Das Schlaflager im Wohnzimmer hat sich jüngst verkleinert, nimmt aber immer noch den halben Raum ein. Hier sitzen nun Mutter Lubow und ihre acht bis 20 Jahre alten Kinder: Maria, Lina, Natalia, Olena, Viktoria, Andre und Wolodymyr. Und natürlich Nelia, die hochschwangere Schwiegertochter. Nur Lubows Ehemann, auch er heißt mit Vornamen wie der ukrainische Präsident, fehlt. Er holt Geflüchtete aus der Ukraine nach Polen und Deutschland – und bringt Hilfsgüter in seine Heimat. Sie erwarten ihn in wenigen Stunden zurück. Er braucht länger als geplant. Eine Felge am Transporter ist kaputtgegangen. Es war zu viel fürs Material, dass er bis zu 30 Personen mit dem Neunsitzer fuhr.
Lubow sieht müde aus. Seit vier Uhr morgens ist sie wach. Ihre Eltern sind in Luzk zurückgeblieben, sie fühlen sich zu alt für die Flucht. Die 39-Jährige hat kaum geschlafen vor Sorge. Die ganze Nacht hätten die Sirenen geheult, hätten ihre Eltern ihr am Telefon gesagt. Ganz in der Nähe von ihrem Haus sei ein Militärflughafen. Am 24. Februar gingen dort deshalb Bomben runter. „Ich bin davon aufgewacht“, erzählt Lubow. Ihr erster Gedanke: „Wo können wir uns verstecken? Müssen wir jetzt im Keller leben?“
Rund 72 Stunden später waren sie in Sicherheit – rund 1520 Kilometer entfernt. Bei Familie Selzer-Niederer in Oberboihingen. Und nicht nur sie: insgesamt 19 Menschen aus der Ukraine hat die Familie vorübergehend ein Zuhause gegeben.
Alle haben mit angepackt
„Für mich ist das ein normaler mitmenschlicher Akt“, sagt Lubov Selzer-Niederer. Sie weiß noch, wie sie mit ihrem Mann die schrecklichen Nachrichten am Tag des Kriegsbeginns verfolgte. Beide mussten an Wolodymyr denken, den ukrainischen Busunternehmer, den sie über einen Bekannten kennengelernt hatten und der seither immer mal bei ihnen übernachtete, wenn er auf der Durchreise war. Einmal kam er mit seiner großen Familie. Ihr Mann Norbert habe sie angesehen und gesagt: „Ruf an, sie sollen sofort kommen!“ Wolodymyr fragte, ob die Familie seines Schwagers mitfahren könne. Zusammen wären sie 19 Leute. Auch da waren sich die Selzers einig: „Alle sollen kommen, die ein Dach über dem Kopf brauchen.“
Lubov, Norbert und der 17-jährige Sohn Valentin Selzer zogen kurzerhand zu den Schwiegereltern von Tochter Irina Selzer nach Esslingen. Letztere trommelte über die sozialen Medien, bat um Spenden. Der älteste Sohn der Familie, Arkadi Selzer, reiste aus München an, organisierte die fehlenden Matratzen. Mutter Lubov kochte Unmengen Gulasch, briet 100 Frikadellen. Jeder packte mit an.
Musikschullehrerin ist selbst in Moskau geboren
Im Wohnzimmer stapeln sich Tüten voller Kleidung und Spielsachen. Auch in anderen Zimmern lagern Tüten, Koffer, Kartons. Alles Spenden. Nichts davon haben die Gäste mitgebracht. Sie hätten quasi „nur ihre Papiere und ihre Bibel“ dabei gehabt, erzählt Lubov Selzer-Niederer. Wegen der vielen Passagiere war kein Platz für Gepäck in den Kleinbussen. Wolodymyr war gerade in Deutschland im Einsatz gewesen, als der Krieg begann. Er erwartete seine Familie an der Grenze. Lubows ältester Sohn und ihr 43-jähriger Bruder wurden zunächst nicht durchgelassen, sie durften aber nachreisen. Lubows Sohn konnte nachweisen, dass er ausgemustert war. Und als Vater von mehr als drei Kindern musste Lubows Bruder nicht an die Front. Auch sie beteiligten sich – wie Wolodomyr – nun an den Hilfstransporten, betont Lubov Selzer-Niederer.
