Seit Jahren werden Hilal Ercan und Scarlett Salice vermisst. Eine Firma aus Aspach beteiligt sich an einer Suchaktion, die neue Hinweise bringen soll. Belohnung: 100.000 Euro.

Volontäre: Marie Part (par)

Die fettgedruckten Buchstaben stechen sofort ins Auge. „Wo ist Scarlett?“ steht auf einer Flasche im Regal. Direkt daneben, auf einer weiteren Flasche: „Wo ist Hilal?“ Zwei Fragen, gedruckt auf Smoothie-Flaschen, die bei der Firma Streker in Aspach (Rems-Murr-Kreis) abgefüllt wurden. Dazu ein Steckbrief, knappe Fakten: Scarlett Salice, blaue Augen, 1,60 Meter groß. Und: Hilal Ercan, braune Augen, schlanke Gestalt. Die junge Frau und das Mädchen lächeln in die Kamera. Es sind Bilder aus einer Zeit, in der noch niemand wusste, dass sie bald als vermisst gelten würden.

 

Hilal Ercan verschwindet im Alter von zehn Jahren am 27. Januar 1999 in Hamburg. Sie verlässt die elterliche Wohnung, um sich im nahe gelegenen Einkaufszentrum eine Süßigkeit zu kaufen. Scarlett Salice verschwindet im Alter von 26 Jahren am 10. September 2020 während einer Solo-Wanderung auf dem Schluchtensteig im Südschwarzwald.

Neue Hinweise erhofft: Vermisstensuche per Smoothie-Flasche

Bis heute ist unklar, was mit den beiden passiert ist. Nach Jahren der Suche setzen ihre Familien nun auf einen ungewöhnlichen Weg, um neue Hinweise zu erhalten: Vermisstenanzeigen auf Smoothie-Flaschen des Herstellers true fruits. Der Smoothie-Gigant aus Bonn ist Marktführer für Smoothies in Deutschland und für seine unkonventionellen Werbeaktionen bekannt.

Die Smoothie-Flaschen mit dem besonderen Aufdruck gab es in knapp 30 000 Supermärkten zu kaufen. Foto: true fruits

Die Flaschen sind Teil einer groß angelegten Kampagne, die von November bis Januar lief. Die Vermisstenanzeigen waren in dieser Zeit in den Regalen von knapp 30.000 Supermärkten in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sehen. Für entscheidende Hinweise wurde eine Belohnung von jeweils 100.000 Euro ausgesetzt.

Streker aus dem Rems-Murr-Kreis unterstützt Vermisstenaktion

Die Menschen sollen dort erreicht werden, wo sie ohnehin vorbeikommen – beim Einkaufen. „Man kann den Fernseher ausschalten, wenn Aktenzeichen XY läuft“, sagt Petra Streker, die Geschäftsführerin von Streker Natursäfte. „Aber an der Flasche im Regal komme ich als potenzieller Zeuge nicht vorbei.“ Es geht darum, an die Fälle zu erinnern – und womöglich die entscheidende Person dazu zu bringen, sich bei der Polizei zu melden.

Streker Natursäfte ist ein Familienunternehmen aus dem Rems-Murr-Kreis und wurde vor mehr als 175 Jahren gegründet. Seit gut 20 Jahren arbeitet die Firma mit true fruits zusammen. Im Jahr 2006 suchten Nicolas Lecloux und Marco Knauf, die true fruits gemeinsam mit Inga Koster gegründet hatten, einen Abfüllbetrieb – und wurden in Aspach fündig: „Sie kamen damals in ihrem alten Golf hier an“, erinnert sich Petra Streker.

Petra Streker ist die Geschäftsführerin von Streker Natursäfte. Foto: Gottfried Stoppel

Die Flaschen von true fruits werden in Aspach fertig bedruckt angeliefert. Rohwaren wie Mango, Maracuja oder Drachenfrucht kommen aus dem Ausland. „Und wir stellen dann den Apfelsaft dazu bereit. Den produzieren wir hier vor Ort“, erklärt die Geschäftsführerin. Streker mischt die Zutaten und füllt alles vor Ort ab.

