Hesse-Bahn „Traurig, dass wir erst klagen mussten“

Von Florian Mader 

Scheitert die Hesse-Bahn ausgerechnet an einem Naturschutzbund? So hatte es ausgesehen. Aber dann hat der Nabu doch noch eine Lösung mit dem Kreis Calw gefunden.

„Wir sind zufrieden und erleichtert, dass wir eine Lösung gefunden haben“, sagt Johannes Enssle. Foto: dpa
„Wir sind zufrieden und erleichtert, dass wir eine Lösung gefunden haben“, sagt Johannes Enssle. Foto: dpa

Calw - Tausende Fledermäuse leben in den beiden Tunneln der alten Bahnstrecke nach Calw, wo in drei Jahren die Hermann-Hesse-Bahn fahren soll. Die Tiere seien in Gefahr, hatte der Nabu immer wieder betont und im Oktober 2016 schließlich Klage eingereicht. Vergangene Woche nun gab es die Einigung: In die Tunnel werden Wände eingezogen, die die Fledermäuse vor den Zügen schützen sollen. Wie die Verhandlungen abliefen, verrät der Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle.

Herr Enssle, sind Sie mit dem Kompromiss rundum glücklich?

Wir sind zufrieden und erleichtert, dass wir eine Lösung gefunden haben.

Ein Kompromiss bedeutet ja, dass beide Seiten Zugeständnisse machen. Wo haben Sie nachgegeben?

Für die Fledermäuse wäre es natürlich am besten, wenn durch die Tunnel auch in Zukunft gar kein Zug mehr fahren würde. Insofern ist die Kammer-Lösung ein Kompromiss. Jetzt hoffen wir, dass dieses System technisch funktioniert und von den Tieren angenommen wird.

Ganz sicher sind Sie sich da nicht?

Deswegen gibt es auch weiterhin ein sehr ausgeklügeltes Monitoring. Ein Teil des Vertrages, den wir mit dem Zweckverband abgeschlossen haben, ist das Risikomanagement. Das heißt, dass die Alarmlampen angehen, wenn bei den Fledermäusen zu viele Verluste nachgewiesen werden sollten. Das hoffen wir zwar nicht, und wir gehen auch nicht davon aus, aber wenn es so sein sollte, müsste der Zweckverband weitere Maßnahmen zum Fledermaus-schutz umsetzen.

Das heißt, Sie zählen die Fledermäuse?

Nicht wir, das machen die Gutachter des Zweckverbandes. Aber wir sind im Experten-Beirat. Hier sitzen jeweils zwei Vertreter von Zweckverband und Nabu. Wir treffen uns mindestens einmal im Jahr, um die Ergebnisse des Monitorings zu besprechen und den Bau der Hesse-Bahn aus ökologischer Sicht zu begleiten. Das Monitoring ist aber übrigens nicht nur deshalb erforderlich, weil sich der Nabu eingeschaltet hat. Auch die Naturschutzbehörden hätten gefordert, dass man den Fledermausbestand begleitet.

Die Tunnel haben eine wichtige Funktion für die Tiere

Sie haben mit dem Zweckverband einen Vertrag abgeschlossen. Was stehen da eigentlich für Sanktionsmöglichkeiten drin, wenn sich der Zweckverband nicht an den Fledermausschutz hält?

In dem Vertrag sichert der Zweckverband den Fledermausschutz – wie die Kammerwände und Ersatzquartiere – und den Experten-Beirat zu. Im Gegenzug haben wir die Klage zurückgenommen. Wenn der Zweckverband sich daran nicht hält oder wenn zu viele Fledermäuse zu Schaden kommen, muss er ein Strafgeld zahlen. Übrigens nicht an uns, sondern zweckgebunden für den Fledermausschutz an die Stiftung Naturschutzfonds. Wir alle vermuten aber, dass es soweit nicht kommt, sonst hätten wir uns als Nabu auf den Vertrag nicht eingelassen.

Welche Bedeutung hat der Fledermausbestand in den Calwer Bahntunneln überhaupt?

In den Tunneln lebt nicht nur eine sehr große Zahl von Fledermäusen, sondern auch sehr viele, seltene Arten, wie die Mopsfledermaus oder die Große Hufeisennase. Für die Tiere sind die Tunnel gleich in zweifacher Hinsicht wichtig. Zum einen als Quartier für die Überwinterung. Bei uns in der Gegend sind die guten Luxushotels, die als Winterquartiere geeignet sind, rar. Bedeutsam sind die Tunnel aber auch als Schwärmquartier im Sommer. Scherzhaft könnte man sie als Fledermaus-Discos bezeichnen. Die Tiere treffen sich und gucken sich einen Partner aus.

Die ursprüngliche Idee des Landkreises Calw war es ja, Ersatzquartiere zu schaffen. Warum geht das nicht?

Ersatzquartiere werden ja trotzdem geschaffen. Fledermäuse sind zwar sehr intelligent, aber auch extrem konservativ. Das heißt, sie wechseln ihre angestammten Winterquartiere selten. Man kennt von anderen Projekten oder in der Literatur keine Beispiele, wo Ersatzquartiere auf Anhieb funktioniert hätten. Daher hoffen wir, dass die Trennwände in den Tunneln funktionieren und die Tiere nicht abrupt massiv gestört werden, sich dann aber mit der Zeit umorientieren können und die Ersatzquartiere verstärkt annehmen. Es wird aber sicherlich zehn Jahre dauern, bis die Ersatzquartiere eine ähnliche Bedeutung haben, wie heute die Tunnel.