Hightech in Nufringen Ensinger: Kein Kunststoff von der Stange

Oliver Renz kontrolliert die Kunststoffstangen auf korrekte Maße. Foto: Stefanie Schlecht/Stefanie Schlecht

Bekannt ist die Firma Ensinger in Nufringen für Kunststoffe: Jetzt steigt sie ins Geschäft ein mit Verbundwerkstoffen aus Carbon-, Glas- und Flachsfasern.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Nufringen - Man könnte es Hightech-Kunststoff nennen. Oder so bezeichnen, wie der Fertigungsleiter Alexander Schiebel, wenn er auf eine pyramidenförmige Grafik in der Nufringer Werkshalle zeigt: „Da oben, da an der Spitze, da fühlt sich Ensinger wohl.“

 

Die Firma wächst: Anfang des Monats hat die Nufringer Firma Ensinger eine Sparte mit thermoplastischen Verbundwerkstoffen von der Firma Ineos Styrolution gekauft hat. Mit dieser Übernahme erweitert Ensinger sein Portfolio um eine Produktpalette aus Verbund-Werkstoffen mit Carbon-, Glas- oder Naturfasern wie etwa Flachs. Nicht das Kerngeschäft von Ensinger, wie der Pressesprecher Jörg Franke mitteilt, aber eines das ziemlich schnell wachsen könnte: Aus diesen speziellen Werkstoffen kann man Flugzeugteile genauso machen wie Windräder oder Komponenten für Fahrräder.

Kunststoff ist besser für den Patienten

Auch wenn sich Ensinger schon an der Spitze sieht, auch als führendes Unternehmen der Branche ist immer noch Luft nach oben, wenn auch nicht allzu viel. Im Büro des Fertigungsleiters Ralf Dietrich steht ein menschlicher Schädel, dem eine graue Kunststoffplatte eingelassen ist. „Wir fertigen die Hohlform“, erklärt Dietrich, „und ein Spezialunternehmen passt dann die Platte genau an den Schädel an, damit sie der Chirurg einsetzen kann.“ Früher hatte man die künstlichen Schädeldecken aus Metall gemacht, was erstens teurer war und zweitens schlechter für den Patienten, weil sich Metall leichter erwärmt und dem Gehirn schadet.

Die Kunststoff-Form wird wie alle Kunststoffe von Ensinger gleich hergestellt: Der Rohkunststoff wird in Säcken als Granulat angeliefert. Diese Körner werden von Vakuumpumpen in die Maschine gesaugt, geschmolzen und zu Stangen, Rohren, Platten oder eben zu Hohlformen verarbeitet. Aber eines ist in der Abteilung von Ralf Dietrich anders als in den anderen Abteilungen: Sie werden in einem Reinraum hergestellt, denn Implantate für den Menschen dürfen keinerlei Verunreinigungen aufweisen. Und so werden die Kunststoffstangen noch im Reinraum wiederum in Kunststoff verpackt.

Thermo-Kunststoffe können leicht recycelt werden

Es gibt die Ensinger Kunststoffe auch in allen Farben: Besonders wichtig ist etwa die Farbe blau, weil sie in den meisten Lebensmitteln nicht vorkommt. Das heißt, wenn an einer Lebensmittel verarbeitenden Maschine ein Kunststoffteil abbricht und in die Ravioli fällt, kann man es leichter wieder finden, als wenn es rot wäre. Im Foyer der Nufringer Firma stehen weitere Produkte aus Ensinger Kunststoff. Ein schwarzer Kunststoffbügel, den Chirurgen gewissermaßen als Lehre nutzen, um etwa den Einschlagwinkel von Knochennägeln präzise einzustellen. Früher würden solche Produkte aus Metall gemacht, aber Metall ist schwer und teuer und manchmal aufwendiger zu reinigen. Ebenso wie Metalle können auch die Thermo-Kunststoffe wieder recycelt werden und ihren Beitrag zur Ressourcenschonung leisten.

Die Logistik ist hochkomplex

Für Ensinger ist es wichtig, möglichst viele unterschiedliche Vorprodukte liefern zu können, damit die Kunden alle Kunststoffe aus einer Hand bekommen. Und möglichst viele heißt in dem Fall etwa 1400 Produkte, die sich auf die Lagerplätze in zwei Hochregalen verteilen. Der Logistikleiter Dieter Scharf nimmt eine drei Meter lange und vielleicht fünf Zentimeter dicke Stange von einer Palette. „Die kostet etwa tausend Euro“, sagt er. Selbst in diesen Vorprodukten ist Präzision angesagt, und alle Stangen und Platten werden auf den Zehntelmillimeter genau vermessen.

Steht man mit dem Logistikleiter Dieter Scharf in der Lagerhalle, kann einem schwindlig werden. 24 Meter hoch sind die Regale und 42 Meter tief. Das Lager läuft vollautomatisch, und wie es einer Kunststofffirma geziemt völlig ohne Papier. Diese Logistik kann man in einem einzigen Wort zusammenfassen: Hochkomplex. Jeden Monat liefern die Mitarbeiter des Logistikleiters Dieter Scharf 1200 Tonnen Material aus, die in 6000 Packstücken gebündelt sind. Dennoch wird das nicht das Ende der Fahnenstange sein, denn trotz des jüngsten Zukaufs will die Firma vor allem eines: „Organisch weiter wachsen“, sagt Jörg Franke.

Mit Kunststoff zum Global Player

Unternehmen
 Die Ensinger GmbH ist ein marktführender Hersteller für Kunststoffhalbzeuge, mit einem Umsatz von 469 Millionen Euro im Jahr 2020. Die Firma hat heute rund 2700 Mitarbeiter weltweit und 650 davon arbeiten in Nufringen. Innerhalb Deutschlands hat Ensinger zwei weitere Fertigungsstandorte, wobei Nufringen die Hauptniederlassung Europas ist. Die Firma für Hochleistungskunststoffe produziert sogenannte Halbzeuge, die von ihren Kunden zu Endprodukten weiter verarbeiten werden, etwa Lebensmittelverpackungen oder Isoliermaterialen für die Luft- und Raumfahrt. In Produktionshallen wird das Kunststoffgranulat in das vom Kunden bestellte Format gegossen.

Geschichte
 Das Unternehmen wurde 1966 durch Wilfried Ensinger gegründet. Die Herstellung und der Vertrieb von thermoplastischen Kunststoff-Halbzeugen gehörten zu den ersten Arbeitsschwerpunkten. Eng damit verbunden ist die Weiterentwicklung der Anwendungstechnik. 

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