Hilfe beim Klimaschutz daheim Energieberater sind gefragt wie nie

Das Haus als Energieschleuder: Wer das vermeiden will, schützt das Klima – und kann Geld sparen. Foto: Adobe Stock/Ingo Bartussek

Energie sparen und Geld: Energieberater helfen beim Klimaschutz in den eigenen vier Wänden. Die Nachfrage nach dem unabhängigen Angebot steigt und steigt. Was eigentlich ein Grund zur Freude ist, hat allerdings auch einen Haken.

Region: Verena Mayer (ena)

Ludwigsburg - Die Fragen, die Horst Müller (Name geändert) gestellt werden, könnte er ziemlich indiskret finden. Ob er eine Heizdecke habe. Oder ein Wasserbett. Oder eine Sauna. Doch Horst Müller beantwortet die Fragen gerne. In diesem Fall mit „Nein, nein und noch mal nein“. Denn der Herr, der ihm diese Fragen stellt, ist Anselm Laube, und Laube ist ein Energieexperte. Der Ludwigsburger hat ihn engagiert, um herauszufinden, wo er sparen kann. Strom und Gas und natürlich auch Geld.

 

Land unter bei den Energieberatern

Nicht alles von dem, was Anselm Laube zu sagen hat, wird Horst Müller schmecken. Laube kennt das, so was kommt häufiger vor. Und trotzdem ist es so, dass sich die Energieberater kaum retten können vor Arbeit.

Die Bestandsaufnahme im Hause Müller ergibt Folgendes: Die Fenster, von denen es viele gibt, sind überwiegend 40 Jahre alt. Dämmtechnisch also jenseits von gut und böse. In den Lampen, die ebenfalls zahlreich vorhanden sind, stecken teilweise noch Glühbirnen mit 160 Watt oder mehr. Die Spülmaschine ist, wegen der Kochliebe von Frau Müller, bis zu zweimal am Tag im Einsatz. Und der Durchlauferhitzer, der das Wasser in Küche und Bad auf Temperatur bringt, läuft mit Strom, geht also auch ganz gut ins Geld.

Großes Haus, großer Verbrauch

Rund 8000 Kilowattstunden Strom verbrauchen die drei Müllers pro Jahr plus 3600 Kubikmeter Gas. „Das ist echt ein Wort“, sagt Anselm Laube, der das Haus knapp zwei Stunden lang inspiziert. Müllers Energieverbrauch ist auch deshalb so hoch, weil ihr Haus sehr groß ist. Insofern ist die Beratung untypisch. Weil die Anliegen aber dieselben sind wie in kleineren Immobilien, ist sie eben auch wieder sehr typisch. Und damit eine von jenen, nach denen die Nachfrage kaum gestillt werden kann. Im Herbst ging sogar nichts mehr.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie heizt man klimafreundlich?

Die Verbraucherzentrale, die bei den Beratungen mit den lokalen Energieagenturen im Land kooperiert, zählte im Jahr 2013 gerade mal 5100 solcher Beratungen. Im Jahr 2019 waren es mit 21 000 fast viermal so viele. Und im gerade vergangenen Jahr waren es noch mal mehr: 29 000. Weil die Berater mit der Arbeit nicht mehr hinterherkamen, wurde von August bis Oktober sogar ein Annahmestopp verhängt: In dieser Zeit wurden keine neuen Vor-Ort-Beratungen vereinbart, damit die bereits aufgelaufenen abgearbeitet werden können.

„Da schlägt sich die Klimadiskussion nieder“, sagt Anselm Laube. Die Menschen merkten, dass sie etwas tun müssten. Und neue Fördermittel machten dies um einiges attraktiver. Vor allem Zuschüsse des Bundes, der bis zu 50 Prozent einer energetischen Sanierung fördere, seien ein regelrechter Booster gewesen.

