Hilfe für Babys im Rems-Murr-Kreis Was Frühchen Paul beim schwierigen Start ins Leben geholfen hat

, aktualisiert am 13.11.2025 - 14:23 Uhr
Paul und Mama Nina Fallier mit der Oberärztin Janaina Rauch (links): Die Aufnahme ist beim Besuch anlässlich von fünf Jahren Muttermilchbank im Rems-Murr-Klinikum entstanden. Foto:  

Nina Fallier und Sohn Paul sind ein gutes Team. Kein Wunder, sie haben viel durchgemacht. Paul war ein Extrem-Frühchen. Ein spezielles Angebot im Klinikum Winnenden hat ihnen geholfen.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Eigentlich würde Paul erst im kommenden Jahr Anfang Februar Geburtstag feiern. Dass der kleine Junge aus Kernen (Rems-Murr-Kreis) mit den fast schon weißblonden Haaren und dem aufgeweckten Gesicht bereits in nicht mal mehr zehn Tagen – am 15. November – fünf Kerzen auspusten und jede Menge Kuchen essen darf, liegt daran, dass er ganze drei Monate früher zur Welt kam. „Paul wurde mit gerade mal 980 Gramm in der 28. Schwangerschaftswoche geboren. Dass ich überhaupt so lange durchgehalten habe, war schon ein Wunder“, sagt seine Mama Nina Fallier und erinnert sich fünf Jahre später noch genau an jede Kleinigkeit dieser aufwühlenden und kräftezehrenden Zeit.

 

Ein Glück, dass genau vor fünf Jahren auch das Geburtsjahr der Frauenmilchbank am Klinikum Winnenden war. Die gibt Frühgeborenen seit 2020 Starthilfe mit Spendermilch, wenn die Mutter nicht oder noch nicht selbst stillen kann. Seit dem Startjahr haben mehr als 350 Frauen ihre überschüssige Milch gespendet. Mit rund 2100 Litern Muttermilch konnten bislang 850 Babys versorgt werden – darunter auch Paul.

Gespendete Muttermilch hilft den Frühchen beim schwierigen Start

Das Ziel: „Jedes Frühchen soll Frauenmilch bekommen, bis es mindestens 1500 Gramm wiegt“, sagt Janaina Rauch, Oberärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Ärztliche Leiterin der Frauenmilchbank. Die Medizinerin, selbst Mutter, hatte die Idee dazu und engagiert sich seit nunmehr fünf Jahren mit ihren Kollegen, um diesen Service innerhalb des Winnender Perinatalzentrums weiter auszubauen. „Paul war damals einer unserer ersten Spendermilchempfänger.“

Aus diesem Grund war Nina Fallier mit ihrem Sohn dieser Tage zu Gast in der Klinik, in der Paul seine erste Lebenszeit verbrachte und in der er gleich zu Beginn hart kämpfen musste. „Er kam gleich auf die Kinderintensiv. Da lag er als kleines Würmchen in einem Inkubator mit lauter Schläuchen und Kabeln. Das volle Programm. Es war so krass, dass das mein Würmchen war“, sagt Nina Fallier und sieht die Bilder von Paul vor ihrem inneren Auge – eine Handvoll Leben, der Körper noch rötlich, beatmet und mit verbundenen Augen, weil das Licht noch viel zu grell gewesen wäre. „Und beim Kuscheln hatte ich das Piepsen der Geräte im Ohr.“

Wenn sie ihren fast Fünfjährigen jetzt anschaut, kann die 45-Jährige es kaum glauben. Paul spielt und kuschelt gerne, kann ein Wirbelwind sein und hat sich prächtig entwickelt. „Er hat keinerlei Einschränkungen mehr. Das einzige ist, dass er ein sehr zartes Kind ist. Ansonsten hat er Energie ohne Ende und ist eine richtige Nachteule“, sagt Nina Fallier, die die Zeit in der Klinik ebenfalls gut überstanden hat. Trotzdem sagt sie: „Es war die schlimmste Phase meines Lebens und ich möchte so etwas Schlimmes nie wieder erleben.“

