Sie können nicht mehr und haben irgendwie auch keine Lust mehr – jedenfalls nicht darauf, wie es momentan und schon viel zu lange läuft. Nun wollen Nina und Jonathan, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, mit ihren drei Jungs die Koffer packen und der Heimat Waiblingen für unbestimmte Zeit den Rücken kehren. Statt weiterhin täglich mehr oder weniger hilflos zuzusehen, wie Sohn Lio sich als Autist mit Wutausbrüchen und Suizidgedanken quält, planen sie, zu einer großen Reise aufzubrechen.
„Road to happiness“ haben sie ihr mutiges und groß angelegtes Projekt betitelt, für das sie auf der Online-Plattform „GoFundMe“ um Spenden bitten. „Wir haben immer mehr das Gefühl gehabt, nicht weiterzukommen und einen richtigen Bruch zum Durchatmen zu brauchen. Wir finden keine Therapie und Hilfe, deshalb haben wir beschlossen, zu einer Art Therapiereise aufzubrechen und Lio und uns einfach mal aus allem rauszunehmen“, erklärt Mama Nina.
Wie stark muss der Leidensdruck sein?
Weltreise statt weiterer Frust: Was muss passieren, wie hoch muss der Leidensdruck sein, dass man plant, alle Zelte abzubrechen, die Kinder aus der Schule zu nehmen, die Jobs zu kündigen, das Zuhause zu vermieten und in eine komplett ungewisse Zukunft aufzubrechen? Die Entscheidung hat sich das Paar aus Waiblingen alles andere als leicht gemacht. Es ist ihm wichtig, das zu betonen. „Jeder will reisen, und viele wollen manchmal aus ihrem Leben ausbrechen und was anderes machen. Aber bei uns ist die Lage etwas anders. Wir hangeln uns seit Monaten nur noch von Tag zu Tag und wissen langsam nicht mehr, was es heißt, als Familie glücklich zusammen zu leben.“
Lio hat die Eltern auf die Idee mit der Reise gebracht
Lio selbst hat die Eltern auf die Idee mit der Reise gebracht. Immer wieder hat der Achtjährige mit dem wachen Blick und dem Faible für Tiere und Natur davon gesprochen, die Welt erforschen zu wollen. „Unser Bauchgefühl sagt uns, dass wir das jetzt machen müssen. Lio und seine Brüder sollen wieder Freude empfinden in reizarmer, naturnaher Umgebung.“
Angedacht ist eine Reise durch Europa, vielleicht eine Weltreise; Start im September, ohne Zeitlimit im umgebauten Camper. Auf dem Trip will das Paar die Kinder unterrichten. „Wir haben viel übers freie Lernen gelesen. Das wollen wir machen. Und zwar so, dass die Kinder trotzdem Prüfungen absolvieren und einen Abschluss machen können. Lio passt, zumindest aktuell, nicht ins Schulsystem, deshalb verlassen wir Deutschland. Denn dann entfällt die Schulpflicht.“ Ein Plan, der wohl nicht bei jedem auf Verständnis stößt. Doch wer Nina und Jonathan zuhört, merkt schnell, dass sie sich dessen durchaus bewusst sind und zu ihrer Entscheidung stehen.
Mit dem Schulstart fing alles an
„Nur wir wissen, was die letzten Monate alles vorgefallen ist und wie kräftezehrend die Katastrophen mit Lio waren.“ Ein Blick zurück macht wohl nur in Ansätzen deutlich, was bei der fünfköpfigen Familie in der nahen Vergangenheit – genau genommen seit Lios Einschulung – alles vorgefallen ist. Erst mit dem Schulstart fing alles an. Lio hatte quasi von Anfang an Probleme – so massive, dass er erst nur noch wenige Stunden hinging, dann an eine spezielle Einrichtung, die Bodenwaldschule Winnenden, wechselte und nun schon länger gar nicht mehr beschult wird. Nina und Jonathan spürten schnell, dass da mehr ist.
„Ein Psychologe bescheinigte uns, ohne Lio kennen gelernt zu haben, ADHS. Er bekam Medikamente, besser wurde nichts.“ Die Familie wünschte sich Klarheit, machte ihre Geschichte öffentlich, um Hilfe zu erhalten und der dringend benötigten Therapie näher zu kommen. „Seit wir mit Lio darüber gesprochen haben, dass er Autist ist, können er und wir zwar anders damit umgehen, aber geändert hat sich nichts. Deshalb sind wir uns nun sicher, dass wir Deutschland verlassen müssen“, sagen die Eltern.
An guten Tagen scheint alles in Ordnung, doch Kleinigkeiten reichen
Dabei scheint an guten Tagen alles in Ordnung zu sein. Doch kleinste Kleinigkeiten können einen katastrophalen Ausbruch auslösen. Wenn etwa die Hose plötzlich zwickt, er duschen soll, ein Plan umgeworfen wird oder ein Arztbesuch ansteht. Sachen wie diese können dazu führen, dass Lio tobt, schreit, durch das Haus oder – viel schlimmer – auf die Straße rennt, nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen ist und sterben will. Seine Mama Nina rennt ihm dann hinterher, hält ihn fest, wenn er zittert, oder kuschelt mit ihm, wenn er langsam wieder zu sich kommt und Nähe zulässt.
Es sind Situationen, die verzweifelt machen. „Wir haben lange überlegt, ob wir eine Spendenaktion machen können, weil da viele mit schlimmen Schicksalen um Hilfe bitten. Eine psychische Problematik sieht man nicht auf den ersten Blick, aber auch bei uns läuft es mehr als beschissen, deshalb haben wir uns für die Aktion entschieden, um die Reise wahr zu machen, weil wir hier keine Besserung sehen.“ Ob der Trip erfolgreich sein wird? Da ist sich das Paar alles andere als sicher. Aber sie wollen es versuchen, herausfinden, ob der Tapetenwechsel hilft, wieder als Familie zusammenzuwachsen.
Ihrem Spendenaufruf haben sie ein kurzes Video von Lio vorangestellt
Ihrem Spendenaufruf haben sie ein Video vorangestellt. Nach dramatischem Anfang – verzerrt und unkenntlich gemacht, aber dadurch nicht weniger eindrücklich – schildert Lio selbst die Lage. „Als wir ihm erzählt haben, was wir planen, war er sofort bereit, beim Video mitzuhelfen. Er braucht die Veränderung und freut sich total, wir auch.“
Wer die Familie unterstützen möchte, kann das auf der Online-Plattform „GoFundMe“tun.