Hilfe, ich bin Workaholic Wie geht eine gesunde Work-Life Balance?

Wenn die Arbeitswelt in die Freizeit überschwappt - für Workaholics keine Seltenheit. Foto: Unsplash/Avi Richards

Workaholics kennen kaum Grenzen in der Arbeitswelt, darunter leiden oft Privatleben und Gesundheit. Psychologe Oliviero Lombardi gibt Tipps, wie wir das Hamsterrad verlassen können.

Wenn die Arbeit immer mehr Raum einnimmt und Leistung das einzige Maß unseres Selbstwerts ist, dann bewegen wir uns steil darauf zu, ein waschechter Workaholic zu werden. Und obwohl dieser Begriff oft mit Erfolg, Geld oder Ausstrahlung verbunden wird, versteckt sich hinter der Fassade meist eine ausgewachsene Arbeitssucht. Und diese bringt so wie manch andere Sucht ein hohes Konfliktpotenzial im Alltag mit sich. Also was tun, wenn nichts mehr relevant erscheint außer Arbeit? Der Stuttgarter Diplompsychologe Oliviero Lombardi erklärt, welche Bedürfnisse sich hinter der Arbeitssucht verstecken und zeigt Lösungsansätze für ein gesünderes Leben.

 

Der Begriff Workaholic ist in unserer Gesellschaft fast positiv konnotiert, woran liegt das?

Das liegt daran, dass in unserer Gesellschaft der Fokus auf Leistung, Karriere und Arbeit sehr verbreitet ist. Die durchschnittliche Ansicht ist, dass Arbeit etwas Gutes ist, wertvoller als Freizeit. Und so wird der „Wert“ der Arbeit von Generation zu Generation weitervermittelt.

Welche Symptomatik steckt hinter dem Begriff des Workaholics, und wo sind Betroffene besonders häufig zu finden? Gibt es bestimmte Berufsgruppen oder familiäre Häufungen?

Wenn sich sinnstiftendes Arbeiten zur Arbeitssucht entwickelt, identifiziert sich der Betroffene zu stark mit dem Bereich „Arbeiten". Grundsätzlich hat das Arbeiten als Workaholic oft etwas mit der Hierarchiestufe zu tun. In vielen Konzernen wird ein hohes Arbeitspensum als normal und wünschenswert angesehen.

Oft findet man Workaholics außerdem in Berufsgruppen, die als besonders angesehen gelten. Berufsgruppen, bei denen das Leistungsthema bereits im Studium sehr im Fokus steht, zum Beispiel Ärzt*innen oder Jurist*innen.

Manchmal leben Eltern das viele Arbeiten und die Erfolgsorientierung vor. Oder auch gerade umgekehrt, wenn das Kind die scheinbare Armut oder Erfolglosigkeit der Eltern kompensieren möchte.



Welche Probleme haben Workaholics in ihrem Alltag neben der Arbeit?

Workaholics lassen andere Aspekte Ihres Lebens verkümmern. Eine klischeehafte Metapher fasst das Problem gut zusammen: „Das Schicksal eines erfolgreichen Managers ist, dass, wenn er nach Hause kommt, der Hund ihn anknurrt, seine Kinder ihn siezen und die Frau einen Liebhaber hat“.

Was sind körperliche Anzeichen, die von Überarbeitung zeugen?

Die ständige Anspannung, der Stress und das Adrenalin führen zu körperlichen Symptomen wie Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Bluthochdruck. Der Workaholic ist durch das Adrenalin ständig im Kampf oder Fluchtmodus.

Dadurch können Workaholics auch im Freizeitbereich nicht abschalten. Grübeln, Schlaflosigkeit, Überforderung und Panik sind häufige Folgen. Später kann dann ein Burn-out entstehen, weil Betroffene zu lange zu viel „Gas gegeben haben“ - irgendwann ist der Treibstoff verbraucht oder der Motor überdreht.

Oft ist mit dem Begriff des Workaholics das Phänomen der Arbeitssucht gemeint. Ist dies eine Sucht wie Alkoholsucht und wenn ja, gibt es Entzugssymptome?

Viele Menschen und insbesondere Workaholics ziehen ihren Wert aus der Arbeit. Oftmals ausschließlich aus der Arbeit. Das kann eine Sucht auslösen, um durch mehr Arbeit noch mehr Wertschätzung zu erzielen. Insofern fällt es Betroffenen oftmals schwer loszulassen.

Viele Menschen nehmen Themen aus der Arbeit mit nach Hause, wann aber gerät der Drang zu arbeiten außer Kontrolle?

Der am Ende selbstgemachte Leistungsdruck führt dazu, dass Menschen die Arbeit mit nach Hause nehmen, um eben noch mehr Zeit in den Perfektionismus investieren zu können. Wenn keine Regeneration mehr stattfindet, ist der Drang außer Kontrolle. Weil hier eine Selbstschädigung stattfindet.

Welche Auswirkungen hat die ständige Erreichbarkeit durch Handy, aber auch im Homeoffice auf Menschen mit Tendenz zur Arbeitssucht?

Allzeit bereit oder in Bereitschaft zu sein, ist tatsächlich purer Stress. Hier fehlt das notwendige abschalten und abgrenzen. Insofern sollte das Arbeitshandy im Freizeitbereich abgeschaltet oder die Erreichbarkeit begrenzt werden.

Auch das Homeoffice macht es Menschen schwieriger, die Arbeit vom Freizeitbereich abzugrenzen. Und erschwert logischerweise eine Work-Life-Balance. Work und Life mischen sich, oft dominiert dann eben die Arbeit. Denn Arbeit findet sich immer. Dieses Problem kennen auch Selbstständige.

Wo können Betroffene ansetzen, wenn sie Tendenzen zum Überarbeiten hinter sich lassen wollen?

Der Workaholic muss sich einen privaten Lebensbereich unter Umständen erst aufbauen. Oder diesem mehr Priorität einräumen. Oft hilft ein Strukturplan, indem die Freizeit, Familienzeit oder Paarzeit genauso wie die Arbeitszeit geplant wird. Nur dann kommt das Leben wieder in Balance, und man kann auch morgen noch einen gesunden Beitrag in der Arbeitswelt leisten. Gleichzeitig finden wir so befriedigende Beziehungen und ein glückliches Leben.

Welche Techniken gibt es, um ein besseres Abgrenzungsvermögen zu erlernen?

Es ist wichtig, neben der Arbeit alternative Quellen der Wertschätzung zu finden. Man kann lernen, Nein zu sagen und nicht jeden immer alles Recht machen zu wollen. Aber auch die Erkenntnis, dass mehr Geld, ein noch größeres Auto und Haus tatsächlich nicht glücklich machen. Denn der Preis dafür ist oftmals der Verlust von Familie, Freunden und Gesundheit.

Hier geht es zur Homepage von Oliviero Lombardi.

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