InterviewHilfsaktion für den Tütenmann Obdachlosigkeit: „Helfen ist nicht immer einfach“

Von wei 

Warum entscheiden sich Menschen freiwillig für ein Leben auf der Straße? Und warum tun sich manche schwer damit, Hilfe anzunehmen? Wir haben mit einem Experten von der Hilfseinrichtung Erlacher Höhe gesprochen.

Anton Heiser ist Abteilungsleiter bei der Hilfseinrichtung Erlacher Höhe – und weiß, wie Menschen auf der Straße landen. Foto: Erlacher Höhe
Anton Heiser ist Abteilungsleiter bei der Hilfseinrichtung Erlacher Höhe – und weiß, wie Menschen auf der Straße landen. Foto: Erlacher Höhe

Fellbach - Der Fall des Tütenmanns bewegt die Gemüter. Wieso entscheidet sich ein Mensch zu einem Leben auf der Straße – und muss er eigentlich überredet werden, Hilfe anzunehmen? Anton Heiser, Bankkaufmann und Diplom-Sozialarbeiter, kennt sich in solchen Fällen aus. Er leitet die Abteilung Ambulante Hilfen Rems-Murr bei der Erlacher Höhe, einer Organisation, die mit etwa 60 Projekten Menschen in sozialen Notlagen hilft.

Herr Heiser, warum entscheiden Menschen sich dafür, auf der Straße zu leben?
Die allerwenigsten wohnungslosen Menschen entscheiden sich freiwillig dafür, sondern werden aus unterschiedlichsten Gründen in diese menschenunwürdige Situation gezwungen. Aktuell spielt dabei vor allem der angespannte Wohnungsmarkt die entscheidende Rolle
Kommt es oft vor, dass Nichtsesshafte auf die Hilfsangebote anders reagieren als Helfer erhoffen?
Es kommt selten vor – aber wenn, dann erregt das immer sehr großes öffentliches Interesse. Vor einigen Jahren gab es einen Barfuss-Mann, der immer barfuß unterwegs war und auch draußen übernachtete, auch bei kalten Temperaturen. Aktuell ist im Landkreis eine Frau unterwegs, die zwar eine Wohnung oder ein Zimmer hat und trotzdem in öffentlichen Gebäuden schläft. Diese Fälle sind für uns „normale“ Menschen immer schwer auszuhalten. Wir wollen helfen, aber das ist nicht immer einfach. Wir hatten in den 1990-er Jahren eine breite ehrenamtliche Initiative, die sich für die Verbesserung der Situation wohnungsloser Menschen eingesetzt hat, durchaus auch sehr erfolgreich. Aber eine wesentliche Erkenntnis war auch, dass sich nicht alle Personen helfen lassen wollen, ihre Verhaltensweisen – etwa Sucht – zu ändern bereit sind, oder immer dankbar reagieren. Das war oft schwer aushaltbar.
Wollen Obdachlose überhaupt Hilfe?
Die allermeisten Menschen wollen Hilfe und nehmen diese auch an. Und wer Hilfe benötigt, kann diese in der Regel auch erhalten. Die Situation für wohnungslose Menschen im Rems-Murr-Kreis hat sich gegenüber den 1990er Jahren deutlich entspannt. Allerdings verhindert der angespannte Wohnungsmarkt leider eine Rückkehr in die gesellschaftliche Normalität. Das ist das aktuell dringendste Problem in der Wohnungsnotfallhilfe. Das trifft auch auf viele anerkannte Flüchtlinge zu, die ebenfalls selten Wohnraum finden. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe leben in Deutschland 860 000 Menschen ohne festen Wohnsitz – damit hat sich die Zahl innerhalb eines Jahres verdoppelt.
Welche Hilfe bekommen solche Menschen auf der Erlacher Höhe?
Schnelle Hilfe erhalten akut wohnungslose Menschen durch unsere Notübernachtungsplätze in Backnang, die nach Männern und Frauen getrennt und immer zwischen 17 und 18 Uhr geöffnet sind. Daran schließen sich längerfristige Wohnmöglichkeiten in zwei kleinen Aufnahmehäusern an. Stationäre Hilfen für Menschen mit hohem Hilfebedarf bieten wir in Großerlach-Erlach an, wo sich auch suchttherapeutische stationäre Hilfen und ein Pflegeheim befinden. In Waiblingen-Beinstein gibt es eine Einrichtung für gesundheitlich beeinträchtigte suchtabhängige Menschen. Für die Nachsorge sind in Backnang und Murrhardt zwei teilstationäre Einrichtungen vorhanden, die den Menschen die Rückkehr in die gesellschaftliche Normalität mit Wohnung und Arbeit ermöglichen. Präventiv sind wir im gesamten Landkreis mit dem sogenannten „Ambulant betreuten Wohnen“ unterwegs, um Menschen in ihrem eigenen Wohnraum aufzusuchen und drohende Obdachlosigkeit zu verhindern.



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