Herrenberger OB Thomas Sprißler Das harte Holz der Kommunalpolitik
Der scheidende Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler spricht im Interview über fehlende Priorisierung, überbordende kommunale Pflichten und das harte Holz Politik.
Der scheidende Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler spricht im Interview über fehlende Priorisierung, überbordende kommunale Pflichten und das harte Holz Politik.
Für den Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler wiegen 30 Jahre in der Kommunalpolitik so viel wie 40 normale Berufsjahre. Zeit, den Absprung zu wagen, dachte er sich. Wir fragten ihn, warum er nach zwei Amtszeiten in Herrenberg noch einmal etwas Neues beginnen will.
Herr Sprißler, spürt man das Gewicht der Amtskette?
Ja – man spürt es, nicht nur, weil die Kette ein physisches Gewicht hat, sondern weil sie eine Bedeutung hat. Sie steht symbolisch für die Verantwortung, die man in diesem Amt übernehmen darf. Und das ist auch gut so.
Was würde das Leben eines Oberbürgermeisters erleichtern?
Erleichtern würde es, den Kommunen deutlich mehr Freiräume einzuräumen und sie nicht mit den vielen Aufgaben zu überfrachten, die von Bund und Land beschlossen, aber nur in Bruchteilen finanziert werden.
Können sich Kommunen dagegen wehren?
Unsere kommunalen Spitzenverbände Gemeindetag und Städtetag artikulieren seit einiger Zeit sehr klar, dass die Grenzen erreicht sind. Nur: Entscheiden tun andere. Da wünschen wir uns schon mehr Gehör.
Was plagt die Kommunen am meisten?
Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz und der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung an den Grundschulen, da diese in der aktuellen Situation faktisch nicht realisierbar sind, weder personell noch finanziell. Wichtig ist, dass dies registriert und nicht ignoriert wird. Eines Tages werden die Eltern dastehen, und wir können den Anspruch nicht mehr umsetzen.
Wann hat diese Entwicklung eingesetzt?
In dieser Form in den letzten Jahren. Flankiert wurde sie durch die Belastung aus der Ukrainekrise, der Inflation und der Flüchtlingssituation, die in dieser Kumulation noch nie da waren und unseren Haushalt an die Grenze der Belastungsfähigkeit bringen.
Warum liegt gerade der Herrenberger Haushalt an dieser Grenze?
Herrenberg hat eine Kernstadt und sieben Stadtteile, in denen etwa gleich viele Einwohner leben. Wir haben von daher natürlich eine ganz andere Infrastruktur und damit auch ganz andere Ausgaben als eine Einheitsstadt. Aber in der Summe haben alle Kommunen die gleichen Herausforderungen zu bewältigen.
War der neue Stadtteil Herrenberg Süd der Versuch, Einnahmen zu erzeugen?
Klares Nein. Es ist der Versuch, andere Antworten auf städtebauliche Entwicklungen zu finden und den angespannten Wohn- und Arbeitsmarkt zu entlasten. Wir haben aus alten Planverfahren heute noch etwa 300 Bauplätze, die seit Jahren, teils Jahrzehnten unbebaut sind. Diese Flächen fehlen und sind ungenutzte Potenziale in der Stadtentwicklung. Mit Herrenberg-Süd wird der Ansatz verfolgt, Gewerbe, Wohnen, Schulen und Grünflächen ganzheitlich zu betrachten.
„Herrenberg, die Mitmachstadt“, war das ein Wahlkampfthema 2007?
Für mich eindeutig ja. Schon während meiner 14 Jahre als Bürgermeister in Mötzingen war ich ganz intensiv mit Bürgerbeteiligung und Engagement unterwegs. Für mich war immer klar, es ist der Schlüssel zum Erfolg, wenn wir Menschen in unserer Stadt begeistern wollen. Wir haben hier Strukturen geschaffen, in denen Bürger weit über das normale Maß hinaus Verantwortung übernehmen. Allein die 200 Bürgerprojekte, die entstanden sind, sind ein klarer Beleg dafür. Viele Städte schauen auf Herrenberg, weil wir Strukturen geschaffen haben, die es anderswo nicht gibt.
