Heterofatalismus Männermüdigkeit: Haben Frauen genug von Männern?

Viele Frauen blühen nach einer Trennung regelrecht auf. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

„Ich war wie eine Mama für meinen Mann“: Immer mehr Frauen äußern auf Social Media ihre Enttäuschung über heterosexuelle Beziehungen. Was steckt dahinter?

Kürzlich veröffentlichte die Berliner Schauspielerin und Influencerin Marie Nasemann ein Reel auf Instagram, in dem sie über die Männermüdigkeit ihrer Freundinnen spricht. „Ich wünschte, ich wäre lesbisch. Nie werde ich mit einem Mann zusammenwohnen. Sollte ich jemals wieder eine Beziehung führen, dann nicht mit einem Mann“, diese Sätze höre sie derzeit häufig von Frauen in ihrem Umfeld.

 

Es ist ein Thema, das einem auf Social Media derzeit häufig begegnet. In TikToks, Storys, Postings und Reels tauschen sich Frauen darüber aus, wie sie nach der Trennung regelrecht aufgeblüht seien. Selbst wenn Kinder im Spiel sind – werde die Erziehung im Anschluss an die Trennung gerecht unter den Partnern aufgeteilt, so profitierten die Frauen von der neu gewonnenen Me-Time. Das Phänomen hat auch schon einen Namen, beziehungsweise zwei: Heteropessimismus oder auch Heterofatalismus. Zwei Begriffe, die vom US-amerikanischen Genderforscher Asa Seresin geprägt wurden. Der Begriff beschreibt nach Seresin die Frustration, Hoffnungslosigkeit und auch eine gewisse Scham von Frauen gegenüber heterosexuellen Beziehungen.

Erleichterung nach Scheidung

„Ich war wie eine Mama für meinen Mann“, sagt Anja (Name von der Redaktion geändert). Die 39-Jährige lebt in Stuttgart und hat sich im August von ihrem Mann getrennt und die Scheidung eingereicht. „Wir haben versucht, gut zusammenzuleben und unsere Kinder zu erziehen. Aber mit der Zeit habe ich für mich festgestellt, dass es mehr Enttäuschungen bringt als schöne Momente“, sagt sie weiter. Haushalt, Kochen, Wochenenden und Urlaube organisieren, dazu eine Hundert-Prozent-Stelle als kaufmännische Angestellte – es war irgendwann zu viel. „Für meinen Mann war es in der Beziehung gemütlich, für mich war es Stress“, sagt sie. Jetzt freue sie sich darauf, sich nur noch um ihre Kinder und sich selbst kümmern zu müssen.

Irgendwann mal wieder eine Beziehung einzugehen, könne sie sich zwar vorstellen, doch ein neues Familienleben erst einmal nicht: „Ich weiß, dass ich alles allein kann und gut ohne Mann weiterleben kann. Ich habe dafür auch gute Vorbilder, meine Mutter und meine Oma haben sich getrennt. Und auch wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sehe ich nicht, dass ein Leben ohne Partner nicht gut tut.“

Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männer bei der Care-Arbeit

Die ungleiche Verteilung der Arbeitslast innerhalb von Beziehungen, ist einer der Gründe, die in den heterofatalistischen Statements immer wieder genannt wird. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verwendeten Frauen im Jahr 2022 durchschnittlich täglich 44,3 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Care-Arbeit als Männer. Dazu gehören etwa klassische Hausarbeiten wie Kochen, Putzen und Wäsche waschen. Außerdem auch die Betreuung der Kinder.

Die Betreuung der Kinder obliegt meist mehr den Frauen. (Symbolbild) Foto: imago images/imagebroker

Die Lücke zwischen Frauen und Männern in Bezug auf Care-Arbeit wird zwar kleiner, doch sie ist immer noch da. Auch um den Mental Load geht es in den Storys und Reels auf Instagram, also um alles, was man von Arztterminen der Kinder bis zum Kuchenbacken für den Kita-Basar im Kopf haben muss.

