Durch diesen Tunnel bei Althengstett sollen ab Ende Januar die Züge der Hermann-Hesse-Bahn rollen. Im Bild: Frank von Meißner, Geschäftsführer des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn. Foto: Simon Granville
Der Bau der Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt schreitet voran, doch seltene Steinkrebse und Fledermäuse stellen besondere Hürden dar. Ein Besuch auf der Baustelle.
Leise knirscht der Gleis-Schotter unter den Schuhen, als Frank von Meißner in Richtung der Bauarbeiter stapft. Diese verlegen gerade Gleisabschnitte in der Nähe von Althengstett. „Das ist für uns jedes Mal ein emotionaler Moment, wenn wir Woche für Woche den Fortschritt sehen“, sagt er. Frank von Meißner ist seit Anfang 2025 der Geschäftsführer des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn.
Jetzt führt er die Reporterin über die Baustelle. Zwischen Calw und Althengstett werden noch die letzten Schwellen und Gleise verlegt, dann ist zumindest die Schienenstrecke komplett. Im neuen Jahr soll dann zwischen Calw und zunächst Weil der Stadt (Kreis Böblingen) die Hesse-Bahn fahren, die Jungfernfahrt ist für den 31. Januar geplant – also fast zwölf Jahre nach der Entscheidung, das Teilstück der früheren Schwarzwaldbahn zu reaktivieren.
Hesse-Bahn: Acht Jahre hieß es Warten auf eine Baugenehmigung
„Wir haben erst im April 2025 die Baugenehmigung für diesen Abschnitt bekommen, acht Jahre haben wir darauf gewartet“, berichtet von Meißner. Der Abschnitt Im Hau ist nur einer von vielen, für die sich Planung und Genehmigung in die Länge gezogen haben. Hier haben seltene Tiere für Verzögerung gesorgt. Keine Fledermäuse, sondern Steinkrebse.
Nicht nur bald wieder Bahnstrecke, sondern auch Lebensraum für geschützte Steinkrebse: der Einschnitt in den Berg im Gewann Im Hau bei Althengstett. Foto: Ulrike Otto
Beim Bau der Schwarzwaldbahn vor mehr als 150 Jahren sollte an dieser Stelle ebenfalls ein Tunnel errichtet werden. „Die Geologie gab das aber nicht her“, sagt der Geschäftsführer. Denn wer sich die Wände des Einschnitts anschaut, dem fällt sofort auf: Es ist feucht. Wasser dringt aus dem Gestein und sammelt sich an der Seite in einer Rinne. Und genau hier leben die Steinkrebse.
„Keiner weiß so recht, wie sie hier hergekommen sind. Es handelt sich um eine völlig isolierte Population“, sagt Frank von Meißner. Der Kalk-Tuff im Hang sorgt für eine besondere Zusammensetzung des Wassers, die die Krebse bevorzugen. Für die Zeit der Bauarbeiten sind sie jedoch im Raum Heilbronn in einem Ersatzhabitat untergebracht.
Der Einschnitt Im Hau zeigt auch deutlich, dass eine Bahnstreckenreaktivierung nicht gleichbedeutend ist mit weniger Geld, Zeit und Aufwand als bei einem Neubau. Nicht nur waren Gleise und Bahnanlagen längst abgebaut. „Da ist einfach ganz viel marode, es lag ja auch 40 Jahre lang brach“, erklärt der Geschäftsführer des Zweckverbandes.
„Wir bauen so, dass es auch die nächste Generation übersteht.“
Frank von Meißner, Geschäftsführer des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn
Auf dem rund einen Kilometer langen Einschnitt etwa mussten sämtliche Stützwände an den Seiten erneuert werden. Zusätzlich wurden sie über zwei bis drei Meter lange Pfähle verankert. „Wir bauen so, dass es auch die nächste Generation übersteht. Finanziell ist das tatsächlich mit einem Neubau zu vergleichen“, meint Frank von Meißner.
Sobald die Baustelle Im Hau beendet ist, werden die Steinkrebse wieder in ihr altes Zuhause zurückgebracht. „Das wird alles streng von Biologen überwacht“, versichert der Hesse-Bahn-Geschäftsführer.
Artenschutz ist großes Thema bei Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn
Während die Steinkrebse kaum mit dem Namen Hermann-Hesse-Bahn in Verbindung gebracht werden, sieht das bei den Fledermäusen anders aus. Von den 207 Millionen Euro Gesamtkosten sind rund 80 Millionen unter dem Stichwort Artenschutz verbucht, das meiste davon für den fledermaustauglichen Umbau der zwei Bestandstunnel.