Gefahr Hirnblutung: Nina Fallier hatte große Angst um ihr Extremfrühchen

Damit meint die Logopädin, die mehrere Praxen hat, sowohl die endlosen Wochen der Schwangerschaft, die sie größtenteils bewegungsunfähig im Bett verbringen musste, als auch die Anfangszeit mit Paul, als sie rund um die Uhr Angst hatte, dass es bei ihrem viel zu früh geborenen Baby zu Komplikationen wie Hirnblutungen kommen könnte. Doch Paul schaffte es, nahm dank der Spendermilch zu, wurde kräftiger und konnte an Neujahr auf die Normalstation verlegt werden. „Ich hatte anfangs kaum eigene Milch, mein Körper war noch gar nicht so weit, weil alles viel zu früh losgegangen war. Ich war so dankbar, dass es die Milch gab und ich eine Sorge weniger hatte.“

Paul bekam die Spendermilch zunächst über eine Magensonde. Am ersten Tag alle zwei Stunden gerade mal einen Milliliter. Die gespendete Muttermilch von Frauen, die ein Kind geboren und Milch übrig haben, lagert bei minus 32 Grad. Die Fläschchen mit 100 Millilitern sind virologisch und bakteriologisch getestet und anonymisiert. „Die kleinen Fläschchen haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass Paul es geschafft hat. Ich war so dankbar,“, sagt Nina Fallier, die während der gesamten Zeit versucht hat, positiv zu bleiben.

Inniger Moment aus früheren Tagen: Nina und Paul haben viel durchgemacht und sind eng verbunden. Foto: privat (Rebecca Conte)

Das gelang ihr auch dadurch, dass sie sich ganz auf die Situation fokussierte und auf ein gutes Ende hoffte. Doch das dürfte ihr nicht immer leicht gefallen sein, denn die Frau aus Kernen, die erst Gesang studiert hat und als Opernsängerin arbeitete und dann zu ihrem Traumberuf Logopädie fand, hatte schon früh in der Schwangerschaft erste Probleme. „Ich hatte mit Anfang 20 eine schwere Erkrankung, durch die klar war, dass es schwierig werden könnte, wenn ich mal schwanger werde.“ Als sie es dann war, sei die Problematik erst mal unterschätzt worden. „Erst bei der Feindiagnostik wurde klar, wie ernst die Lage war. Mein Gebärmutterhals war stark verkürzt und der Muttermund bereits offen. Ich musste sofort in die Klinik.“

Dort wurde ein operativer Verschluss durchgeführt, und der werdenden Mama, die gerade mal in der 20. Woche war, Bettruhe verordnet – kein Toilettengang, kein Duschen, gar nichts. „Ich habe nur noch von Tag zu Tag gelebt. Ziel war es, mindestens die 24. Woche zu erreichen“, sagt die 45-Jährige und erinnert sich, wie plötzlich, just in der 24. Woche, heftigste Wehen einsetzten. Doch einem Wunder gleich, schlugen die Wehenhemmer an und Nina und Paul schafften es bis zur 28. Schwangerschaftswoche. „Dann gab es kein Halten mehr, ich habe morgens schon gespürt, dass sich die Wehen dieses Mal nicht würden aufhalten lassen und abends war Paul da.“ Erst drei Stunden später durfte sie ihr Baby sehen – es musste erst versorgt werden. „Aber wir haben es gemeistert, mein Körper und meine Psyche haben sich erholt. Jetzt genießen wir unsere Zeit, sind ein super Team und blicken nach vorne.“

Muttermilch für Neugeborene und ein buntes Fest für Frühchen

Info
Der Weltfrühchentag wird mit einem bunten Programm im Rems-Murr-Klinikum Winnenden gefeiert. Eingeladen sind alle Frühchen-Eltern mit ihren Kindern am Montag, 17. November, von 15 bis 18 Uhr in der Cafeteria „Auszeit“.

Kontakt
Die Frauenmilchbank im Rems-Murr-Klinikum Winnenden ist erreichbar von Montag bis Freitag, jeweils von 8.30 bis 12.30 Uhr, unter der Telefonnummer 07195/59141812 oder per E-Mail unter frauenmilchbank@rems-murr-kliniken.de

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