Hilfe aus Stuttgart „Nichts ist vorbei in Afghanistan!“
Das Vertrauen verloren, aber nicht die Hoffnung: Die Stuttgarter Helferin Suzana Lipovac spricht Klartext zu Afghanistan.
Das Vertrauen verloren, aber nicht die Hoffnung: Die Stuttgarter Helferin Suzana Lipovac spricht Klartext zu Afghanistan.
Stuttgart - Sie hat viel Leid gesehen auf der Welt und viel Hilfe mobilisiert, um es zu lindern – auch in Afghanistan: Suzana Lipovac, Vorsitzende der in Stuttgart ansässigen Hilfsorganisation KinderBerg International, spricht über die Situation der Menschen dort und beklagt Versäumnisse des Auswärtigen Amtes.
Frau Lipovac, wie helfen Sie in Afghanistan?
Wir machen dort seit 2002 Basisgesundheitsversorgung. Davon profitieren vor allem Frauen und Kinder. In der Hochphase haben wir monatlich 95 000 Patienten in kleinen Gesundheitsstationen betreut. Bis heute waren es sechs Millionen Patienten. Wir haben dabei auch mit der Bundeswehr zusammengearbeitet. Wenn dort freie Kapazitäten waren, konnten unsere Patienten von Bundeswehrärzten unfallchirurgisch versorgt werden. Das war wichtig, gerade für Kinder, die in Afghanistan oft schwerste Verbrennungen erleiden. Es gibt überall offene Kochstellen oder Kerosingasöfen. Früher trugen die Kinder Baumwolle, heute oft synthetisches Zeug. Wenn sie mit Feuer in Berührung kommen, brennt das lichterloh. Da konnte die Bundeswehr mit ihrer medizinischen Ausrüstung und ihrem Wissen in vielen Fällen Leben retten. Solche Verbrennungsunfälle sind übrigens ein weltweites Problem in Entwicklungsländern.
Haben Sie die Gesundheitsstationen selbst aufgebaut?
Das Auswärtige Amt hatte mit dem afghanischen Gesundheitsministerium einen Vertrag geschlossen und diese Projekte mit rund 30 Millionen Euro unterstützt. Dazu kamen private Spenden. Meist lagen die Stationen in sogenannten White Areas, in denen es bis dahin überhaupt keine Gesundheitsversorgung gab, weil sie entweder hoch in den Bergen lagen oder in Taliban-Gebieten.
In Taliban-Gebieten?
Ja. Unter unseren Patienten waren auch Frauen und Kinder der Taliban. Sie waren ja nie ganz weg aus Afghanistan. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 haben sie sich zunächst versteckt, später gab es dann immer mehr Orte und Täler, wo sie ganz offen agierten.
Und Sie waren dort akzeptiert?
Das ging, weil wir in der Gesundheitsversorgung tätig waren. Jedenfalls wurde keiner unserer Mitarbeiter je bedroht. Todesursache Nummer eins in Afghanistan sind Durchfallerkrankungen, Lungenentzündungen und Infektionskrankheiten. Und den Viren und Bakterien ist es völlig egal, ob jemand eine Kalaschnikow trägt oder nicht. Früher dachten die Leute, es sei Allahs Wille, wenn ein Kind stirbt. Nachdem sie gesehen, haben, dass wir mit Impfungen helfen können, wollten sie, dass wir weitermachen. Durch den Kontakt zu den örtlichen Imamen und Dorfältesten ist Vertrauen entstanden. Aber das hat gedauert: Afghanistan ist ein Land der Querdenker.
Vertrauen Sie den Taliban?
Nein, durch die jahrelange Arbeit in Krisengebieten habe ich das Vertrauen verloren. Die Taliban haben sich entwickelt, aber nicht verändert. Im Moment geht’s ihnen gut. Das ist der Rausch des Triumphs. Das wird sich mit der Zeit ändern. Wie sagt man: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Es wird Grabenkämpfe geben. Das liegt in der Logik des Wahnsinns, und die Revolution frisst auch dort ihre Kinder.
Klingt pessimistisch.
Fast alle Probleme der Welt sind in Afghanistan versammelt, angefangen bei der Korruption. Die Regierung hatte kein Vertrauen im Volk. Das erklärt auch, warum sie überrannt worden ist. Viele Landstriche sind verwüstet, es gibt Binnenflüchtlinge ohne Ende, und es gibt den IS. Es ist unmöglich, dieses Land unter Kontrolle zu halten. Auch den Taliban mit ihren 80 000 Kämpfern wird das nicht gelingen. Dazu kommt die organisierte Kriminalität: Drogenhändler, Menschenhändler. Selbst Afghanen, die in Stuttgart leben, werden erpresst. Die Kriminellen gehen zu den Familien und sagen: Dein Sohn lebt in Deutschland. Entweder er schickt 2000 Dollar, oder wir schneiden euch die Finger ab. Das ist ein Land mit Verbrechern in vielen Bereichen. Und trotzdem auch ein großartiges Land mit wunderbaren Menschen. Die Masse der fast 40 Millionen Afghanen wird von einer Handvoll Leute terrorisiert. Das Problem hat sich noch verschärft, weil die Taliban sämtliche Häftlinge freigelassen haben.
Wie helfen Sie aktuell?
