Hilfsangebot bei Kindsverlust für Eltern Erfahrungsaustausch und ein offenes Ohr

Hebamme Katrin Neher hat den Kurs Anfang 2024 ins Leben gerufen Foto: privat

Was kann man tun, um über eine Totgeburt hinwegzukommen? Welche Wege gibt es, mit der Trauer und möglichen Schuldgefühlen klarzukommen? Eine Hebamme aus Stuttgart bietet einen Kurs an, in dem Betroffene die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und neuen Mut zu fassen.

Der Stein wiegt schwer in ihren Händen. Doch noch viel schwerer sind die Gedanken, die sie sich machen. Einerseits haben sie Grund zur Freude: Sie sind wieder schwanger, dürfen guter Hoffnung auf ihr Wunschkind sein. Andererseits gibt es da aber noch so viele anderer Gefühle: die Trauer um ihre Babys, die in der vorangegangenen Schwangerschaft, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, die Schuldgefühle ihnen gegenüber, die Angst vor einem erneuten Verlust, die Ohnmacht vor dem Schicksal, . . . „Wie fühlt ihr euch?“, fragt Katrin Neher die Frauen, die aus verschiedenen Landkreisen rund um Stuttgart – unter anderem auch aus dem Rems-Murr-Kreis – in die alte Turnhalle neben dem Marienhospital gekommen sind, um an ihrem Kurs teilzunehmen, der in der Region Stuttgart bislang beispiellos ist.

 

Über widerstreitende Gefühle austauschen

„Folgeschwangerschaft nach Kindsverlust – Vertrauen finden für Schwangere“ hat die Hebamme, die neben ihrer Teilzeitanstellung am Marienhospital auch freiberuflich tätig ist, ihr neues Angebot genannt, das für die Teilnehmerinnen indes weit mehr als das ist. Für sie ist es die Gelegenheit, über all ihre widerstreitenden Gefühle zu reden. Diese so vielleicht ein bisschen für sich sortieren zu können im Austausch mit Frauen, die all das aus eigener Erfahrung heraus nachvollziehen können. Der Steinquader, den sie zur Beantwortung von Nehers Frage reihum auf Yoga-Matten sitzend weiterreichen, hilft dabei. Auf seine Seiten sind unterschiedliche Symbole gemalt: Tropfen, dunkle Wolken, Wirbelsturm, Regenbogen und Sonne. Auf einem bunten Sternentuch in der Mitte ihres Gesprächskreises flackern LED-Lichter. „Damit die verstorbenen Kinder hier auch Raum finden“, erklärt Neher. Einen Raum, den es in anderen Schwangerengruppen für sie nicht gibt, während bei Treffs für Sternenmütter wiederum die neue Schwangerschaft als Thema keinen Platz hat.

Belastung für Sternenmacher

Deshalb habe sie den Kurs Anfang des Jahres ins Leben gerufen, berichtet Neher. Auf diesen Zwiespalt, in dem wieder schwangere Sternenmamas stecken, aufmerksam geworden ist Neher durch die Rückbildungskurse, die sie in Stuttgart bei Pro Familia anbietet – ebenfalls speziell für Frauen, die ihre Babys verloren haben. „Eine Folgeschwangerschaft ist für die Frauen oft ein Riesenthema.“ Seien sie dann wieder guter Hoffnung, wüssten sie nicht wohin mit ihren Sorgen. „Andere glückliche Schwangere wollen sie damit nicht belasten.“ Andere trauernde Sternenmamas wiederum nicht mit ihrem neuen Glück konfrontieren. Freunde und Bekannte, die derartiges nicht erlebt haben, seien aber ebenfalls keine passenden Ansprechpartner. Im Schein der LED-Lichter in der alten Turnhalle indes darf alles zur Sprache kommen: die Freude über positive Nachrichten bei der jüngsten Ultraschalluntersuchung ebenso wie die Furcht vor erneuten tödlichen Geburtskomplikationen und die Trauer, die sich dazwischen plötzlich tränenreich Bahn bricht, ganz egal wie lange der Verlust zurückliegt, ob ein oder vier Jahre.

Derweil ist der Austausch unter den Betroffenen nur ein Teil der zweistündigen Treffen, die einmal im Monat stattfinden. „Der Kurs ist eine Mischung aus Bewegung, Entspannung und Austausch“, fasst Neher zusammen. Ersteres diene dazu, Stress zu reduzieren. Zudem würden die Gymnastik- und Yogaübungen für Beckenboden und Rücken den Frauen in ihren aktuellen Schwangerschaften gut tun. Die tiefe Bauchatmung währenddessen trage zur Entspannung bei und senke ebenfalls nachweislich das Stresslevel. Meditationen und Gedankenreisen runden den ganzheitlich angelegten Kurs ab und helfen Ängste und Sorgen wenigstens für ein paar Minuten beiseitezuschieben.

Etwas für Sternenmamas zu tun, sei für sie ein Herzensthema, sagt die junge Hebamme. Seit sie während ihres Dualen Studiums in Hamburg eine Totgeburt miterlebt habe, lasse es sie nicht mehr los. „Das war eine der schönsten Geburten, die ich erlebt habe. Es war so viel Liebe da.“ Obwohl das Kind massive Fehlbildungen hatte und die Mutter sich deshalb für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden habe, sei spürbar gewesen, wie sehr sie es trotzdem liebt. „Ich wusste nach der Geburt nicht, was ich sagen soll und habe sie gefragt, ob sie das Kind halten möchte“, erzählt die 29-Jährige, „und sie hat sofort gesagt ‚ja, klar‘ und die Arme nach ihm ausgestreckt. Natürlich sind dabei auch Tränen geflossen.“

Auf die Betreuung einer solchen Geburt vorbereitet worden sei sie in ihrem vierjährigen Studium mit paralleler Ausbildung im Krankenhaus und in der Berufsschule kaum. Lediglich in einem wenige Tage dauernden Sterbeseminar sei der Tod von Babys zur Sprache gekommen. „Das reicht für eine gute Begleitung nicht aus“, findet Katrin Neher. Daher habe sie sich nach ihrem Studienabschluss 2019 selbst weitergebildet und dazu spezielle Lehrgänge in Deutschland und in der Schweiz besucht. Vor Kurzem machte sie zudem eine Studie im Rahmen ihrer Masterarbeit über Rückbildungskurse nach perinatalem Kindstod.

Mehr Information finden Sie online unter: www.neher.hebamio.de.

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