Mikrokredite Wie Baden-Württemberger auf den Philippinen helfen

Von Sabine Marquard 

Immer mehr Menschen aus Baden-Württemberg unterstützen die Idee der Mikrokredite. So ermöglichen sie beispielsweise einer Philippinin, einen eigenen Aalhandel aufzubauen.

Die Philippinin Venus   Sadang konnte  durch die Gewährung von  Mikrokrediten erfolgreich einen Handel mit Reis-Aalen aufbauen. Foto: Opmeer Reports
Die Philippinin Venus Sadang konnte durch die Gewährung von Mikrokrediten erfolgreich einen Handel mit Reis-Aalen aufbauen. Foto: Opmeer Reports

Stuttgart - Ulrike Pfab mag Geschichten wie die von Venus Sadang, die es geschafft hat, mithilfe von Mikrokrediten ein Geschäft aufzubauen und der Armut zu entkommen. Pfab ist Sprecherin vom Oikocredit-Förderkreis Baden-Württemberg und war Anfang des Jahres mit der Organisation auf der philippinischen Hauptinsel Luzon, um zu sehen, was das Geld der baden-württembergischen Anleger dort bewirkt. Oikocredit ist einer der größten privaten Entwicklungsfinanzierer weltweit und bekannt durch die Vergabe von Mikrokrediten in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Venus Sadang ist heute erfolgreich im Aal-Business. Das war der 42-jährigen Philippinin nicht in die Wiege gelegt worden. Als Frau eines Reisfarmers und Mutter von drei Kindern half sie in der kleinen Landwirtschaft und verdiente nebenher ein paar Pesos als Avon-Beraterin. Doch oft reichte das Geld hinten und vorne nicht. Das änderte sich erst, als sie vor sieben Jahren über einen Freund mit Mr. Chang aus Taiwan in Kontakt kam.

Der Unternehmer Chang hatte Interesse an den Aalen, die auf den Reisfeldern eine Plage sind. In Taiwan gelten diese Reisaale als Delikatesse. Sadang sah ihre Chance, überzeugte noch ein paar Reisbauern und gemeinsam lieferten sie fortan Reisaale nach Taiwan. Um die steigende Nachfrage nach den Aalen zu befriedigen, brauchte sie Geld. Doch die Banken winkten ab. „Wer in der Landwirtschaft arbeitet, ist nicht kreditwürdig, weil das Wetter in der Region unberechenbar ist und die Erträge zu unsicher sind“, sagt die Sprecherin des Oikocredit-Förderkreises Baden-Württemberg.

Die Kinder erhalten eine Ausbildung

Geholfen hat der Unternehmerin die Agrargenossenschaft Abrasa, eine der 34 Partnerorganisationen von Oikocredit auf den Philippinen. Abrasa gewährte Sadang in den vergangenen Jahren immer wieder Kleinstkredite, um Ausrüstung oder Maschinen zu kaufen oder die Farm zu erweitern. Mal ging es um 100 Euro Kredit, mal um 2000 Euro, insgesamt über 60 Kleinstkredite hat sie in den vergangenen Jahren erhalten. Alle hat die Philippinin zurückgezahlt. Heute verkauft die 42-Jährige 500 Kilo Aal am Tag, das Kilo kostet zwischen 120 und 150 philippinische Pesos (umgerechnet zwischen 2,15 und 2,70 Euro). Das Haus und die Farmgebäude konnten erweitert werden, die Kinder erhalten eine Ausbildung. „Ohne diese Hilfe hätte mein Geschäft nicht so eine Erfolgsstory werden können“, sagt Sadang, als die baden-württembergische Delegation von Oikocredit ihre Farm besucht.

„Mikrokredite helfen, die Lebensumstände zu stabilisieren“, sagt Pfab. Die internationale Kreditgenossenschaft Oikocredit vergibt dabei die Kredite nicht direkt. Vielmehr sammelt sie Geld von Anlegern beispielsweise aus Deutschland ein und finanziert damit ihre Partnerorganisationen in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Partner, die die Situation vor Ort sehr gut kennen, vergeben dann die Kleinstkredite. Zudem werden die Kreditnehmer auch beraten, begleitet und geschult. „Oikocredit kontrolliert die Partnerorganisationen sehr eng“, sagt Pfab.

Die Mitgliederzahl steigt

In Baden-Württemberg findet der genossenschaftliche Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe immer mehr Anhänger. So ist die Zahl der Anleger und Anlegerinnen im vergangenen Jahr um 6,9 Prozent auf 7323 gestiegen. Und die Mitgliederzahl steigt weiter stark. „Aktuell haben wir über 7500 Mitglieder“, sagt Helmut Götz, der Schatzmeister des baden-württembergischen Förderkreises. Zusammen haben die Mitglieder im Südwesten Stand Ende Mai 136 Millionen Euro in Genossenschaftsanteilen bei Oikocredit angelegt. Ende 2016 waren es 132,9 Millionen Euro, was für 2016 einem Zuwachs von 14,3 Prozent entspricht. Der Förderkreis Baden-Württemberg vertritt die Interessen der Anleger aus dem Südwesten. Weltweit hat Oikocredit 54 000 Anleger, die Hälfte davon aus Deutschland. Insgesamt haben die Mitglieder rund eine Milliarde investiert. Die Rendite liegt seit fast 20 Jahren bei 2,0 Prozent. Bei der Jahresversammlung Mitte Juni in Ghana soll für das abgelaufene Geschäftsjahr erneut eine Ausschüttung von zwei Prozent vorgeschlagen werden.

Doch gibt es auch bei der Genossenschaft Oikocredit eine Diskussion über die Höhe der Dividende. Einige Mitglieder halten sie in Zeiten von Niedrigzinsen und wachsenden Kosten für die Regulatorik für zu hoch, andere weisen darauf hin, dass eine Beteiligung auch risikobehaftet sei und halten die zwei Prozent für angemessen. Die Abschreibungen für die Kredite sind sehr gering, sie liegen um ein Prozent. „Von unseren Anlegern hat noch nie jemand Geld verloren“, sagt Sprecherin Ulrike Pfab.

Oikocredit ist vor fast 40 Jahren gegründet worden

Ein anderes Thema, was die acht Förderkreise in Deutschland trotz gutem Mitgliederzuwachs umtreibt: „Wir wollen versuchen, Jüngere als Mitglieder zu gewinnen“, sagt Götz. Oikocredit ist vor knapp 40 Jahren gegründet worden. „Die Mitglieder in unserem Förderkreis werden immer älter“, sagt Pfab. Man wolle deshalb über soziale Netzwerke und Kampagnen jüngere Leute zwischen 25 und 40 gezielt ansprechen.

Die Konkurrenz im Bereich Mikrofinanz wächst. Staatliche wie private Anbieter sind hinzugekommen. Die Digitalisierung ermöglicht zudem, dass Kreditnehmer – egal wo auf der Welt – in direkten Kontakt mit Kreditgebern treten. Oikocredit sieht seine Aufgabe jedoch nicht allein in der Vergabe von Krediten, sondern will nachhaltige Entwicklung fördern – auch dort, wo es anderen zu riskant wird.