Hilfe bei Essstörungen Beratungsstelle schließt: „Die Menschen sind regelrecht verzweifelt“

Allein 2025 hat die Beratungsstelle der Caritas in Ludwigsburg 200 Menschen erreicht, die von Essstörungen betroffen waren und sind. Foto: Annette Riedl

Bei der Beratungsstelle für Essstörungen bei der Caritas in Ludwigsburg fanden Betroffene unkompliziert und schnell Hilfe. Wegen fehlender Mittel ist zum Jahreswechsel Schluss.

In ihrer Kindheit lernt Simone (Name von der Redaktion geändert) schnell, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen kann. Ein Elternteil ist psychisch erkrankt, über Probleme, Emotionen und den ständigen Leistungsdruck kann sie mit niemandem sprechen. Mit 13 findet sie ein fatales Ventil: Sie lernt, dass Essen etwas ist, das sie selbst steuern und kontrollieren kann. Die junge Simone entwickelt eine Anorexie: Magersucht, später eine Bulimie.

 

Die Krankheit begleitet sie Tag für Tag, schränkt sie ein in jedem Aspekt ihres Alltags. Trotzdem dauert es fast zehn Jahre, bis Simone erkennt, dass sie so nicht weitermachen kann, und bereit ist, Hilfe zu suchen. Sie findet sie bei der Beratungsstelle für Essstörungen bei der Caritas in Ludwigsburg.

Zum Jahresende ist Schluss

Ein Happy End? Leider nein. Die Beratungsstelle ist eine der Einrichtungen, die dem Sparpaket des Landkreises zum Opfer fallen. Seit dem Kreistagsbeschluss am 12. Dezember ist es offiziell: Zum Jahresende muss sie schließen. Die Nachricht trifft nicht nur Simone hart. „Als wir es den Menschen erzählt haben, die bei uns in der Beratung sind, waren viele regelrecht verzweifelt, fast hoffnungslos“, erinnert sich die Beraterin Judith Weyhing-Müller. Denn vergleichbare, niedrigschwellige Angebote gibt es so gut wie gar nicht. Viele der Betroffenen müssen nach dem Aus der Beratungsstelle bei null anfangen.

Die Reaktion von Simone geht Judith Weyhing-Müller deshalb auch nicht mehr aus dem Kopf: „Sie war sehr niedergeschlagen und sagte: Ich habe schon so viel erreicht und habe endlich die Kraft, die tieferliegenden Themen anzugehen.“ Denn Essen – oder der Verzicht darauf – fülle bei den Betroffenen „einen Bereich aus, von dem sie noch nicht gelernt haben, ihn auf gesunde Art auszufüllen“, erklärt die Weyhing-Müller.

Dass die junge Studentin bereits vor ihrer Therapie an diesen Punkt gekommen ist, das zu erkennen und anzugehen, zeigt aus ihrer Sicht die Bedeutung des Angebots. Dass Simone und all die anderen nun wieder auf sich allein gestellt sind, macht Weyhing-Müller sehr betroffen.

2021 hat die Caritas die Beratungsstelle vom Verein Frauen für Frauen übernommen, der das Ganze nicht mehr stemmen konnte. Die Stelle bei der Caritas wurde großteils über den Landkreis finanziert, rund 45.000 Euro gab es jährlich. Seither sind laut Monika Miller, Fachleitung Soziale Hilfen, die Zahlen stetig angestiegen. Allein im Jahr 2025 hat die Stelle, Mail- und Telefon-Beratungen eingeschlossen, fast 200 Menschen erreicht, die an Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating, umgangssprachlich als Fressattacken bekannt, leiden oder betroffene Familienmitglieder haben.

Die Beratungsstelle ersetzt dabei keine Therapie, sie ist eine erste Anlaufstelle, an die die Betroffenen sich unkompliziert wenden können und wo sie eine Begleitung auf ihrem weiteren Weg erhalten – der idealerweise in eine Therapie mündet. Genau da liegt der eigentliche Knackpunkt: „Bei Therapieplätzen sprechen wir von Wartezeiten von bis zu einem Jahr“, bedauert Judith Weyhing-Müller.

Einige Therapeuten hätten schon gar keine Wartelisten mehr, die Betroffenen müssen wieder und wieder anrufen, um irgendwie an einen freien Platz zu kommen. Für viele ein unerträglicher Gedanke: Scham, Versagensängste und die Angst vor Verurteilung begleiten die Betroffenen stets, so Weyhing-Müller, sich zu öffnen, ist für sie das Schwierigste überhaupt.

Eben das macht die Beratungsstelle aus Sicht von Monika Miller so wichtig: „Hier haben wir Wartezeiten von drei bis fünf Wochen.“ Die Betroffenen bekämen die Hilfe dann, wenn sie sie am dringendsten benötigen, und müssten die Zeit bis zur Therapie auch nicht alleine durchstehen, sondern können bereits vorher, unter fachlicher Anleitung, an sich und ihren Problemen arbeiten. Selbst kleine Rückfälle könnten mithilfe der Beratungsstelle oft schnell in den Griff bekommen werden, ergänzt Weyhing-Müller. „Das macht die Betroffenen ja so verzweifelt darüber, dass wir aufhören.“

Landkreis setzt den Rotstift an

Die Beratungsstelle für Essstörungen ist nicht die einzige Einrichtung, die von den Kürzungen im Landkreis betroffen ist. Der Kreis hat massenweise Haushaltslöcher zu stopfen und hat daher an zahlreichen freiwilligen Ausgaben den Rotstift angesetzt – auch bei sozialen Trägern. Und das ist aus Sicht der Caritas-Mitarbeiterinnen zu kurz gedacht.

Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Essstörungen landeten am Ende oft in den sozialen Systemen, werden arbeitsunfähig oder entwickeln schwere Folgekrankheiten, so Monika Miller. „Je mehr man am Anfang unterstützt, desto weniger Folgekosten hat man. Aber das ist das Problem in all unseren Systemen: Präventivarbeit ist oft an anderer Stelle angesiedelt als dort, wo es hinterher ausgebadet wird.“ Man schiebe das Problem also nur woanders hin – auf Kosten der Betroffenen.

Alternativen zur Beratungsstelle für Essstörungen

Hausarzt
Der erste Weg der Betroffenen sollte immer zum Hausarzt führen, einerseits für eine körperliche Untersuchung und die Überprüfung des Gewichts, andererseits für eine Überweisung für einen Therapieplatz.

Sucht- und Familienberatung
Niedrigschwellige Angebote, die speziell auf Essstörungen spezialisiert sind, gibt es im Kreis Ludwigsburg fortan nicht mehr. Sind Kinder und Jugendliche betroffenen, können Eltern sich unter anderem an die Erziehungsberatung des Landratsamts oder bei der Caritas wenden. Erwachsene können zu einer Suchtberatung gehen, zum Beispiel bei der Caritas.

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