Kennen Sie den Satz, „was müssen wir noch alles mitmachen?“
Den kenne ich (lacht). Entscheidungen, die wir für das Gemeinwohl treffen, sind nie geeignet, sämtliches Individualinteresse abzudecken. Das solche Sprüche dann kommen, ist ganz normal. Nur dürfen sie uns eben nicht davon abhalten, für das Gemeinwohl zu entscheiden.
Gibt es ein Ziel oder eine Idee des kommunalen Gestaltens?
Es ist immer eine Frage der Priorisierung, der Abwägung vieler Belange, genauso wie der Realisierungsmöglichkeit. Es bringt die Stadt nicht weiter, wenn Wunschlösungen, die offenkundig nicht umzusetzen sind, immer wieder in gewissen Zeitabständen neu diskutiert werden. Beispielsweise das Thema Verkehr. Es gab die Idee eines Schlossbergtunnels genauso wie die Idee einer Südumfahrung. Wir haben in meiner Zeit als Oberbürgermeister 14 verschiedene Verkehrsvarianten diskutiert. Das Ergebnis im Süden war eine Trasse, die deutlich dreistellige Millionenbeträge gekostet hätte, durch verschiedene Schutzgebiete gegangen wäre und sieben Brückenbauwerke gebraucht hätte. Für eine Stadt wie Herrenberg schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Das kann man immer und immer wieder diskutieren – bringt die Stadt aber nicht weiter.
Und das Ergebnis?
Das war der geplante Umbau des Reinhold-Schick-Platzes als eine städtebauliche Antwort. Wir sind hier nicht frei in unseren Entscheidungen, da wir immer auch eine Bedarfsumleitung der Autobahn sicherstellen müssen und mit den Straßen nicht so verfahren können, wie wir wollen.
Politik ist das beständige Bohren dicker Bretter. Sind sie in Herrenberg besonders dick?
Die Bretter, die wir bohren, werden nicht dicker, aber härter. Weil noch mal ein paar Belange mehr zu berücksichtigen sind, bevor eine Entscheidung getroffen werden kann, und es vielleicht ein paar mehr Gutachten braucht, um alle Eventualitäten abzudecken. Das hemmt die Umsetzungsgeschwindigkeit unglaublich und viele Dinge werden vor Gericht verhandelt, woraus eine Rechtsprechung entsteht, die wieder neue Vorschriften fordert – das ist die Quintessenz.
Wie sieht ein Ausweg aus?
Der Gesetzgeber müsste wieder stärker priorisieren.
Haben Sie ein Beispiel?
Das Thema Energiewende: Wir schaffen es nicht, den Strom aus der Windenergie im Norden Deutschlands nach Süden zu transportieren, wo der Bedarf hoch ist. Wenn man das wollte, dann müsste man klipp und klar sagen, dass andere Dinge in der Priorität zurückzustufen sind, um dieses höhere Ziel der Energieversorgung zu erreichen.
Ich springe um: Wie viel Kultur braucht eine Stadt?
So viel wie irgend möglich. Kultur ist nicht das Sahnehäubchen auf irgendetwas, sondern Kultur ist ähnlich wie das Vereinsleben ein Stück weit auch sozialer Kitt. Wir diskutieren genau an dieser Basis, was sich die Städte noch leisten können. Es darf doch nicht sein, dass wir nur noch Pflichtaufgaben erfüllen und wir uns das, was Lebensqualität ausmacht, nicht mehr leisten können.
Das würde dann auch die Investitionen in den Fruchtkasten begründen?
Der Fruchtkasten ist das wichtigste städtische Gebäude. Da muss eine Stadt auch dazu stehen und es nicht als Lagerkammer verkommen lassen. Wir haben eine Stadtgeschichte, die wir nirgends zeigen können. Wir haben ein Konzept, wie wir die Innenstadt beleben können, da spielt der Fruchtkasten eine wesentliche Rolle. Er hat eine so vielschichtige Bedeutung für die Stadt, dass es schlichtweg notwendig ist, dass er endlich realisiert wird.
Wie schafft man im Gemeinderat für so große Projekte eine Mehrheit?
Viel argumentieren, klar Position beziehen und sie nicht zementieren, wenn jemand die besseren Argumente hat. Klar ist aber auch, dass wir bei Entscheidungen stets einen roten Faden im Blick haben sollten als Orientierung. Das ist unser Leitbild Herrenberg 2020/2035.
