Herrenberg zu Zeiten des im Nationalsozialismus Von Tätern und Mitläufern

Von gig 

Der Berliner Historiker hat über zwei Jahre hinweg die Geschichte des Nationalsozialismus in Herrenberg aufgearbeitet. In einem Buch hat er die Ergebnisse festgehalten und kommt zu dem Ergebnis: „Die Nazi-Ideologie fasste relativ leicht Fuß.“

Marcel vom Lehn widmet den Ausstellungsbesuchern sein Werk. Foto: factum/Weise
Marcel vom Lehn widmet den Ausstellungsbesuchern sein Werk. Foto: factum/Weise

Herrenberg - Der dritte Band der Stadtgeschichte liegt nun druckfrisch vor: „Herrenberg im Nationalsozialismus“ von Marcel vom Lehn. Der Berliner Historiker nimmt darin die Jahre von 1933 bis 1945 unter die Lupe. „Es gibt keine Chronologie in dieser Publikations-Reihe“, sagt Stefanie Albus-Kötz, die Herrenberger Stadtarchivarin, und begründet die Wahl des jüngsten Thema mit den besonderen Schwierigkeiten, mit denen es der Wissenschaftler bei seinen Recherchen zu tun hatte. Er hatte Zeitzeugen der NS-Diktatur für sein Buch heranziehen wollen. Und dafür war Eile geboten. Die Gespräche mit den Zeitzeugen und sein umfangreiches Quellenstudium resümiert er wie folgt: „Der Nationalsozialismus hat in Herrenberg relativ leicht Fuß gefasst, weil sich vor der Machtübernahme der Nazis weder eine Mehrheit der Bevölkerung noch die Eliten mit der Demokratie identifizieren konnten.“

Zwölf Zeitzeugen

Diese erschreckende Erkenntnis förderte vom Lehn mit Rückendeckung des Herrenberger Gemeinderats zutage. Dieser hatte ihm im April 2015 den Auftrag erteilt, das dunkle Kapitel der Naziherrschaft wissenschaftlich zu erhellen. Dabei stand ihm der Fundus des Stadtarchivs zur Verfügung, einige Herrenberger Bürger öffneten ihm ihre Privatarchive. Hinweise und Informationsmaterial erhielt er auch von Volker Mall und Harald Roth von der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen und vom einstigen Stadtarchivar Roman Janssen. Auf eine breite Basis stellte vom Lehn seine Arbeit vor allem durch zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen. Zwölf von ihnen kommen mit ihren Erinnerungen explizit in seinem Buch vor.

„Bei den Recherchen war zunächst nicht klar, wie die Bürger damit umgehen würden“, berichtete die Stadtarchivarin Albus-Kötz während der Buchvorstellung im Herrenberg Stadtarchiv am Montagabend. Etwa bei dem Thema Euthanasie. „Negative Rückmeldungen sind aber weitgehend ausgeblieben“, bilanzierte sie. Mindestens 44 Menschen aus Herrenberg und den heutigen Ortsteilen waren von den Nazis als „erbkrank“ erklärt und sterilisiert worden, weitere 14 aus dem heutigen Stadtgebiet wurden im Zuge der Euthanasie ermordet.

Denunziation führt zu Zwangssterlisierung

Vom Lehn nennt auch zahlreiche Beispiele von Denunzierungen. Eines der Opfer war demnach eine Kuppingerin, die vom dortigen Bürgermeister Martin Reinhardt als Kranke bezeichnet und dem Nazi-Arzt Otto Mauthe zur Zwangssterilisierung zugeführt wurde. Von jenem Gynäkologen, der als Obermedizinalrat im Württembergischen Innenministerium während der Zeit des Nationalsozialismus in verantwortlicher Position an den Krankenmorden und der systematischen Ermordung von Sinti und Roma beteiligt war. „Mit der Frau ist keine Verständigung möglich“, schrieb der Schultes ins Protokoll, obwohl sie die Volksschule abgeschlossen hatte.

Andere Amtsträger wiederum nutzten ihre Möglichkeiten, Menschen zu retten. „Sie hatten ihre Handlungsspielräume, auch wenn sie nicht NSDAP-Mitglied waren“, sagt vom Lehn. In sieben der Herrenberger Stadtteile seien die Bürgermeister nach 1933 im Amt geblieben. Entscheidend sei für die Machthaber aber gewesen, dass man in den Rathäusern nationalsozialistische Politik betrieben habe. Einige Kommunalpolitiker seien erst später in die Partei eingetreten – etwa Reinhold Schick, nach ein Platz benannt ist. Nach 1945 versuchte er, sich dafür zu rechtfertigen.

OB: Um Demokratie muss immer neu gerungen werden

Vom Lehn zeichnet akribisch nach, wie die Nazi-Ideologie in der Bevölkerung Fuß fasste, in der es Täter und massenhaft Mitläufer gab. Der Oberbürgermeister Thomas Sprißler meinte: „Die Lektüre macht betroffen.“ Das Buch sei eine Grundlage, um sich mit dem Thema weiter ausseinanderzusetzen. „Um die Demokratie muss immer wieder neu gerungen werden – siehe AfD, die in unseren Parlamenten sitzt.“