Es fing an beim Wechsel von der Schule in die Berufsausbildung. Sportlich schwer aktiv war die heute Mitte Dreißigjährige, die anonym bleiben will. Trotz aller Kampagnen gegen Body Shaming: Man geht nicht so gern an die Öffentlichkeit mit Essstörungen und Übergewicht. „Ich bin während der Ausbildung nicht mehr zum Trainieren gekommen, habe aber weitergegessen wie vorher“, sagt die Klientin der Beratungsstelle Essstörungen des Kreisdiakonieverbands Esslingen – von Patienten ist dort bewusst nicht die Rede.
Bemerkung wie „iss halt nicht so viel“ oder „Dicke sind einfach faul“ sind Schuldzuweisungen, Verletzungen des Selbstwertgefühls. Und die werden kompensiert durch: essen. Oder fasten. Beides kann bei extremen Verläufen der Essstörung tödlich enden. Ein Teufelskreis, sagt Micaela Neumann, Systemische Beraterin bei der Anlaufstelle. „Das gestörte Essverhalten ist nur das Symptom.“ Dahinter steckt etwas anderes. Die Klientin nennt es „Gefühl“. In jeder Gefühlslage – ob traurig oder freudig – „ist Essen für mich eine Beruhigung“. Und so war es nicht nur die Ungunst des Stundenplans, die sie als Auszubildende in die Essstörung hineinschlittern ließ. „Anfangs habe ich es mit einem Weight-Watcher-Programm wieder auf Normalgewicht geschafft.“ Zwei Todesfälle in der Familien warfen sie zurück ins emotionale Chaos und die Ess-Zwänge. Medizinische Aufklärung half nicht: „Ich wusste schon alles über Ernährung, Kalorien und so weiter.“ Nur die Frage nach dem Warum blieb offen.
Verbessertes Selbstbild
In der diakonischen Beratungsstelle wird sie gestellt. „Es geht hier nicht ums Abnehmen“, sagt Neumann klipp und klar, „sondern um die Verringerung des Leidensdrucks.“ Essenspläne, Ernährungsberatung und medizinische Therapien könnten von anderer Seite ergänzend hinzukommen. Für die Klientin waren die Termine in der Beratungsstelle sehr hilfreich: „Mein Selbstbild hat sich deutlich verbessert: Ich weiß inzwischen, dass ich in der Arbeit wegen meiner Leistung geschätzt werde und nicht, wie ich früher glaubte, aus Mitleid.“ Auch geht sie der Familie und Freunden gegenüber inzwischen offen mit ihren Essproblemen um – was sie allen Betroffenen raten würde: „Ich bekomme auch positives Feedback, zum Beispiel ,Gut siehst Du aus!’“
Ihr Befinden ist nicht untypisch für das, was sich hinter einer Essstörung oft verbirgt: „Mangelndes Selbstwertgefühl, mangelnde Anerkennung“, sagt Neumann. Allerdings gebe es ein breites Ursachenspektrum hinter den Symptomen von Bulimie bis Magersucht: „Unsicherheit, Erfahrung von Ausgrenzung oder Mobbing, Konflikte oder Veränderungen in der Familie, zum Beispiel Trennungen oder Todesfälle, aber auch Traumata wie sexualisierte oder andere Gewalt.“ Speziell die überwiegend bei Mädchen auftretende Magersucht gelte den Betroffenen als „Erfolgserfahrung, weil sie durch das Abnehmen die Kontrolle über ihren Körper zu gewinnen glauben.“ Darin könne der „unbewusste Versuch“ stecken, „das Erwachsenwerden zu verhindern.“ Vor Pauschalisierungen aber warnt die Expertin: Die tieferen Gründe von Essstörungen „sind individuell sehr unterschiedlich“.
Mädchen sind doppelt so oft betroffen wie Jungen
Apropos: Trügt der Eindruck, dass sie meist weiblich sind? Nein – und ja. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind bundesweit rund 29 Prozent der Mädchen zwischen elf und 17 Jahren von Essstörungen betroffen – und nur 15 Prozent der Jungen. Viele Jugendliche mit auffälligem Essverhalten finden sich auch bei normalem Körpergewicht zu dick. Darin spiegelt sich gesellschaftliche Wertigkeit: Dünn sei nicht nur eine Schönheitsnorm, sondern stehe für das Aktive, Dynamische und Erfolgreiche, sagt Neumann. Und: „Frauen werden in der Gesellschaft weit mehr nach ihrem Körper beurteilt als Männer.“
Was sich auch in den Zahlen der Esslinger Beratungsstelle abzeichnet: 70 Klientinnen standen 2023 nur neun Klienten gegenüber. Die „weibliche“ Anorexie (Magersucht) hat denn auch mit 47 Prozent den größten Anteil an den Beratungskontakten. In der bundesweiten Statistik liegt Bulimie (Ess-Brechsucht) an der Spitze. Dass überproportional Frauen vorstellig werden, hänge mit der „größeren Hemmschwelle bei Männern“ zusammen, sagt Neumann. Vielleicht auch damit, dass Männer weniger Handlungsbedarf sehen, wenn ihr Körper aus dem Leim geht. Von männlicher Beratungsresistenz zeugt auch, dass gleichzeitig die Zahl essgestörter Männer steigt. Laut Neumann etwa bei Heißhungerattacken (Binge Eating Disorder), die im Unterschied zur Bulimie „von Betroffenen nicht durch Erbrechen, Abführmittel oder exzessiven Sport gegenreguliert werden“.
Teilweise eine Folge von Corona
Insgesamt nehmen Essstörungen bei jungen Menschen zu. Teilweise eine Corona-Folge, sagt Neumann: „Viele Jugendliche berichten, wie sie die Lockdowns als Strukturverlust erlebt haben.“ Vor allem aber spielen die sogenannten Sozialen Medien eine verheerende Rolle, einerseits durch das Propagieren von Schlankheitsidealen, andererseits durch Challenge-Effekte à la „wenn du in dieser Woche mehr als einen Apfel isst, fliegst du aus unserer Chatgruppe raus“.
Was kann man selbst tun, wenn man merkt, dass Freunde, Freundinnen oder die eigenen Kinder Essstörungen entwickeln? „Sich gesprächsbereit zeigen, Ich-Botschaften senden wie ,Ich bin für dich da’ – aber nicht den Körper der Betroffenen bewerten“, rät Neumann. Ihre Klientin bestätigt: „Übergriffige Ansprachen wie ,Du wirst immer dicker’ bringen gar nichts.“
Hilfe und Prävention
Beratungsstelle
Die Anlaufstelle bei Essstörungen befindet sich im Diakonischen Beratungszentrum in Esslingen, Berliner Straße 27, beim Georgii-Gymnasium. Die Telefonnummer lautet 0711/342 157-100. E-Mail: AnlaufEssstoerung@kdv-es.de. Die Beratungsgespräche finden überwiegend in Präsenz statt, sind aber auch per Telefon oder E-Mail möglich. Die Beraterin Micaela Neumann sowie eine Honorar-Fachkraft sind auch mit Präventionsprojekten in Schulen tätig.
Kosten
Die Beratung ist für Betroffene und Angehörige kostenfrei. Getragen und finanziert wird das Angebot von der Evangelischen Kirche sowie teilweise vom Landkreis Esslingen, der 50 Prozent der Kosten der hauptamtlichen Beraterinnenstelle übernimmt. Im Präventionsbereich kommen weitere Kirchenmittel sowie Spenden hinzu, „für die wir sehr dankbar sind“, sagt Uwe Stickel, Leiter des Diakonischen Beratungszentrums.