Baut sich mit fortschreitender Amtszeit eine Distanz zum Bürger auf?
Nein, weil ich ein anderer Typ von Mensch bin. Nicht jeder kann Person und Sache trennen. Wenn ich persönlich angegangen werden, dann gebe ich auch mit offenem Visier kontra, und dann ist es auch wieder gut. Wenn ich samstags am Markt beim Einkaufen bin, dann höre ich, „Was ich an Ihnen immer geschätzt habe, Sie haben eine Meinung und die vertreten Sie auch.“ Man muss immer bedenken, dass bei den Themen wie dem Fruchtkasten, Herrenberg Süd, oder dem Abriss des Gasthauses Rose eine städtebauliche Idee dahinter steckt. Eine Schnellschuss-Kritik ist leicht gemacht.
Was war für Sie das Schöne daran, Oberbürgermeister zu sein?
Für mich war und ist es ein total erfüllender Beruf, den ich mit großer Leidenschaft ausgeübt habe. Das Schöne daran ist, dass man gemeinsam mit den Menschen in der Stadt etwas bewegen und gestalten kann.
Was bewog Sie dann zu sagen, jetzt soll es ein anderer machen?
Ganz einfach eine persönliche Entwicklung. 30 Jahre in diesem Beruf bedeutet nicht 30 normale Berufsjahre, sondern es sind hochgerechnet vielleicht zwischen 40 und 45 normale Berufsjahre. Es sind jedes Jahr mehr als 200 Abendtermine gewesen, dazu unzählige Wochenenden. Ich habe das gerne gemacht, weil ich es so wollte. Aber dann fragt man sich – noch mal eine Amtsperiode? Kann und möchte ich das nochmals? Damit bin ich sehr früh in die Diskussion gegangen. Und dann dachte ich, dass es in der persönlichen Entwicklung auch schön wäre, noch einmal etwas ganz anderes zu machen.
In Mötzingen wird ein Bürgermeisterposten frei? Wäre das nichts?
Da gibt es doch schon drei Kandidaten (lacht).
Kennen Sie den Normalmenschen Thomas Sprißler noch?
Natürlich, denn ich habe nie getrennt zwischen Amt und Mensch. Der Oberbürgermeister ist der Mensch Thomas Sprißler und der Mensch Thomas Sprißler ist der Herrenberger Oberbürgermeister. Das ist etwas ganz Wichtiges. Diese nicht vorhandene Trennung hat mir unheimlich viel gegeben. Auch wenn es eine Gratwanderung zwischen Nähe und erforderlicher Distanz ist. Der Mensch Thomas Sprißler war natürlich in hohem Maße fremdbestimmt. Und das war auch ein Grund zu sagen, ich mache noch einmal etwas völlig anderes. Ich gehe nicht weg von etwas – sondern hin zu etwas Neuem.
Wie schützen Sie ihr persönliches Umfeld vor den Auswirkungen des Amtes?
Das ist nicht ganz so einfach. Die Professionalität, die man im Beruf an den Tag legt, die Kraft, die es dazu benötigt, die bringt man im privaten Umfeld nicht immer auf. Das ist sicher für die ganz engen Begleiter immer mal wieder eine Herausforderung gewesen, aber wir haben einen guten Weg gefunden. Doch ich beklage mich nicht, das mache ich nie. Aber das Amt bringt eine hohe psychische und eine hohe physische Belastung mit sich und wieder eingehend auf Ihre Frage: Spürt man die Amtskette? Ja.
Laufbahn
Thomas Sprißler ist am 31. Januar 1966 in Sigmaringen geboren, wuchs aber im oberschwäbischen Inneringen bei Sigmaringen auf. Er absolvierte in Ludwigsburg sein Studium zum Diplom-Verwaltungswirt.
Mötzingen
In der Gemeinde Mötzingen war er als Kämmerer tätig. Im Jahr 1994 wurde er dort zum Bürgermeister gewählt.
Herrenberg
Am 11. November 2007 wurde er im ersten Wahlgang zum Oberbürgermeister von Herrenberg gewählt. Am 29. November 2015 wurde er mit 97,5 Prozent im Amt bestätigt. Bei der Wahl im Dezember 2023 trat er nicht mehr an.