Hilfe für ukrainische Geflüchtete im Kreis Böblingen Gruppe sucht weitere Ehrenamtliche

Annabell Graness (links) leitet die Gruppe der Ehrenamtlichen, die sich um ukrainische Geflüchtete kümmert. Natalia Didenko hilft im Ehrenamt als Deutschlehrerin aus. Foto: Eibner/ Bürke

Eine Gruppe von Ehrenamtlichen kümmert sich in Böblingen seit rund einem Jahr um ukrainische Flüchtlinge und ihre Kinder. Auch die ukrainische Deutschprofessorin Natalia Didenko hat in der Gruppe Anschluss gefunden und gibt nun ehrenamtlich Sprachkurse für ihre Landsleute.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Rund 80 Ukrainerinnen und Ukrainer sind zwei Wochen nach dem deutschen Fasching in der Berliner Straße in Böblingen zusammengekommen. Der Anlass: das ukrainische Pfannkuchenfest. Es wird getanzt, gelacht und vor allem gegessen – Pfannkuchen natürlich. Und zwar in allen Varianten, herzhaft oder süß.

 

Das Fest feiern die Ukrainer, um den Winter zu vertreiben. Zum krönenden Abschluss wird dann noch eine selbst gemachte, kleine Strohpuppe verbrannt. Zwei Wochen zuvor hat das ehrenamtliche Team um die Leiterin Annabell Graness ein Faschingsfest auf die Beine gestellt. Regelmäßig organisiert die Gruppe Aktionen und Feste für ukrainische Geflüchtete, vor allem für die Kinder. Aber auch Sprachkurse und Informationsveranstaltungen stehen regelmäßig auf dem Plan.

Im Waldheim konnten die Geflüchteten im Sommer Zeit in der Natur verbringen

Vor rund einem Jahr hat sich die Gruppe aus Ehrenamtlichen zusammengefunden, die seither ukrainische Geflüchtete unterstützt. Im Waldheim Tannenberg begannen sie im vergangenen Jahr, den Geflüchteten eine Anlaufstelle zu geben. Über die Wintermonate sind sie mittlerweile in den Räumlichkeiten der Paul-Gerhardt-Kirche in Böblingen untergekommen. „Der Ursprungsgedanke war, dass die Menschen einen Ausgleich haben sollten“, erzählt Annabell Graness: Abschalten in der Natur, für einige Zeit den alltäglichen Stress abschütteln und vergessen, dass in einem neuen Land Fuß gefasst werden muss.

Auch die 42-jährige Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, Natalia Didenko, findet nach ihrer Ankunft in Deutschland in der Gruppe neuen Halt. Mit ihrer Familie wohnt sie bis zum März 2022 im Gebiet um Odessa und unterrichtet dort am Lehrstuhl für Deutsche Philologie an der Universität – nach Ausbruch des Krieges flüchten sie. Ein paar Wochen, dann werden sie wieder in die Ukraine zurückkehren können, denkt sie damals.

Mittlerweile ist sie seit über einem Jahr in Deutschland und engagiert sich in der ehrenamtlichen Gruppe als Deutschlehrerin. Obwohl sie vor ihrer Flucht nur wenige Wochen in Deutschland verbracht hat, spricht sie perfekt deutsch: „Es ist wichtig, Netzwerke zu bilden und die Sprache zu lernen, um Arbeit zu finden“, sagt sie. Zweimal pro Woche unterrichtet sie rund 15 Ukrainerinnen und Ukrainer, die die Kurse auf freiwilliger Basis besuchen. Auch Kindern im Vorschulalter hilft Natalia Didenko, die deutsche Sprache zu erlernen. „Es ist wesentlich einfacher die Grammatik in der Muttersprache zu erklären“, sagt sie über ihre Herangehensweise.

Die Sprachbarriere bereitet bei den Festen keine Probleme

Bei den Veranstaltungen steht vor allem der Austausch im Mittelpunkt: „Entscheidend ist, dass Geflüchtete nicht isoliert sind“, sagt Natalia Didenko. Für wichtig hält sie es auch, ihre Traditionen den ehrenamtlichen Helfern nahe zu bringen. „Es ist sehr schön zu sehen, mit wie viel Liebe die Ukrainer ihre Feste vorbereiten“, erzählt Annabell Graness. Aufwendig gedeckte Tische und gutes Essen dürfen dabei nie fehlen.

Die Sprachbarriere macht bei den Treffs gen kaum Probleme. Nicht immer sind Dolmetscher vor Ort, doch sie verstehen sich auch über Augenkontakt und Gestik, sagt Annabell Graness. Selbst beim Spielenachmittag mit Kindern sei die Kommunikation kein Problem. „Es ist eine richtige Freundschaft entstanden“, sagt die 36-Jährige.

Doch nicht nur Deutsche und Ukrainer kommen sich bei den Festen näher, auch die Ukrainer unter sich haben viel zu besprechen und tauschen sich aus: Denn innerhalb des Landes, das flächenmäßig fast doppelt so groß ist wie Deutschland, unterscheiden sich je nach Region Gepflogenheiten und Traditionen. „Wir kommen alle aus unterschiedlichen Gebieten und haben uns viel zu erzählen“, sagt Natalia Didenko.

Die Gruppe sucht Ehrenamtliche für eine Jugendgruppe

Wenn es im April wieder wärmer wird, wird die Gruppe für ihre Aktionen wieder ins Waldheim ziehen. Vieles ist geplant für dieses Jahr, vor allem da nun klar ist, dass die Finanzierung von der Gesamtkirchengemeinde und der Stadt Böblingen für das Projekt weiterläuft. Doch wie überall fehlen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, um die Organisation zu stemmen. Momentan sucht die Gruppe Ehrenamtliche, die eine Jugendgruppe leiten wollen. Wer Interesse und im besten Fall noch ukrainische Sprachkenntnisse hat, kann sich bei Annabell Graness unter der Adresse ukraine@waldheim-tannenberg.de melden.

Als nächstes steht am Sonntag, 26. März, um 14 Uhr eine Veranstaltung für Ukrainer im Haus der Begegnung in der Berliner Straße 39 in Böblingen an. Dort können alle ihre Fragen rund um die Themen Versicherung, Mieterrechte- und Pflichten, Auto und Job an Experten stellen. Für Kinderbetreuung ist gesorgt. Um Anmeldung wird unter der E-Mail Adresse ukraine@waldheim-tannenberg.de. gebeten.

So viele Geflüchtete leben aktuell im Kreis Böblingen

Zahlen
Im Landkreis Böblingen leben aktuell rund 10 500 Menschen mit Fluchthintergrund. Im vergangenen Jahr wurden dem Kreis 2690 Menschen vom Land zugewiesen – der Rest kam direkt hier an.

Derzeitige Situation
 Im Januar und Februar wurden vom Land 427 Personen zugewiesen, davon 240

Kapazitäten
 Der Kreis ist für die vorläufige Unterbringung zuständig. Er verfügt über 2648 Plätze in 25 Einrichtungen, diese sind derzeit zu 68 Prozent mit 1793 Menschen belegt.

Städte und Gemeinden
Diese sind für die Anschlussunterbringung zuständig. Ein Großteil der Geflüchteten aus der Ukraine kommt nach wie vor privat unter.

Herkunft
 Rund 23 Prozent der Geflüchteten kommen aus der Ukraine, 20 Prozent aus der Türkei und 25 Prozent aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak. 

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