Single-Frauen sind nicht länger bemitleidenswert

Gleichzeitig schwingt bei Heterofatalismus auch immer eine gewisse Scham darüber mit, „einen Freund zu haben“. In der Vogue erschien im vergangenen Jahr ein viel besprochener Artikel mit dem Titel: „Ist es heutzutage peinlich, einen Boyfriend zu haben?“ Die Journalistin Chanté Joseph schreibt darin, dass Frauen ihre Männer auf ihren Social-Media-Kanälen höchstens noch subtil präsentieren – durch eine Hand am Lenkrad, klirrende Gläser beim Abendessen, manchmal ist nur der Hinterkopf der geliebten Person zu sehen. Weshalb? Frauen wollten als Individuum und nicht als Teil einer Beziehung wahrgenommen werden. Single-Frauen sind nicht länger bemitleidenswert, sondern unabhängig und frei.

„Auf Social Media entsteht der Eindruck, Heterofatalismus richte sich gegen Männer, doch so sehe ich das nicht“, sagt die Stuttgarter Paar- und Sexualtherapeutin Meriam Axtmann. „Die Frustration bezieht sich auf Beziehungsmodelle, die sich als modern tarnen, aber nach höchstens zwei Monaten Elternzeit asymmetrisch werden, wenn der ganze Mental Load bei der Frau hängen bleibt. Letzten Endes ist das Phänomen eine Abkehr der Frauen von dem jetzigen Modell der Beziehungen.“ Axtmann sieht die Inszenierung auf Social Media vielmehr als Protestform. „Frauen waren durch die feministischen Bewegungen schon immer Vorreiterinnen. Sie waren historisch gezwungen, ihre Position zu vertreten, die Lebensrealitäten zu reflektieren und zu versuchen, sie zu ihren Gunsten zu verändern – weil sie im Nachteil waren. Bei den Männern hingegen hat sich in der Sozialisation wenig verändert, sie haben nicht nachgezogen, weil sie im Vorteil waren. Das heißt, der Wandel der Frauen geht meist schneller als der Wandel von Männern und viel schneller als der Wandel der Strukturen an sich.“

Heterofatalismus als Protestform

Es ist nicht das erste Mal, dass es eine öffentlich zelebrierte Abkehr von Männern gibt. Mitte der 2010er Jahre tauchte in Südkorea die radikale feministische „4B-Bewegung“ auf. Die Bewegung formierte sich, nachdem ein Mann in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul aus Frauenhass eine ihm fremde Frau getötet hatte. Die Prinzipien der Bewegung: Nein zur Ehe, nein zur Geburt, nein zu Dating und nein zu Sex mit heterosexuellen Männern (alle vier Wörter beginnen im koreanischen mit dem Buchstaben B).

In den USA formierte sich im November 2024 nach dem Wahlsieg Donald Trumps ein Ableger. Auf Social Media riefen Frauen zum Protest in Form von selbst gewähltem Zölibat auf. Es war eine Art, auf den wieder aufkeimenden Antifeminismus der Trump-Regierung aufmerksam zu machen. Wie viele Frauen tatsächlich den Männern abgeschworen haben, ist nicht belegt.

Keine Verabschiedung der heterosexuellen Beziehung

„Sind in Zukunft mehr Frauen ohne Männer?“, fragt Marie Nasemann in ihrem Reel. Männer hätten dann keine Frau mehr, die ihre Gefühle begleitet, mit ihnen schläft, sie an die Gesundheitsvorsorge erinnert, so Nasemann. Doch ganz so weit wird es sicher nicht kommen: Eine wirkliche Verabschiedung von der heterosexuellen Beziehung ist das alles nicht. „Das ist keine Abkehr von der Liebe. Der Mensch hat eine existenzielle Sehnsucht nach Beziehungen. Wir brauchen sie, um emotional genährt zu werden.“ Social Media sei nur ein Verstärker, um die Wut zu zeigen, so Axtmann.

Darin bestehe aber auch eine Gefahr. „Man hört häufig nur die wütenden und resignierten Stimmen und nicht die Stimme, die eigentlich dazugehört und sagt: ‚Ich bin erschöpft, ich bin müde von diesem Beziehungssystem. Das funktioniert so für mich nicht. Ich wünsche mir ein neues Beziehungsmodell’ – darum geht es ja eigentlich. Dieser Aspekt fehlt häufig bei Social Media. Und dann sieht es schnell so aus, als würden verbitterte Frauen Männer-Bashing betreiben. Dabei ist diese geäußerte Hoffnungslosigkeit die höchste Form der Kritik.“

Heterofatalismus dürfe kein Endpunkt sein, sondern die Öffnung hin zu einem Dialog, in den beide Geschlechter einbezogen werden. „Wenn in Bezug auf Männer nur noch nach Red Flags gesucht wird, hilft das nicht weiter.“

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