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Die bald 60-jährige Musikschullehrerin ist selbst in Moskau geboren und dort aufgewachsen. Als 29-Jährige kehrte sie der Sowjetunion den Rücken. Sie hat keine guten Erinnerungen an ihre erste Heimat. Sie sei nie zurückgeflogen, nie in Russland gewesen. Dennoch empfinde sie Scham. Ihre Muttersprache sprechen auch ihre drei Kinder, was gut ist in diesen Tagen. Für Valentin sei es selbstverständlich gewesen, dass er sein Zimmer aufgibt und die Kinder alles nutzen durften, sogar die X-Box, erzählt seine Mutter nicht ohne Stolz.
Neue Bleibe auch für die verbliebenen acht gefunden
Vor einer Woche sind sie wieder in ihr Haus zurückgezogen. Die Familie des Schwagers konnte in ein Haus in der Nähe von Balingen ziehen – auch Nelia und Wowa, wie der jüngere Wolodymyr gerufen wird, sind versorgt. Sie haben eine kleine Wohnung in Filderstadt gefunden, die Vermieter seien unglaublich sozial, sie hätten sich sogar um eine Hebamme gekümmert. Ein Babybett wurde gespendet. Das alles hat Lubov Selzer-Niederer gezeigt: „Wenn Menschen zusammenhalten, kann man Berge versetzen.“
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So sind „nur“ noch acht Gäste übrig und auch das nicht mehr lang. Für Lubow, Wolodymyr und ihre sechs minderjährigen Kinder haben sie eine Vier-Zimmer-Wohnung in Filderstadt gefunden. Möbel fehlten allerdings noch so einige. „Wir müssen auch noch renovieren“, sagt Lubov Selzer-Niederer, dann könnten die acht in zwei bis drei Wochen in ihr neues Zuhause. Fußläufig sei dieses zu einer Gemeinschaftsschule und zur Musikschule, freut sie sich. Zwei Schulranzen wurden schon abgegeben, weitere seien willkommen: genauso wie Hefte, Stifte, Blöcke für die Zweit- bis Elftklässler.
„Wir fühlen uns nicht eingeengt“
„Mama, wie lange bleiben wir hier?“, das hat die achtjährige Viktoria ihre Mama schon mehrfach gefragt. „Ich weiß es auch nicht“, habe sie ehrlich geantwortet, sagt Lubow. „Ich weiß nur, dass wir nicht in den Krieg zurückgehen werden.“ Sie sei dankbar, hier zu sein. Dass ihre Kinder nicht immer die Sirenen hören müssen. Dass sie nicht jede Minute in Angst leben müssen. Dass sie gerade hier ankommen durften. Und dass ihr Enkelkind nicht – wie so viele Babys in ihrer Heimat – in den Katakomben geboren wird.
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Vor wenigen Tagen ist Norbert Selzer 57 Jahre alt geworden. Sie haben zusammen gegrillt, die 39-jährige Lubow hat eine Torte gebacken – alle haben für den Musiklehrer gesungen. „Für uns ist das eine Bereicherung“, sagt Lubov Selzer-Niederer. „Wir fühlen uns nicht eingeengt.“ Der Vorname, der sie mit der Jüngeren verbindet, heißt passenderweise übersetzt Liebe.
Wie kann man helfen?
Hilfe
Wer ukrainischen Geflüchteten helfen will, findet bei der Stadt Stuttgart unter https://www.stuttgart.de/ukraine-hilfe eine Zusammenschau. Dort kann man auch Wohnraum melden, den man vermieten würde. Sachspenden kann man auch gut über die Facebook-Gruppe „Refugees welcome to Stuttgart“ einstellen. Der ukrainische Verein Wolja Stuttgart sammelt gezielt Sachspenden, zum Beispiel SIM-Karten, die am Stuttgarter Hauptbahnhof ausgegeben werden.
Hilfe
Wer konkret diese beiden Familien unterstützen will, kann sich an Irina Selzer wenden, die die Hilfen koordiniert: irina.selzer@gmail.com. Die E-Mail-Adresse funktioniert auch als Paypal-Adresse.