Herta Müller in Marbach In Peking muss etwas geschehen - aber was?

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Der Bundestagspräsident und die Nobelpreisträgerin: Norbert Lammert trifft Herta Müller in Marbach. Thema des Abends sind die Entwicklungen in China.      

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist Marbacher Literaturarchiv zu Gast gewesen. Foto: dpa
Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist Marbacher Literaturarchiv zu Gast gewesen. Foto: dpa

Marbach - China, Ai Weiwei und die "Kunst der Aufklärung" - wenn in diesen Tagen über das Verhältnis von Politik und Kultur geredet wird, kommt man an den skandalösen Vorgängen in Peking nicht vorbei. Unmittelbar nach Eröffnung der von deutschen Museen konzipierten Aufklärungsschau wird dort ein Künstler verhaftet und verschleppt, der konsequent wie kaum ein Zweiter die Prinzipien ebendieser Aufklärung in die chinesische Öffentlichkeit getragen hat: ein Affront sondergleichen, den die deutsche Seite, wie es scheint, mittlerweile nicht mehr tatenlos hinnehmen will. Es muss etwas geschehen, darin sind sich alle einig. Aber was?

Die Antwort auf diese Frage ist noch nicht gefunden. Aber dass seit einigen Tagen die Suche nach einer klugen Antwort forciert wird, merkt man. Am Dienstag diskutierte in Berlin eine hochkarätige Runde über den vorzeitigen Abbruch der Pekinger Ausstellung. Mit dabei: Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der Kritik an dem devoten Auftreten der Ausstellungsmacher aus München, Dresden und Berlin äußerte.

Und jetzt, sind am Mittwoch im Marbacher Literaturarchiv auch einige sehr prominente Fachleute zusammengekommen, um über China und die kulturpolitischen Folgen zu reden. Auf der Schillerhöhe trafen sich die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller und der Bundestagspräsident Norbert Lammert, von dem - politisch betrachtet - die erstaunlichste Aussage dieses Marbacher Gipfelgesprächs stammt. "Die größte Wirkung, die man mit der Pekinger Ausstellung jetzt noch erzielen könnte, wäre, die Ausstellung zu schließen", sagte der nach dem Bundespräsidenten ranghöchste Mann im Staat.

Herta Müller war selbst Opfer von Schikanen

Klar, eine solche hinter Konjunktiven versteckte Botschaft lässt viel Raum für Interpretationen. Aber wenn der Eindruck nicht täuscht, plädierte Lammert damit indirekt für einen vorzeitigen Abbruch der Pekinger Schau. Kulturschaffende fordern diesen radikalen Schritt seit einiger Zeit, maßgebliche Kulturpolitiker aber noch nicht: der liberale und überaus eloquente CDU-Mann, so schien es, lotete mit seinem Konjunktivsatz jetzt aber schon mal sehr diplomatisch die Möglichkeiten aus, gegenüber den Machthabern in China selbstbewusster aufzutreten als bisher.

Dieser sich anbahnende Abschied von der Demut, den tags zuvor in Berlin ja schon der Kulturstaatsminister angetippt hatte, wurde mit heftigem Beifall quittiert in einem Saal, der an diesem Abend vor lauter Zuhörern aus allen Nähten platzte. Es waren mehrere hundert Menschen gekommen, um dem Marbacher Disput beizuwohnen. Und China hin, China her - man liegt wohl nicht falsch mit der Vermutung, dass die meisten von ihnen nicht Platz genommen hatten, um Norbert Lammert zu sehen und zu hören.

Ihr Interesse galt Herta Müller, der Nobelpreisträgerin des Jahres 2009, die - das dann doch - zu dem anberaumten Gespräch über Politik und Kultur ein Maß an Erfahrungen beizutragen hatte, das den meisten ihrer schreibenden Kolleginnen und Kollegen fehlt. In Rumänien, wo Müller ihre schriftstellerische Karriere in den siebziger Jahren begann, war sie unentwegt den Schikanen des Geheimdiensts Securitate ausgesetzt.

Müller bezieht klar Stellung

Diese Erfahrung der Angst und Demütigung prägt. Und sie hat Herta Müller ganz besonders tief und nachhaltig geprägt, wie das von der Literaturkritikerin Sigrid Löffler und dem Marbacher Archiv-Mitarbeiter Jan Bürger moderierte Gespräch zeigte. Immer dann, wenn Themen - der Einfluss der Literatur auf die Politik, die Wirkung der Zensur - theoretisch überhöht abgehandelt werden sollten, antwortete Müller schlagend mit Empirie.

Sie sei Schriftstellerin, ja, aber diese Schriftstellerei sei ein Beruf wie jeder andere auch. Daneben sei sie auch noch Mensch und Bürgerin - und in dieser Eigenschaft, nicht als Dichterin, habe sie ein Sensorium für die Repressalien einer Diktatur ausgebildet. Das könne jeder Arzt, Pilot und Bäcker ebenso.

Klar und bestimmt ließ Herta Müller alle Fragen abprallen, die ihr (als Autorin) einen politischen Sonderstatus zuweisen wollten. Und klar und bestimmt formulierte sie in Marbach auch ihre Haltung zu China, Ai Weiwei und der "Kunst der Aufklärung": Sie würde die Schau abbrechen.




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