Warum es hier nicht um Marketing geht

Für die Kampagne spendete Streker den gesamten Apfelsaft-Anteil der Smoothies. „Mich hat überzeugt, dass die Familien die Aktion unterstützen und dass auch die Polizei das Vorgehen für gut befindet“, sagt die Unternehmerin. Ihr ist sehr wichtig, zu betonen, dass es sich nicht um eine Marketing-Aktion handelt, sondern um eine bewusste Unterstützung: „Im Vordergrund stehen die Familien und die Vermissten, nicht wir.“

Bevor die Flaschen mit den Anzeigen in Umlauf kamen, wurde mithilfe von Tests sichergestellt, dass die Fotos der Vermissten beim Transport und der Abfüllung nicht beschädigt werden. „Es wäre schlimm, wenn ein Bild abgerieben wäre“, sagt Petra Streker. „Das würde den Angehörigen wehtun.“

Hilal soll nicht vergessen werden

Für Abbas Ercan, den Bruder von Hilal, bedeutet die Aktion vor allem eines: Hoffnung. Hoffnung darauf, dass jemand sein Wissen teilt – anonym, wenn nötig. Die Flaschen sollen verhindern, dass seine Schwester in Vergessenheit gerät. „Vielleicht sieht jemand das Foto und erinnert sich“, sagt er. „Sie war unschuldig. Ein Kind. Hatte noch ihr ganzes Leben vor sich und hätte Lehrerin oder Ärztin werden können.“

Durch die Aktion mit den Smoothies seien einige Hinweise eingegangen, erzählt er – diese seien jedoch nicht vielversprechend. Für die Zukunft wünscht Hilals Bruder sich einen Ort des Gedenkens, etwa eine Gedenktafel. „Wir haben kein Grab, keinen Ort, an den wir gehen können“, erzählt er. „Das Einkaufszentrum, in dem meine Schwester zuletzt gesehen wurde, ist kein Trauerort.“

Viele Hinweise – keine Antworten

Auch für Ralf Salice bedeuten die Vermisstenanzeigen auf den Smoothie-Flaschen Hoffnung. Er ist der Vater von Scarlett. Seit Beginn der Aktion seien rund 20 Hinweise eingegangen, erzählt er – „aber nichts Konkretes.“ Jeder Meldung werde nachgegangen. Die Polizei sei sehr bemüht, den Fall aufzuklären. Doch es gebe natürlich Grenzen: „Man kann nicht jeden Stein umdrehen, das weiß ich.“

Scarlett Salice (links) und Hilal Ercan werden seit mehreren Jahren vermisst. Foto: Ralf Salice / Abbas Ercan

Die Mischung aus Hoffnung und Ernüchterung, die Hinweise mit sich bringen, kennt er gut – er selbst ist schon unzähligen von ihnen nachgegangen. Ein Hinweis führte ihn auch nach Stuttgart. „Eine Frau hat sich gemeldet und meinte, sie hätte meine Tochter dort gesehen“, erzählt er. An seinem Geburtstag fuhr er los, sah sich Plätze an, an denen sich viele Menschen treffen, suchte nach Personen mit Wanderrucksäcken.

Doch er fand nichts, und die Hinweise der Frau wurden immer abstruser – sie habe behauptet, Scarlett beim Wäschewaschen gesehen zu haben, zuvor ihren Namen auf einem Klingelschild. „Ich wollte das nicht ignorieren“, erklärt Ralf Salice. Wenig später meldete sich der Sohn der Frau und erklärte, dass seine Mutter psychisch krank sei. Drei Tage war Salice umsonst unterwegs gewesen, war viele Kilometer durch die Stadt gelaufen.

Ralf Salice gibt die Suche nach Scarlett nicht auf

Immer wieder wird Ralf Salice mit dem Verschwinden seiner Tochter konfrontiert – ein Umstand, der ihn bis heute nicht loslässt. Doch auf seine eigenen Befindlichkeiten möchte er keine Rücksicht nehmen: „Ich werde alles in jeglicher Form unterstützen, das ansatzweise helfen kann“, sagt er. Er möchte nichts unversucht lassen, um seine Tochter zu finden.

Das Schwerste für ihn ist die Ungewissheit. „Bald ist es schon sechs Jahre her. Ich möchte wissen, wo sie ist und wer dafür verantwortlich ist“, sagt er. Manchmal kommt ihm der Gedanke, dass seine Tochter womöglich tot ist – das macht ihm zu schaffen. An einen Unfall glaubt er kaum: „Nach all den Jahren hätte man sie finden müssen.“ Trotzdem ist Aufgeben für ihn keine Option.

Sichtbarkeit statt Vergessen

Am Ende fällt der Blick wieder auf das Supermarktregal. Auf die beiden Fotos von Hilal Ercan und Scarlett Salice, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. Solange ihre Gesichter gesehen werden, sind sie nicht vergessen. Solange jemand stehen bleibt, liest, sich erinnert oder über die Fälle spricht, bleibt die Suche offen. Ein Ende gibt es erst, wenn klar ist, was geschehen ist. Das Wichtigste in Kürze

  • Zwei Vermisstenfälle: Hilal Ercan und Scarlett Salice
  • Aktion: Vermisstensuche per Smoothie-Flaschen von true fruits
  • Regionale Unterstützung: Spende durch Streker Natursäfte
  • Große Reichweite: Supermärkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Ziel: Neue, auch anonyme Hinweise aus der Bevölkerung
  • Hinweise können über https://truefruits-vermisst.com eingereicht werden