„Wobei man dazu sagen muss, dass darunter auch Kosten für den Bahnbetrieb und den Brandschutz im Tunnel eingerechnet sind“, betont von Meißner. Genaue Zahlen nennt der Zweckverband allerdings nicht und verweist auf vergabe- und wettbewerbsrechtliche Gründe. Auf Nachfrage heißt es, für die Arbeiten an den Tunneln werde ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag fällig.
Wie genau die Tunnel-in-Tunnel-Lösung aussieht, wird am nächsten Halt der Baustellenführung deutlich. Nur 500 Meter vom Bahnhof Althengstett entfernt und unterhalb eines Wohngebietes gelegen, beginnt der Tunnel Forst. Drinnen und draußen lärmen die Baumaschinen. Gerade entsteht die Einhausung vor dem Tunnelportal, die die Fledermäuse davon abhalten soll, in die Röhre zu fliegen, die für die Züge vorgesehen ist. Sie sollen einen anderen Eingang benutzen.
Am Tunnelportal, ganz oben links in der Ecke, ist eine rechteckige Öffnung. Ein Fenster ohne Glas. Nicht mal einen Meter breit und weniger als einen halben Meter hoch. Das Große Mausohr ist mit zehn Zentimetern Flügelspannweite die größte hier vorkommende Fledermausart. Das Fenster ist groß genug, damit die fliegenden Säugetiere problemlos den Weg in ihre Höhle finden.
Geschützt vor den durchfahrenden Zügen und dem Lärm, den diese verursachen, sollen die Fledermäuse hier ihren Winterschlaf halten können. Die meisten Tiere haben sich bereits eingefunden. Doch die warmen Temperaturen erlauben es einigen Arten, die auf Wintermücken spezialisiert sind, ihren Winterschlaf später anzutreten. Je nach Art dauert dieser vier bis sechs Monate.
Der erste Zug der neuen Hesse-Bahn soll am 31. Januar fahren
1871 steht als Jahreszahl über dem Tunnelportal – das Jahr, in dem nach dem Deutsch-Französischen Krieg das Deutsche Kaiserreich gegründet wurde. Tatsächlich eröffnet wurde der Abschnitt der Schwarzwaldbahn zwischen Weil der Stadt und Calw aber erst im Jahr darauf, also 1872.
Wenn die Hermann-Hesse-Bahn am 31. Januar 2026 ihre Jungfernfahrt unternimmt, ist der Bau des Tunnels Forst genau 150 Jahre her. Bis Weihnachten soll die Strecke befahrbar sein. Alle Gleise sind mittlerweile gebaut und werden nun gerichtet, der Schotter verdichtet. Die Signalanlagen sind komplett eingebaut, an den Bahnübergängen wird teilweise gearbeitet.
Einfahrt in den Tunnel Ostelsheim durch den Hacksberg bei Schafhausen Foto: Lightworkart/Manuel Kamuf
Im Januar stehen dann dreiwöchige Testfahrten sowie eine große Notfallübung an. Die Fahrgastprognose aus der Planungszeit beläuft sich auf rund 3000 Personen pro Tag. „Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus sage ich, dass wir das deutlich überschreiten werden“, sagt Frank von Meißner, der den Großteil seines Berufslebens der Planung und dem Betrieb von Zugstrecken und Stadtbahnen gewidmet hat. „Bei der Schönbuchbahn hat man mit 2500 Fahrgästen am Tag gerechnet, da ist man jetzt schon bei über 10 000.“
Die Baustellenbesichtigung endet da, wo sie am Morgen begonnen hat: im Landratsamt Calw. Der verschachtelte Bau thront weit oben am Berg oberhalb der Kreisstadt und bietet einen weiten Blick ins Tal. Und damit auch auf den künftigen Bahnsteig, der über einen Steg mit dem Gebäude des Busbahnhofs von Calw verbunden ist. Dieses erhebt sich wie ein hochgereckter Daumen über dem Nagoldtal.
Im Erdgeschoss des Landratsamts, neben dem Fahrstuhl, prangt ein Zitat des Namensgebers. „Die Praxis sollte das Ergebnis des Nachdenkens sein, nicht umgekehrt“, ist ein berühmtes Zitat des Schriftstellers Hermann Hesse, der 1877 in Calw geboren wurde. Die nach ihm benannte Bahn hat in jedem Fall für viel Kopfzerbrechen gesorgt.