Stuttgarter Hilfe für Erdbeben-Opfer in Kroatien Sie kann an nichts anderes mehr denken

Vesna Lisson sagt, sie habe selbst viel Hilfe im Leben erfahren, davon möchte sie nun etwas zurückgeben. Foto: Jacqueline Fritsch
Vesna Lisson sagt, sie habe selbst viel Hilfe im Leben erfahren, davon möchte sie nun etwas zurückgeben. Foto: Jacqueline Fritsch

Vesna Lisson lebt heute in Stuttgart-Sillenbuch, doch sie stammt aus Kroatien. Die Naturkatastrophe, die ihre alte Heimat Ende 2020 ereilt hat, bricht ihr schier das Herz. Deshalb möchte sie nun etwas tun.

Sillenbuch/Birkach - „Ich kann an nichts anderes mehr denken“, sagt Vesna Lisson, „es ist, wie wenn man verliebt ist“. Aber unglücklich verliebt. Denn Vesna Lisson läuft nicht verträumt durch die Welt, sondern ist den Tränen nahe. Im Kopf hat sie nicht das Bilder eines geliebten Menschen, sondern Bilder der Zerstörung und Verzweiflung. Die Sillenbucherin hat kroatische Wurzeln und leidet seit einem Monat mit jedem Einzelnen, der von den Erdbeben in ihrer Heimat getroffen worden ist.

„Ich habe mir gesagt: Du kannst mehr, als 50 oder 100 Euro zu spenden“, sagt Vesna Lisson. Sie stehe in ständigem Kontakt mit Menschen in Zagreb und Petrinja, wo das Erdbeben Ende Dezember am schlimmsten war. „Ich möchte, dass die Spende wirklich zu den Ärmsten kommt“, sagt sie, „deshalb frage ich die Leute, die dort leben“. Ihr Ziel ist es nun, Mitstreiter zu finden, damit sie nicht nur Geld, sondern vielleicht auch einen Ofen oder einen Kühlschrank spenden kann. „Die alten Leute freuen sich zum Beispiel riesig über einen Holzofen“, sagt sie.

Sie kocht jeden Tag für die 94-jährige Nachbarin

Vesna Lisson ist eine Helfernatur. „Wie kann man eine alte Frau, die gekrümmt dasteht und weint, nicht in den Arm nehmen wollen? Das muss man doch einfach“, sagt sie. Die 57-Jährige arbeitet im Nikolaus-Cusanus-Haus in Birkach, das passt. Und jeden Tag koche sie für ihre 94-jährige Nachbarin und bleibe eine Stunde bei ihr, um zu essen und zu reden. „Man sollte sich nicht auf sich fixieren“, sagt Vesna Lisson, „wir müssen doch unseren Kindern Humanität und Solidarität vorleben“.

Vielleicht ist ihr Bedürfnis, zu helfen, angeboren, vielleicht kommt es aber auch daher, dass Vesna Lisson selbst schon viel Hilfe erfahren durfte, wie sie erzählt. Die alleinerziehende Mutter kämpft sich seit fast 20 Jahren mit zwei Jobs durch. In Kroatien ist sie Restaurantfachfrau geworden, in Sillenbuch kellnert sie – neben ihrem Job im Cusanus-Haus. „Als meine Tochter noch klein war, wurde ich an der Schulter operiert, und meine Kollegen aus dem Restaurant haben mir jeden Tag eine warme Mahlzeit gebracht und sind für mich einkaufen gegangen“, erzählt sie, „und solche Geschichten gibt es viele“.

Ihr Bruder lebt noch in Zagreb

Vesna Lisson hat als kleines Kind bei ihrer Großmutter in Kroatien auf dem Bauernhof gelebt, bevor ihre Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen sind. In Degerloch ist sie aufgewachsen und mit 17 Jahren mit der Familie zurück nach Kroatien gegangen. Ihr Bruder lebe heute noch in Zagreb. Als ihre Mutter starb, wollte Vesna Lisson von dort weg. Es hat sie zurück nach Stuttgart gezogen. Nicht zuletzt wegen der Butterbrezel, gibt Vesna Lisson zu und lacht.

Sie sei eine glückliche Frau – dankbar für alles, was sie habe. „Im Leben muss man halt ein großes Glück haben“, sagt sie. „Und mein Glück sind meine Freunde, die immer für mich da sind, mein Bruder, meine Tochter und die Arbeit. Das sind ganz verschiedene Lieben.“

Seit Corona hat sie mehr Zeit, zu reflektieren

Als Optimistin kann sie auch der Coronazeit etwas Positives abgewinnen: „Früher hat man ja nur funktioniert und hatte keine Zeit für sich“, sagt Vesna Lisson. „Aber seit Corona habe ich nur noch einen Job und viel mehr Zeit, zu reflektieren und mich zu fragen: Hast du genug hinterlassen? Könntest du noch mehr? Wie kann ich eine bessere Mutter sein?“ Und zurzeit steht für sie eben vor allem die Frage im Vordergrund: Wie kann ich den Menschen in Kroatien helfen? „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn permanent Nachbeben kommen. Mein Bruder sagt, er hält das nicht mehr aus“, sagt Vesna Lisson.

Am liebsten würde sie sofort in die alte Heimat fahren, sagt sie, und irgendetwas für die Menschen dort tun. Sie wird sich aber gedulden müssen – bis sie Urlaub hat und genügend Mitstreiter, um etwas wirklich Hilfreiches zu spenden. „Corona hat uns gezeigt, dass wir einander brauchen“, sagt Vesna Lisson. „Ich habe zum Glück viele Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Deshalb sollen sich die Menschen in Kroatien auch darauf verlassen können, dass ihnen jemand hilft.“

Kontakt: Wer Vesna Lisson bei der Hilfe für die Opfer der kroatischen Erdbeben unterstützen möchte, kann sich per E-Mail direkt an sie wenden: vesna.lisson@googlemail.com.




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