Hertha BSC Berlin Bolle in Belek

Pal Dardai gefällt, was er von seiner Mannschaft zu sehen bekommt. Foto: Getty
Pal Dardai gefällt, was er von seiner Mannschaft zu sehen bekommt. Foto: Getty

Spieler und Fans von Hertha BSC demonstrieren im Trainingslager in der Türkei Selbstbewusstsein. Und was die Mannschaft auf dem Platz zeigt, gefällt dem Trainer Pal Dardai noch besser.

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Belek - Jeder der diversen Bundesligisten, die sich dieser Tage im türkischen Belek für die bald beginnende Rückrunde in Form bringt, wird von einer durchaus stattlichen Zahl Anhänger begleitet. Die angebotenen Fanreisen sind beliebt, weil die standardisierten All-Inclusive-Angebote vom Preis-Leistungs-Verhältnis als unschlagbar gelten. Höhepunkte für die angereisten Anhänger sind aber nicht die Gratisgetränke an der Bar, sondern die Testspiele ihrer Lieblinge. Die im Schlepptau von Hertha BSC befindliche Gefolgschaft hat es besonders gut getroffen: Der Bundesliga-Dritte tritt derzeit nämlich täglich an. Montag gegen Hannover 96 (1:0), Dienstag gegen Borussia Mönchengladbach (2:2), ein Tag später gegen Bochum (die Partie war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet).

Berlins Berufsfußballer hinterlassen dabei einen prima Eindruck: Gebe es eine interne Wertung, wer das größte Selbstvertrauen in Belek hat, dann würde der 31-köpfige Hertha-Kader diese wohl gewinnen. Wie selbstverständlich beispielsweise ein 0:2-Rückstand gegen den in Bestbesetzung angetretenen Tabellennachbarn Mönchengladbach aufgeholt wurde, beeindruckte sogar Borussen-Neuzugang Jonas Hofmann. „Das ist eine gute Berliner Mannschaft, die sehr selbstbewusst von hinten rausspielt.“ Glücklich sei er, sagte hernach Hertha-Trainer Pal Dardai stolz wie Bolle, der manches schon perfekt fand. Nachsatz mit schmunzelnder Miene: „Wir können uns aber auch noch steigern.“

Dardai lässt lieber spielen als trainieren

Der von Dardai verordnete Dauerbetrieb hat Methode. Seine Spieler sollen damit rasch den Rhythmus finden. „Spiele sind da besser als Training.“ Die Schlagzahl eines 24-Stunden-Takts, versichert der Ungar, führe gewiss zu „keiner Überlastung“, denn dafür wechsle er ja viel. „Am Ende der Woche hat jeder je zwei einzelne Halbzeiten und ein komplettes Spiel bestritten.“ Das vertrüge jeder gut trainierte Körper, „dafür war die harte Fitnessarbeit vergangenen Sommer.“

Wer sich mit dem 39-Jährigen auf ein gemütliches Sofa im geräumigen Gloria Golf Resort setzt und ihn bittet, auf die Verwandlung einer vor einem Jahr noch zutiefst verunsicherten Mannschaft zurückzublicken, der erlebt einen zufriedenen, aber weiter gierigen Fußballlehrer. „Einige enge Spiele haben wir gewonnen, weil wir gekämpft, gekratzt und gebissen haben. Aber wir haben auch eine Spielphilosophie und Spielkultur reingebracht.“ Und alsbald erklärt Dardai, dass er sich nur als Teil der Metamorphose ansieht. „Ich habe das nicht allein gemacht, sondern viele gute Leute um mich herum.“

Die Ära unter Dieter Hoeneß, die der heutige Cheftrainer größtenteils als Spieler erlebt hat, soll bitte die letzte One-Man-Show für den Hauptstadtclub gewesen sein. Trotz gewaltiger Anstrengungen unter dem mächtigen Strippenzieher gelang es nicht, sich dauerhaft als deutscher Spitzenverein zu positionieren. Im Gegenteil: Hoeneß trug eine Mitschuld daran, dass die von finanziellen Altlasten geplagte Hertha zweimal (2010 und 2012) aus der ersten Liga verschwand.

Die alte Dame Hertha bekommt neue Kleider

In der Vorsaison drohte unter Jos Luhukay sogar der nächste Abstieg, und erst nach Dardais Beförderung glückte die Rettung. Mit einer Art Fußball, die selten schön anzusehen war. Nun aber hat Dardai der alten Dame passende Gewänder angezogen, die den Club endlich auch wieder überregional attraktiv machen. Der Vater dreier Söhne gibt mit seiner Vita, die 297 Bundesligaspiele im Hertha-Trikot zwischen 1997 und 2011 ausweist, Berlins perfekten Fußball-Botschafter. Weil er viel unaufgeregter und glaubwürdiger daherkommt als viele seiner Vorgänger.

Und gerne darf noch einmal erzählt werden, wie einst seine Frau in der Küche bereits mit dem damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß über einen Wechsel nach München verhandelte, während er sich doch von Bruder Dieter überzeugen ließ, in Berlin zu bleiben. Da braucht es keine pathetischen Treueschwüre, um Verbundenheit auszudrücken. Dardai registriert mit Stolz, „dass in der Stadt mehr Leute wieder das Hertha-Logo zeigen“. Und: „Wir wollen das weiter in die richtige Richtung lenken.“

Dazu gehörte im Trainingslager, sich gemeinsam mit den Fans zu einem großen Gruppenfoto zu postieren. Gestellte Jubelposen inklusive. Im ersten Heimspiel übernächsten Samstag gegen den FC Augsburg soll die gute Stimmung nicht verfliegen. Und wenn dann durchs Berliner Olympiastadion dieselben Gesänge vom Europapokal hallen wie vorgestern über den Sportplatz des Arcadia Sport Resort von Belek? „Ich brauche da nicht zu bremsen“, sagt Dardai, „aber ich glaube auch nicht, dass ich meiner Mannschaft unnötigen Druck machen muss.“ Er lässt sie lieber einfach spielen. Derzeit gerade täglich.




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