Der Verbrauch muss deutlich runter

Horst Müller ersetzt nun kaputte Glühbirnen durch sparsamere LED-Leuchten. Wenn er ein Zimmer verlässt, knipst er das Licht aus. Und Türen schließt er konsequent, damit keine Wärme entweicht. Doch der 70-Jährige muss sehr viel mehr tun. Um sein Haus klimaneutral zu machen, also auf einen Verbrauch von 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter zu dimmen, müsste Müller den Wärmeverbrauch um zwei Drittel reduzieren und den Stromverbrauch auf etwa die Hälfte. So rechnet es Anselm Laube vor. Eine neue Heizung kommt nicht infrage, so alt ist die jetzige nicht. Und das Dach hat Müller auch erst vor gut 15 Jahren machen lassen. Was also tun?

Eine neue Hülle für das alte Haus?

Im Keller, sagt Horst Müller, ist es nie kalt, obwohl dort kein Heizkörper aufgedreht ist. „Weil Sie von oben mitheizen“, sagt Laube, der umgehend eine Dämmung der Kellerdecke anregt. Und dasselbe auch für den Fußboden im (nicht ausgebauten) Dachgeschoss, in das dann keine Wärme mehr von den Zimmern darunter verdampfen kann.

Die Fassade von Müllers Elternhaus hat wunderschöne Sockel aus Sandstein und schmucke Ornamente, aber leider keine gute Isolierung. Eine Dämmschicht aus Styropor mag sich der Nachfahr auf keinen Fall vorstellen. Aber vielleicht eine aus Holz? Das Gebäude könnte quasi eine neue Hülle bekommen und so das Innere wärmen. Müller verzieht das Gesicht. „Das schmerzt“, weiß Laube. „Aber die hohen Energiekosten werden irgendwann auch richtig schmerzen.“

30 Euro bezahlt der Hausherr gerne

Denn auch wenn die Preise für Energie im vergangenen Jahr außergewöhnlich hoch waren – richtig günstig werden sie wahrscheinlich nie wieder. Durch die höhere CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe ist das klimapolitisch auch gewollt. „Haben Sie schon mal über Fotovoltaik nachgedacht?“, fragt Anselm Laube den Hausherrn. Den Verbrauch würden Müllers damit zwar nicht zwingend reduzieren, aber immerhin – so die Überlegung – käme er nicht mehr so teuer. Weil sie weniger zukaufen müssten.

Im Jahr 2020 konnten durch die Energieberatungen in Baden-Württemberg fast 1100 Gigawattstunden Energie eingespart werden. So hat es die Verbraucherzentrale ermittelt. Das entspricht 383 000 vermiedenen Tonnen des schädlichen Kohlendioxids. Und voraussichtlich wird noch einiges dazukommen.

Horst Müller zumindest wird Angebote für eine Deckendämmung einholen. Die Anschaffung einer Fotovoltaikanlage, das der Vollständigkeit halber, will er auch durchrechnen. „Das hatte ich nicht auf dem Schirm“, sagt der Hausherr, der die 30 Euro für die Beratung gerne bezahlt.

Mehr Berater in den Startlöchern

Anselm Laube macht sich auf zum nächsten Termin. Und freut sich, dass seine Energieagentur im Februar mit der Ausbildung von Energieberatern beginnt. „Das wird ein ganz großer Schritt.“

Mehr Nachfrage, mehr Personal

Angebot
Der Gebäudecheck richtet sich an private Haus- oder Wohnungseigentümer sowie an private Vermieter. Beim Check erhalten Verbraucher einen Überblick über ihren Strom- und Wärmeverbrauch, die Geräteausstattung, die Heizungsanlage und die Gebäudehülle sowie Sparpotenziale. Die Beratung hat einen Wert von 200 Euro, der Auftraggeber zahlt aber lediglich 30 Euro, der Rest kommt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.

Ausbau
Wegen der hohen Nachfrage – auch nach den Beratungen zum Heizen oder Solarwärme – hat die Verbraucherzentrale im vergangenen Jahr zusätzliche Berater auf Honorarbasis engagiert. Zudem setzt die Verbraucherzentrale verstärkt auf digitale Formate. So will sie mehr Videoberatungen anbieten und das Angebot an Webinaren und Podcasts ausbauen.

Kontakt
Ein Termin kann über die kostenlose Hotline der Verbraucherzentrale vereinbart werden 08 00 / 8 09 80 24 00 oder direkt bei den kooperierenden Energieagenturen.

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