.

Bennet Melcher steht Menschen zur Seite, die obdachlos geworden sind. /Lisa Edel

Die neue Strategie soll die Not verhindern. Der „Housing First“-Ansatz stammt ursprünglich den USA. Mit dem Konzept, die Menschen zuerst in sichere Wohnverhältnisse zu bringen und dann weitere Hilfen wie Therapie oder Suchthilfe anzubieten, war man dort so erfolgreich, dass es nun auch von einer Reihe europäischer Länder angewandt wird. Für die Suche nach einer Wohnung bestehen keinerlei Bedingungen: Gesicherte Wohnverhältnisse würden in dem Konzept als Startpunkt für ein besseres Leben gesehen, nicht als Endpunkt, erklärt Projektleiter Bennet Melcher.

Eine Lösungsstrategie, die nicht nur Überredung bei Vermietern kostet, sondern auch bei den Wohnungssuchenden selbst. „Die Leute ergeben sich manchmal ihrem eigenen Schicksal“, sagt Bennet Melcher. Ohne Dach überm Kopf folgten ja oftmals viele weitere Probleme – aus diesem Teufelskreis herauszukommen, sei alleine einfach schwer. Viele denken: Zuerst kriege ich mein Leben auf die Reihe, dann suche ich mir eine Wohnung. Beim „Housing First“ wird dieser Ansatz eben herumgedreht: Wer gut und sicher wohnt, kann andere Lebensprobleme angehen. Dazu braucht es allerdings viel Zeit und Vertrauen.

Erstmal die eigene Türe öffnen. Foto: Eibner/Lisa Edel

„Mir geht es vor allem darum, Vorurteile abzubauen und dieses Thema der Gesellschaft näherzubringen“, sagt Bennet Melcher, der seit März bei der Stadt angestellt ist. Er ist der Mann im Hintergrund, der Gespräche mit Vermietern führt. Denn viele Vermieter seien aus nachvollziehbaren Gründen zurückhaltend, wenn es darum gehe, einer Person, die in finanzielle, gesundheitliche oder soziale Schwierigkeiten gekommen ist, eine Wohnung zu vermieten. Es ist auch nicht so, dass die Stadt für die Miete aufkommt. Bennet Melcher hilft aber bei der Organisation und Absprache – und nicht jeder Obdachlose hat keinen Job oder keine Einkünfte, auch das sei gesagt.

Die Aufgabe ist groß: Bisher hat es eine Person mithilfe des Herrenberger Projektleiters in eine eigene Wohnung geschafft. Bis zum Ablauf der drei Jahre soll dasselbe bei zehn weiteren Personen glücken. „In dieser Zeit wollen wir auch das Netzwerk in Herrenberg vergrößern“, sagt Bennet Melcher. Sowohl die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen als auch der Austausch mit Vermietern will der Projektleiter vertiefen. Denn der Wohnungsmarkt ist angespannt, eine Tatsache, die Melchers Aufgabe nicht einfacher macht. Trotzdem hofft er, dass sich im Laufe des Projekts immer wieder neue (Wohnungs-)Türen öffnen werden. „Vermieter, die Interesse haben, können sich auch direkt bei mir melden“, sagt er.

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