Wir sind nur noch in Faizabad, einer Stadt im Norden. Dort versorgen wir Kinder in einem Waisenhaus mit Lebensmitteln und unterhalten ein Social Guest House für zuletzt 40 Patienten, vor allem Risikoschwangere und unterernährte Kinder. Wir machen auf jeden Fall weiter und hoffen, dass die Bundesregierung ihre Hilfe reaktiviert. Ich bin allerdings strikt dafür, dass diese an Bedingungen geknüpft wird.
An welche?
Die Hilfsgelder müssen an Organisationen vor Ort fließen und nicht an den Staat. Außerdem muss es uns erlaubt sein, dass wir Frauen anstellen dürfen, die dann auch genauso viel verdienen wie Männer.
Wollen Ihre ehemaligen Mitarbeiter das Land verlassen?
Klar, jeder will raus. Ich verstehe die Leute. Ich habe eine Liste mit 627 Mitarbeitern erstellt, die für uns gearbeitet haben. Sie liegt dem Auswärtigen Amt vor. Rechnet man die Familienangehörigen dazu, dann kommt man auf mehr als 4000 Menschen – allein bei unserer Organisation. Das Auswärtige Amt hat uns am Montag mitgeteilt, dass die Evakuierungslisten für Ortskräfte ziviler Organisationen geschlossen seien. Es ist mir nicht bekannt, wer wie auf diese Listen kam. Noch weniger verstehe ich, wie diese Schließung begründet wird. Da hat man wahrscheinlich irgendeinen Stichtag gesetzt. Mit der Realität vor Ort und der individuellen Gefährdung hat das nichts zu tun. Wer sich bedroht fühlt und diese bittere Nachricht versteht, wird jetzt versuchen, mithilfe von Schleppern zu fliehen. Davor sind rund 4000 nicht antragsberechtigte Personen von der Bundeswehr ausgeflogen worden. Die haben jetzt bereits einen Aufenthaltstitel.
Das ist in der Tat erklärungsbedürftig.
Jahrelang hieß es, nur diejenigen, die einen direkten Vertrag mit der Bundesregierung haben, dürfen nach Deutschland, nicht aber die Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisation. Das hab ich unseren Leuten auch mantramäßig so gesagt. Nach dem Fall Kabuls hieß es dann plötzlich, wir holen mehr Menschen raus. Jetzt wollen natürlich auch unsere ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Land verlassen.
Was tun?
Das Beste ist, dass wir uns als Helfer in Afghanistan unentbehrlich machen und die Basisgesundheitsversorgung aufrechterhalten. Das Gesundheitswesen lebt vom Wissen des Personals und von der Wissensvermittlung ins Dorf hinein.
Was macht das Auswärtige Amt falsch?
Eine Tabelle des Außenministeriums vom Januar 2021 zeigt, dass die deutsche Botschaft in Islamabad, die die Visumanträge der Afghanen bearbeitet, im gesamten vergangenen Jahr lediglich 360 Visa für den Familiennachzug von Ehegatten und 514 für Kinder ausgestellt hat. Die Liste der in Deutschland lebenden anerkannten afghanischen Flüchtlinge, die ein Recht auf Familienzusammenführung haben, ist lang. Ich kenne Leute, die warten seit drei Jahren. Zum Vergleich: In Nordmazedonien wurden im vergangenen Jahr 1211 Visa von der dortigen deutschen Botschaft erteilt. Ich frage: Warum hat das Auswärtige Amt die Botschaft in Islamabad nicht längst aufgestockt? Man wusste doch, wie viele Afghanen bei uns einen Anspruch auf Familiennachzug haben. Warum ist die Liste so lang? Warum kriegt man nicht mal das gebacken? Ich kenne einen Afghanen in Stuttgart, dessen Frau mit einem am 21. Oktober 2019 ausgestellten Einladungsschreiben an den Flughafen von Kabul geeilt ist. Dann ging die Bombe der IS-Terroristen hoch. Jetzt liegt sie im Krankenhaus. Ihr Mann ist völlig am Ende.
War Ihre bisherige Arbeit umsonst?
Nein! Als wir nach Afghanistan gegangen sind, war es unser Ziel, eine der weltweit höchsten Sterblichkeitsraten von Frauen und Kindern zu senken. Da haben wir viel erreicht. Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann hat mal gesagt: „Nichts ist gut in Afghanistan!“ Das hat mir und hat uns allen sehr wehgetan. Deshalb lautet meine Analogie jetzt: Nichts ist vorbei in Afghanistan!
Zur Person
Biografie
Suzana Lipovac wurde 1968 in Stuttgart als Tochter bosnischer Kroaten geboren. Sie machte 1988 Abitur und anschließend eine Ausbildung als Europasekretärin. Nach einem Aufenthalt im bosnischen Kriegsgebiet startete sie 1992 eine Initiative, um Kriegsverletzte und Flüchtlinge zu unterstützen. Daraus entwickelte sich 1993 der Verein KinderBerg. Projektstandorte waren zuerst in den Kriegsgebieten der Balkanstaaten (Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kosovo und Mazedonien), Sri Lanka (aufgrund des Tsunamis) sowie in Nepal und der Elfenbeinküste. 2000 folgte die Gründung von KinderBerg International in New York. Seit Februar 2002 ist die Hilfsorganisation mit Projekten in Afghanistan vertreten. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet der Kampf gegen die hohe Kindersterblichkeit sowie die Sterblichkeit von Frauen nach der Entbindung. Suzana Lipovac war häufig selbst dort. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. (red)